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Verhaltenstrainer mit Langzeiteffekt: Dass es der Säbelzahntiger selten gut mit unseren Ahnen meinte, prägt uns bis heute.
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Verhaltenstrainer mit Langzeiteffekt: Dass es der Säbelzahntiger selten gut mit unseren Ahnen meinte, prägt uns bis heute.

Psychologin Gabi Pörner

„Die Angst meint es gut mit uns“

  • Boris Halva
    VonBoris Halva
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Ein Gespräch mit der Psychologin Gabi Pörner über Komfortzonen, Kraftquellen und zur Frage, warum der Jahreswechsel eine gute Zeit ist, um Teufelskreise zu durchbrechen.

Frau Pörner, für viele Menschen ist die Zeit zwischen den Jahren eine Zeit des Innehaltens. Und eine Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und zu schauen, was im neuen Jahr anders werden soll. Also auch ein guter Zeitpunkt, sich seinen Ängsten zu stellen?

Es ist auf jeden Fall eine gute Gelegenheit zu reflektieren und zu fragen: Was lief gut und was nicht? Wo habe ich mich weiterentwickelt, welche Stärken habe ich ausgebaut? Aber die Angst vor dem Neuen oder dem Ungewissen, die es in dieser herausfordernden Zeit ja auch gibt, kann uns ausbremsen. Weil wir ein großes Bedürfnis nach Ordnung und Sicherheit haben und unsere Komfortzone nicht gerne verlassen. Und dabei spielen unbewusste Glaubenssätze eine Rolle.

Was meinen Sie mit unbewussten Glaubenssätzen?

Wir haben alle als Kinder Vorbilder gehabt und deren Verhalten oder Einstellungen übernommen. Dabei haben wir auch bestimmte Glaubenssätze entwickelt, nach denen wir handeln, die uns aber nicht bewusst sind.

Zum Beispiel?

Ich muss schnell sein. Oder ich muss perfekt oder stark sein. Diese Glaubenssätze leiten auch im Erwachsenenleben unser Handeln. Wenn ich den Glaubenssatz habe, ich muss mich um andere kümmern, dann weiß ich, was andere brauchen und kann denen wunderbar helfen. Ich selber komme dabei zwar immer zu kurz, aber trotzdem handele ich danach. Wenn mir dieser Glaubenssatz bewusst wird, dann habe ich die Chance, einen neuen zu entwickeln, der meinen Denk- und Handlungsspielraum erweitert. Ich könnte mir sagen: „Ich habe das Recht, mich für meine Bedürfnisse einzusetzen.“ Dadurch kann ich mein Verhalten ändern und mich abgrenzen. Aber genau da kommt die Angst hoch: Was passiert, wenn ich Nein sage? Bin ich dann noch anerkannt? Blamiere ich mich? Das will natürlich niemand.

Weil wir alle gern mit anderen Menschen verbunden sind …

Eben, und trotzdem ist es notwendig, dass wir, wenn wir uns weiterentwickeln wollen, uns immer wieder bewusstmachen: Ich bin jetzt am Rand meiner Komfortzone und mache gerade etwas, was mir eigentlich nicht entspricht. Und auch wenn ich nicht weiß, was passiert, wenn ich den nächsten Schritt mache, dann kann ich ja trotzdem neugierig sein, was dabei rauskommt. Denn in aller Regel kommt nicht das dabei heraus, was ich befürchte.

Sondern?

Ich merke, dass mich die anderen immer noch anerkennen, auch wenn ich Nein sage. Und mehr noch: Ich merke, dass ich dadurch sogar Profil gewinne. Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen und werde auch nicht mehr so leicht ausgenutzt. Dadurch bekomme ich mehr Standing, mein Selbstvertrauen wächst – und ich werde für andere auch klarer sichtbar.

Das sind alles Effekte, die nach vorne weisen – aber helfen diese Veränderungen uns auch, im Rückblick zu erkennen, was schon gut war?

Klar, denn in der Komfortzone liegen auch meine Kraftquellen. Wir machen viele Dinge gut, und wenn wir uns das bewusstmachen und wertschätzen, dann können uns diese Kraftquellen dabei helfen, weitere Schritte zu machen.

Hilft diese Einsicht auch dabei, die Angst abzulegen, Schwäche zu zeigen?

Wir alle haben Stärken und Schwächen. Und beide sind Teil unseres Selbstvertrauens. Um mich zu stärken, muss ich meine Komfortzone immer wieder verlassen. Und ich schwäche mich in dem Moment, in dem ich mich von meiner Angst leiten lasse und Dinge vermeide. Das ist schade, weil ich so nicht wachsen kann.

