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Die Ärzte: 40 Geschichten über die „beste Band der Welt“

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Die Anfänge der deutschen Punk-Legenden: Die Ärzte beim Auftritt in der „Spielbude“ in den 80ern.
Die Anfänge der deutschen Punk-Legenden: Die Ärzte beim Auftritt in der „Spielbude“ in den 80ern. © United Archives/Imago

Die Ärzte geben im Herbst 1982 ihr erstes Konzert. 40 Jahre später sind sie kein Stück gealtert – oder doch? Paul Christoph Gäbler hat 40 Geschichten über sie zusammengetragen. Eine Auswahl

Es passiert während eines trostlosen Urlaubs in Polen. Ich bin zehn Jahre alt, Deutschland ist in der Vorrunde bei der EM 2004 kläglich gescheitert und meine Eltern können sich keinen Urlaub am Strand leisten. Das kleine Ferienhaus mitten im Nirgendwo, was ich mir mit ihnen und meinen Brüdern teile, ist schäbig eingerichtet und riecht nach vermodernden Dielen. Ein fantastischer Ort, um Punkrock zu entdecken.

Draußen regnet es in Strömen und das Zimmer, in dem ich mit meinem älteren Bruder die Tage bis zur Rückkehr nach Berlin herunterzähle, wackelt unter den gewaltigen Powerchords von Farin Urlaub. Bela B schlägt das Zeug und Rodrigo González schrammt auf den vier Saiten herum. So etwas hatte ich davor noch nicht gehört und die Härte der Musik überfordert mich.

Im selben Jahr, wenige Monate später, bekomme ich zum Geburtstag eine Stereoanlage geschenkt und mein Bruder brennt mir eine MP3-CD mit Die-Ärzte-Alben, die er uns auf verschlungenem Wege im Internet besorgt hatte.

Das erste Album auf der selbstgebrannten MP3-CD heißt „1, 2, 3, 4 – Bullenstaat!“, besteht aus alten Punkcovern und dröhnt fortan, zum Leidwesen meiner preußischen Eltern, durch das ganze Haus. Nur kurze Zeit später bringe ich mir mit dem Songbuch von Die Ärzte und der dazugehörigen Grifftabelle das Gitarrespielen bei.

Wie kann das sein, dass eine Band, die eigentlich da schon zu alt ist, um wirklich cool zu sein und die mal entstanden war, um die engstirnige Berliner Punkszene zu provozieren, es schafft, das Herz eines Noch-nicht-mal-Teenagers zu erobern, der zuvor nur The Beatles, Queen und vorwiegend klassische Musik gehört hatte?

Konvertieren seit 40 Jahren die Jugend zum Punkrock: Deutsche Musiklegenden Die Ärzte

Zum Punk machten mich Die Ärzte nicht, weder färbte oder frisierte ich mir die Haare, noch konnte ich mich für Nietengürtel und Vandalismus begeistern – dafür war ich vermutlich zu gut erzogen. Aber was Punk nun überhaupt sein soll, das hatten Die Ärzte Zeit ihres Bestehens ohnehin breit definiert. „Ist das noch Punkrock“, fragt Farin 2012, „wenn euer Lieblingslied in den Charts ist?“ Und kann man überhaupt noch Punk sein, wenn man mit seiner Musik Millionen verdient hat?

Es ist eine hohe Kunst, auch im fortgeschrittenen Alter immer wieder den Geschmack neuer Kohorten Zwölfjähriger zu treffen und sie in ihren Bann zu ziehen. Die Ärzte beherrschen diese Kunst bis zu Perfektion. Erwachsene Männer, dazu wie ich in der Berliner Vorstadt aufgewachsen, die sich auf der Bühne flegelhaft benehmen und mit Schimpfwörtern um sich werfen… Welcher Teenager wird da nicht schwach?

Mein weiterer Werdegang als Fan der besten Band der Welt ist ein idealtypischer: Man wird älter, entdeckt andere Bands, die ihre Instrumente sogar ein wenig besser beherrschen – um dann doch wieder bei der Lieblingsband hängen zu bleiben. Bela und Farin, bürgerlich Jan Vetter und Dirk Felsenheimer, das sind die Freunde, die man sich als Teenager immer gewünscht hat.

Doch wie fing das Ganze eigentlich an? Tatsächlich mit einem Film.

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Es ist die finale Szene, die besonders unter die Haut geht. Nachdem der New Yorker Polizist, gespielt von Charlton Heston, herausgefunden hat, woraus das Nahrungsmittel Soylent Green gefertigt wird, fasst er seinem Vorgesetzten mit vor Schreck geweiteten Augen an die Schultern und ruft: „Soylent Green is people!“, in der deutschen Synchronisation übersetzt mit „Menschenfleisch!“.

Dass die deutsche Fassung ein kleines Eigenleben führt, ist schon im Titel zu erkennen. Trotzdem ist „… Jahr 2022 … die überleben wollen“ von Richard Fleischer ein überaus bemerkenswerter Film. Denn bereits 1973 stellt man sich die Zukunft der Erde alles andere als rosig vor. Die Erde ist in einem unbewohnbaren Zustand. Die Menschheit kämpft mit Überbevölkerung und Unterernährung, der Treibhauseffekt hat die Atmosphäre aufgeheizt und Nahrung gibt es nur noch in Form kleiner Tabletten: Soylent Green, ein Kofferwort aus Soy und Lentils, also Soja und Linsen, ist zum Hauptnahrungsmittel geworden. Echtes Fleisch, Gemüse und Obst sind nur noch wenigen Wohlhabenden vorbehalten. Nicht nur ist es eine der ersten Öko-Dystopien der modernen Filmgeschichte. Auch inspiriert er vier Berliner Punker zu ihrem Bandnamen.

Die Band Soilent Grün, in der ein gewisser Dirk Felsenheimer Schlagzeug spielt, macht harten, schnellen Punk. Sie kommt aus Spandau und nicht etwa Kreuzberg, wie vernünftige Punkbands ihrer Zeit. Trotz ihres aufkommenden Erfolgs machen einige der Punks einen Bogen um die Band – nicht, dass man noch versehentlich irgendwelchen Wohlstandskindern zujubeln würde.

Aller Anfang in der Punkszene ist schwer: Die Ärzte und das Image der Wohlstandskinder

Nach einem Konzert in einem Kreuzberger Punkschuppen mit dem nicht ganz korrekten Namen „KZ36“ kommt es zu einem Überfall durch Neonazis. Dem Gitarristen von Soilent Grün wird das Instrument entwendet. Da er sich kein neues leisten kann, fliegt er aus der Band. Dirk konnte ihn eh nicht mehr leiden, denn als er sich ein paar seiner Platten auf Kassetten überspielen wollte, hatte eben dieser Gitarrist dafür Geld von Dirk gefordert. Eine sehr unpunkige Aktion.

Bela B. und Farin Urlaub mit kurzzeitigem Bandmitglied Sahnie (v.l.) im November 1985.
Bela B. und Farin Urlaub mit kurzzeitigem Bandmitglied Sahnie (v.l.) im November 1985. © Teutopress/Imago

Im April 1981, an einem Mittwochabend im „Ballhaus Spandau“, einer durchschnittlichen Diskothek mit Hippie-Publikum, kommt es dann zu einer folgenschweren Begegnung, die die deutsche Musiklandschaft dauerhaft prägen wird: Dirk Felsenheimer stößt beim Pogen mit einem hochgewachsenen Blondschopf zusammen. Der Blondschopf heißt Jan Vetter und ist gerade braungebrannt aus einem Italien-Urlaub zurückgekehrt. Jan war erst vor kurzem durch eine Klassenfahrt nach London zum Punk mutiert und wollte sich dieses Event im „Ballhaus Spandau“ mal ansehen, wo jeden Mittwoch für eine ganze Stunde Punk gespielt wurde. In seinem Heimatbezirk Frohnau am nördlichen Stadtrand Berlins hatte er bisher keine Gleichgesinnten getroffen.

Dirk erklärt ihm, dass er Schlagzeuger in einer Band sei und man noch einen Gitarristen suche. Jan lässt sich das nicht zweimal sagen und bietet sich einfach mal an, auch wenn seine Fähigkeiten an der Gitarre zu diesem Zeitpunkt noch überschaubar sind. Der dauergrinsende, stets gut gelaunte Jan kann eine Gitarre halten, feiert dieselbe Musik und hat Lust auf Rebellion. Die Party kann beginnen.

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„Ist das Höckerchen noch frei?“ Ein spindeldürrer Mann, dessen Storchenbeine in hautenge, rote Hotpants gepresst sind, deutet auf den Stuhl neben Bela. Ja, antwortet der, das Höckerchen wäre noch frei.

„Geili-Geili!“, macht der Mann, reckt beide Daumen zum Himmel, lässt sich nieder und teilt der verdutzten Band mit, er würde sich ihren Chevy gleich mal anschauen.