Es geht also bei der Arbeit an der Angst auch um Selbstwahrnehmung. Aber um uns selbst wahrzunehmen, müssen wir auch innehalten, oder nicht?

Bewusste Selbstwahrnehmung ist das A und O. Das heißt: innehalten! Denn nur dabei kann ich meine Gedanken als Gedanken wahrnehmen. Und eben auch wahrnehmen, welche Gefühle meine Gedanken auslösen. Denn oftmals sind es negative, sorgenvolle Gedanken an die Zukunft, die uns Angst machen. Wenn ich denke, oh, vor dieser Präsentation habe ich Angst, dann zieht dieser Gedanke weitere Gedanken nach sich – und irgendwann haben wir wirklich Angst vor dieser Präsentation. Wir glauben immer mehr, dass diese Angst real ist, dabei sind es nur Gedanken. Unser Job ist es, unsere Gedanken immer wieder in die Gegenwart zu lenken. Was ist gerade jetzt?

Jetzt bin ich verwirrt: Ist Angst nun ein Gedanke oder ein Gefühl?

Eine Mischung aus beiden. Bei einer konkreten Bedrohung handelt es sich um eine instinktive Reaktion mit dem Ziel, das Überleben zu sichern. Häufig werden alte Strukturen – wie Glaubenssätze, frühere Erlebnisse – in bestimmten Situationen aktiviert, es entstehen blitzartig körperliche Empfindungen und Gefühle, die wir als Angst bezeichnen. Wenn wir dann den Gedanken freien Lauf lassen, geraten wir in einen Teufelskreis der Angst.

Zur Person: Gabi Pörner ist Psychologin und arbeitet seit vielen Jahren als Managementtrainerin, Business-Coach und Traumatherapeutin. Sie ist Spezialistin auf dem Gebiet der Persönlichkeitsentwicklung und des konstruktiven Umgangs mit Stress und Veränderung. Zudem ist sie Autorin erfolgreicher Selbsthilfebücher. FR

Wie kommen wir da wieder raus?

Indem wir uns diese Situation näher anschauen und überlegen: Wie ist die Situation wirklich? Wie bewerte ich die Situation? Was will die Angst mir sagen? Wie realistisch sind meine Gefühle und Gedanken? Was könnte ich aus der Situation lernen? Mit Blick auf den Jahreswechsel kann ich mir überlegen, was will ich im neuen Jahr, wenn ich in eine ähnliche Situation komme, anders machen? Was wäre mein nächster Entwicklungsschritt, den ich bewusst gehen kann? Welche Werte und Fähigkeiten helfen mir dabei? Wir können uns auch das Prinzip des Reframing zunutze machen …

Aber ist Reframing, also die sprachliche Umdeutung bestimmter Situationen, nicht eine Art Selbstbetrug – wenngleich ein wohlwollender?

Die Psychologin Alison Wood Brooks von der Harvard Business School hat festgestellt, dass Menschen, die Angst vor Prüfungen und Karaoke-Singen hatten, leichter mit ihrer Angst umgehen und besser singen konnten, wenn sie sich gesagt haben, dass sie jetzt aufgeregt sind oder eben neugierig. Wohingegen die Gruppe, die mit dem Begriff „Angst vor Prüfungen oder vorm Karaoke-Singen“ gearbeitet hat, schlechter abgeschnitten und daher auch weniger Spaß dabei gehabt hat. Das ist doch erstaunlich, wie allein die Wortwahl beeinflusst, wie wir empfinden, was wir tun!

Da manipulieren wir uns ja schon wieder!

Wir manipulieren uns durch unsere Gedanken ohnehin, die Frage ist: in welche Richtung. Wenn ich mich in eine konstruktive Richtung manipuliere, hilft mir das, mich weiterzuentwickeln.

Sie schreiben in Ihrem Buch: Wer viel Angst hat, hat auch viel Fantasie. Unsere Fantasie kann uns aber auch ganz schön ausbremsen …

Oh ja! Das kenne ich auch von mir selbst. Was ich früher für Romane erzählt habe, um bloß nicht aus meiner Komfortzone rauszumüssen! Wenn ich diese Energie genutzt hätte, um nach Lösungen für meine Nöte zu suchen, dann hätte ich mir einiges erspart. Und das stelle ich auch im Coaching immer wieder fest: Wie sich Menschen selbst daran hindern, was Neues auszuprobieren, weil sie Angst haben, sich zu blamieren, kritisiert und verletzt zu werden. Angst kann aber auch ein Antrieb sein, sich weiterzuentwickeln.