Es ist Sommer 1994, Die Ärzte sind nach fünf Jahren Abstinenz zurückgekehrt, haben mit Rodrigo Gonzáles einen neuen Bassisten und sind endlich wieder auf Tournee. Weil man es so wollte (und sich leisten konnte), hatte man sich einen Chevrolet-G20-Van gegönnt, der ihnen als Bandmobil dienen sollte. Ein imposantes Auto, allerdings problembehaftet. Mal sprang der Wagen nicht an, mal schaltete er sich während der Fahrt unvermittelt ab oder löste ungewollt und mitten in der Nacht die Alarmanlage aus. Diesmal, irgendwo in der Pampa bei Flensburg, war es wahrlich ungünstig, dass der Wagen wieder einmal Zicken machte. Und dann auch noch am Wochenende.

Auch mal eine Quatsch-Platte: Wie Die Ärzte ein Album über Körperbehaarung schrieben

Der Mann, der neben seiner Beinbekleidung auch durch den beachtlichen Vokuhila und den furchteinflößenden Schnauzbart auffällt, macht ihnen ein umschmeichelndes Angebot. Er würde sich jetzt die Struktur des Wagens einmal anschauen, müsse aber dann noch mal nach Hause, sich hinlegen und eine Stunde meditieren, um sich in die Elektrik des Wagens hineinzuversetzen. Ob man denn noch vorher Zeit hätte für einen Cappuccino? Hätte man, entgegnet die Band. „Geili-Geili!“, macht der Typ erneut.

Eigentlich haben Chevrolets sehr simpel aufgebaute Motoren und der Antrieb war ja auch gar nicht das Problem gewesen, sondern die Elektrik. So staunen Die Ärzte auch nicht schlecht, als wenige Tage später die Rechnung der Autoreparaturwerkstatt eintrudelt: 2500 Mark fürs Batterieaustauschen, eine simple Tätigkeit, die das Problem des Wagens dazu noch nicht mal behoben hatte. Immerhin war man noch bis zum nächsten Konzert gekommen, wo sich eine etwas seriösere Autowerkstatt dem Wagen annahm.

Die Ärzte rächen sich auf ihre ganz persönliche Art und Weise: Sie widmen Mr. Geili-Geili einen Song oder lassen zumindest das Erlebnis einfließen. „Geili-Geili-Supertyp, warum hat dich keine lieb“, heißt es im Schlussrefrain von „3-Tage-Bart“, das 1996 auf ihrem Album „Le Frisur“ erscheint.

Das Album ist ein Experiment in vielerlei Hinsicht. Erstens ist es das erste und bis heute auch einzige Konzeptalbum von Die Ärzte, auf dem sich jeder Song mit dem Thema Körperbehaarung beschäftigt. Zweitens kann es als ein Testlauf dafür gesehen werden, wie viel ihre Labelchefs zu ertragen bereit waren.

Zwischen der Veröffentlichung von „Planet Punk“ und „Le Frisur“ liegen gerade einmal acht Monate. Eine kommerziell vollkommen sinnbefreite Aktion, wie das berufliche Umfeld anmerkt. Die Verkaufszahlen des Vorgängeralbums stoppen abrupt, die des neuen Albums kommen nicht in die Gänge. Entstanden war die Idee, ein ganzes Album über Körperhaare und Frisuren zu produzieren, ohnehin nur, weil bei der Produktion von „Planet Punk“ durch Zufall zwei Songs zu eben diesem Thema übrig geblieben waren. Na dann, denken sich Die Ärzte, schreiben wir eben ein paar neue Songs und basteln daraus eine Quatsch-EP. Der Wettbewerb zwischen Farin und Bela, wer die meisten Songs schreiben kann, artet aus und so werden aus den paar Songs direkt 15 und aus Versehen nimmt man eben ein neues Album auf.

Angestoßen werden solche Ideen durch die größte Triebfeder der Band: Scheiß. Es ist zwar bescheuert, so kurz hintereinander zwei Alben zu veröffentlichen. Aber genau deshalb macht man es trotzdem. Ein Konzept, an dem die Band bis heute festhält. Ein wenig dazugelernt haben sie inzwischen dennoch: Die letzten beiden Alben „Hell“ und „Dunkel“ wurden mit einem Abstand von elf Monaten veröffentlicht.

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Hell ist gerade erst erschienen, da sickert bereits durch, dass es nicht dabei bleiben wird. Mal wieder haben Die Ärzte so viele Songs geschrieben, dass es auf zwei Alben hinausläuft. Kein Wunder, schließlich hatte die Band seit fast zehn Jahren nicht mehr im Studio zusammengearbeitet. Nicht wenige Beobachterinnen gingen zwischenzeitlich von einer Auflösung aus. Nun platzt insbesondere bei Farin ein riesiger Knoten. Über 40 Songs aus seiner Feder liegen bereit. Also fangen sie an, auszusieben.