Kann Hoffnung Angst ausgleichen?

Ich würde sagen: ja. Unser Gehirn ist darauf programmiert, immer dahin zu schauen, wo Angst lauern könnte. Das ist evolutionär bedingt. Früher, als es noch den Säbelzahntiger gab, mussten die Menschen immer schauen, wo Gefahr droht. Dieses Muster ist tief in uns eingeschrieben, und deshalb schauen wir auch heute immer wieder auf mögliche Gefahren, die sich aber häufig nur in unserem Kopf abspielen. Dabei wäre es auch wichtig, bewusst auf die konstruktive Seite zu schauen und sich zu fragen: Was läuft gut? Diesen Blick haben wir nicht gut verinnerlicht. Weil für uns so vieles selbstverständlich ist, etwa, dass unsere Wohnung immer warm ist und dass draußen die Vögel singen. Und wenn ich das bewusst wahrnehme, kann ich tief durchatmen, mich auf diese Weise selbst stärken und eine Balance finden zu den Dingen, die meine Ängste schüren.

Es gibt Momente, da kommt es mir so vor, dass dieses genaue Hinsehen immer schwerer wird, weil wir heute so viele Möglichkeiten haben, uns abzulenken, sei es mit Serien, die wir Tag um Tag streamen, sei es mit Onlineshopping, Handyspielen …

Der ganze Konsum basiert hauptsächlich auf Ablenkung. Es ist ja auch angenehm und unterhaltsam, sich abzulenken. Aber wenn das zu einem automatischen Muster wird, dann hält mich das in der gewohnt-vertrauten Komfortzone. Rechtfertigungen, Schuldzuweisungen, Sarkasmus oder auch Trotz – das sind alles Mechanismen, um mich nicht direkt mit unangenehmen Situationen auseinandersetzen zu müssen. Diese Mechanismen halten uns in der Komfortzone.

Woher weiß ich denn, wo meine Komfortzone endet?

Sie endet dort, wo Spannung, Stress und Angst beginnen. Ich habe viel mit Hochleistungssportlern gearbeitet, und da war einer dabei, der konnte am Abend nur schlecht einschlafen. Am Morgen hat er sich oft nach dem Frühstück übergeben, weil er sich immer ausgemalt hat, was wohl passiert, wenn er stürzt. Oder dass seine Sponsoren abspringen, wenn er nicht genug Leistung bringt. Seine Gedanken beschäftigten sich sehr mit der Zukunft, aber es ging ja darum, im Hier und Jetzt präsent zu sein. Er hat dann erzählt, dass seine Eltern immer gerne Reinhard Mey gehört haben. Und so kamen wir auf die Idee, dass er abends Musik von Reinhard Mey hören könnte, weil ihm das ein Gefühl der Geborgenheit vermittelte. Er konnte dann tatsächlich gut einschlafen. Er löste sich – auch mit Hilfe von Glaubenssatzarbeit – von dem Stress und der Angst vorm Versagen.

Er hat also schöne Erinnerungen angezapft, um mit seiner Angst zurechtzukommen?

Ja. Jeder Mensch kann auf die Suche nach diesen inneren Kraftquellen gehen und schauen, was einem Kraft und Halt und Sicherheit gibt. Das können schöne Erinnerungen sein, ein Erlebnis in der Natur oder mit Freunden, aber auch eigene Talente und Fähigkeiten. Es ist wichtig, sich dafür Zeit zu nehmen und diese Kraftquellen mit guten Gefühlen und dem Körper zu verbinden.

Und auch eine gewisse Spannung aushalten zu können. Weil es ja – wenn ich Sie richtig verstehe – nicht nur darum geht, sich mit der Angst zu konfrontieren, sondern auch darum, Wege zu finden, sich abzulenken, ohne die Angst auszublenden.

Wichtig ist auch hier wieder: innehalten. Und da ist die Zeit vorm Jahreswechsel wirklich die beste Zeit zum Schauen und Überlegen, was will ich anders haben. Es geht darum, sich Zeit zu nehmen, das Gute zu spüren und sich auch zu fragen: Mit wem kann ich reden, wer tut mir gut? Und das Allerwichtigste ist, dass wir erkennen: Es geht nicht darum, die Angst zu bekämpfen oder gar zu besiegen, sondern sie anzunehmen. Die Angst meint es gut mit uns. Sie übertreibt halt gerne.

Interview: Boris Halva

Gabi Pörner.

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