Bassist Rodrigo Gonzáles: Ihm ist wegen eines kleinen Bandstreits der Song „Our Bass Player Hates This Song“ gewidmet.
Bassist Rodrigo Gonzáles kann auch auf sechs Saiten rocken. © Serienlicht/Imago

Im Oktober 2021 erblickt mit „Dunkel“ das Schwesteralbum von „Hell“ das Licht der Welt. Beide Platten steigen auf Anhieb wieder auf die Spitzenposition der Charts, mit „True Romance“ gelingt der Band sogar wieder ein Nummer-eins-Hit. Und es gibt einen Tabubruch in der Welt von Die Ärzte, wie im letzten Track deutlich wird. Der heißt nicht ohne Grund „Our Bass Player Hates This Song“.

Er könne diesen Song einfach nicht unterstützen, hatte Rod sich gegenüber Farin und Bela erklärt. Ein Song, der zum Wählengehen aufruft – bei allem Verständnis für diese Aussage, aber ein solches Statement sei ein No-Go im Bandkosmos, und er wolle den Song nicht auf dem Album haben. Man sei schließlich Die Ärzte und die seien Zeit ihres Bestehens gegen erhobene Zeigefinger gewesen, der gesamte Gründungsmythos der Band fuße schließlich darauf. Weil ihm aber die Musik gefällt, gibt Rod dem Song einen halben Punkt von dreien.

Es ist ein halber Punkt zu viel. Der Song schafft es nach einer demokratischen Abstimmung mit Ach und Krach aufs Album und Rod ärgert sich. So kann Demokratie eben auch schiefgehen.

Bei der Produktion findet Rod den Song immer noch furchtbar. Das sei ihm zu Erklärbar-mäßig, er hätte Angst, mit dem Song bald von Armin Laschet oder Christian Lindner zitiert zu werden. So würde man die Band „entzaubern.“ Also schreibt Farin, um Rod zu ärgern, eine neue, noch Erklärbar-mäßige Strophe und packt sie an den Beginn des Songs. Beim gemeinsamen Abhören der Master-Tapes aber ist der Bassist verhindert und Bela und Farin stehen mit ihrem Gag alleine da. Um Rods Missfallen Ausdruck zu verleihen, geben sie dem Song den entsprechende Namen.

Man darf also noch einmal fragen: Ist das noch Punkrock? Es passt ins Erscheinungsbild der Band, mit eigenen Regeln zu brechen, einfach nur, um das Publikum zu überraschen. Punkerklischees hatten sie sowieso nicht immer entsprochen – vom Abstinenzler Farin bis zur poppigen Musik der Anfangsjahre. Und auch No Future war einmal: Zumindest Bela ist vor einigen Jahren Vater geworden.

„Ist das noch Punkrock?“: Die Ärzte 40 Jahre nach ihrem ersten Konzert

„Hell“ und „Dunkel“ zeigen in aller Deutlichkeit, dass sich die Zeiten und auch Die Ärzte verändert haben. Unpolitische Quatschstatements wie zu Anfang ihrer Zeit sind schwierig in einer Welt, die vor dem Klimakollaps steht und aktuell durch neu aufflammende Machtansprüche von Autokraten durcheinandergewirbelt wird.

Würde eine Band wie Die Ärzte sich heute neu gründen, es würde ihr nicht schwerfallen, zu provozieren. Genügend Triggerthemen sind vorhanden und Die Ärzte haben immer noch Gefallen an stumpfester Provokation.

In diesem Sinne sind Die Ärzte Punkrocker geblieben. Ihr Aufruf, bei der Bundestagswahl 2021 die Grünen zu wählen, zeigt, wie schwer ihnen das Thema Klimawandel auf der Seele zu liegen scheint. Das war bereits bei Soilent Grün zu erahnen, dessen namensgebender Film genau dieses düstere Zukunftsthema behandelt.

Dass Rockmusiker in der Regel nicht gerade umweltschonend unterwegs sind, liegt auf der Hand: viel auf Tour, viel Exzess, aber eben auch nur bis zu einer bestimmten Grenze. Das Credo der Band könnte also lauten: Ja, lebe verschwenderisch, lass es dir gutgehen und stelle dir sechs Bassdrums auf die Bühne, wenn du es witzig findest. Aber Erfolg nur um des Erfolgs willen? Dein Konterfrei auf einer Coca-Cola-Dose? Bitte nicht. Und so sind sie letztendlich einer Urregel des Punk treu geblieben: Mach dein Ding und verbieg‘ dich nicht und ob ein Song nur drei Akkorde hat ist völlig egal.

Von Paul Christoph Gäbler

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