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Dichtung und Wahrheit

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Als Monsterfisch wird der Piranha aktuell im Kino dreidimensional in Szene gesetzt. Dabei ist er gar nicht so schlimm. Von „Mordgier“ und „Lust am Töten“ kann keine Rede sein.

Von Christian Satorius

Was der Hai im Meer ist, ist der Piranha im Süßwasser: ein Fisch mit einem Imageproblem. Ab dieser Woche ist er wieder im Kino zu sehen: „Piranha 3D“ setzt die „Horrorfische“ diesmal sogar dreidimensional in Szene.

Die wildesten Gruselgeschichten kursieren über Piranhas: Sie sollen eine Kuh in wenigen Sekunden skelettieren können, ein paar Tropfen Blut entfachen angeblich ihre Mordlust. Viele dieser Legenden gehen auf den Naturforscher Alexander von Humboldt zurück, der 1821 die Piranha-Art Pygocentrus cariba als Erster wissenschaftlich beschrieb. Er berichtete, „dass Menschen von ihnen beim Baden und Schwimmen angefallen werden. Gießt man ein paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden“. Selbst gesehen hat Humboldt das allerdings nicht; er bezieht sich auf Erzählungen von Einheimischen – mit all den dazugehörigen Übertreibungen.

Ein aufsehenerregender Fall aus jüngeren Jahren ist der eines Busunglücks in Brasilien 1976. Örtliche Zeitungen berichteten damals, dass das Gefährt im Amazonasgebiet von der Straße abgekommen und in den Amazonas-Fluss gestürzt sei, Piranhas sollen über die im Wasser treibenden Fahrgäste hergefallen sein. Ob die Menschen dabei noch am Leben waren, konnte nie geklärt werden. Sicher ist: 39 von ihnen starben. Brian Zimmerman, Piranha-Experte im Londoner Zoo, sagt: „Es ist nicht ein einziger Fall dokumentiert, in dem ein lebender Mensch von einem Piranhaschwarm angegriffen und augenblicklich skelettiert worden ist.“

In Übereinstimmung mit Humboldt gibt es allerdings Berichte aus dem Amazonasgebiet, die bestätigen, dass Badende immer wieder Bisse einzelner Tiere davontragen – jedoch ohne dass gleich ein Schwarm blutrünstiger Monster über sie herfällt. In der Regel geschieht dies in der Nähe bewohnter Orten, wenn blutige Fischabfälle ins Wasser geworfen werden. Und es passiert fast immer zur Trockenzeit, in der die Piranhas größerem Stress ausgesetzt sind, da Räuber ihnen in den kleiner werdenden Gewässern vermehrt nachstellen. Brian Zimmerman geht zudem davon aus, dass Badende brütenden Piranhas zu nahe kommen. „Diese legen ihre Nester nämlich gern in flachem Wasser an, genau dort, wo auch gern gebadet wird.“

Von „Mordgier“ und „Lust am Töten“ kann also keine Rede sein. Die Wahrheit ist schlicht: Auch Piranhas müssen etwas fressen, um zu überleben. Und als Raubtier kommt ihnen in der Natur eine wichtige Rolle als Gesundheitspolizei zu. Piranhas sind relativ resistent gegen viele Krankheiten und so in der Lage, im Wasser treibende Kadaver, kranke oder schwache Tiere zu fressen, bevor diese Krankheiten verbreiten.

Die Raubfische werden dabei von Plangeräuschen und Blut angezogen. Der Ichthyologe, Fischforscher, Jörg Vierke sagt: „Der Schlüsselreiz, der das Beuteverhalten auslöst, ist ein Objekt, das sich bewegt. Es darf aber nicht wesentlich größer sein als der Piranha selbst.“ Nur Objekte, die nicht eiförmig seien, wirkten als Schlüssreiz. „Ovale Formen, deren Höhenverhältnis dem der Piranhas gleicht, werden nicht angegriffen. Artgenossen bleiben also wegen ihrer Körperform verschont.“

Der brasilianische Fischforscher Helder Queiroz und seine britische Kollegin, die Biologin Anne Elizabeth Magurran, haben das Schwarmverhalten des Roten Piranhas untersucht. Ihre Erkenntnisse entkräften das Gerücht, Piranhas würden sich für die Jagd in großen Schwärmen zusammentun. „Wir haben herausgefunden, dass der Schwarmverband in erster Linie der Verteidigung dient“, sagt Magurran.

Auch Piranhas haben Feinde

Denn auch Piranhas haben viele Feinde, wie Kaimane, Flussdelphine, große Raubfische und Schildkröten. Hier hilft ihnen die Schwarmstrategie, also die Verwirrung des Angreifers durch möglichst viele Fischleiber, die wie ein einziger Superorganismus reagieren und blitzschnell die Richtung ändern können. Der Schwarm gibt den Fischen Sicherheit. Werden sie von ihm getrennt, stehen sie unter großem Stress, was sich an der Herzfrequenz messen lässt.

Und auch untereinander neigen Piranhas nicht zur Blutrünstigkeit: Streitigkeiten im Schwarmverband lösen sie mit sogenannten Kommentkämpfen, die Fischforscher Vierke zufolge dazu dienen, „herauszufinden, wer der Stärkere ist, ohne dabei den schwächeren Artgenossen mehr als unbedingt nötig zu schädigen“. Sogar beim Fressen achten Piranhas darauf, kein Schwarmmitglied zu verletzen. Schließlich soll der später im Verband wieder Schutz gewähren.

Dass die Fische in Aquarien trotzdem hin und wieder ein Schwarmmitglied fressen, liegt meist an extremer Überbesetzung. Außerdem können schwächere Fische nicht fliehen. So kommt es vor, dass von einem Schwarm im Aquarium manchmal nur der stärkste Piranha übrig bleibt. Der Name „caribito“ oder „caribe“, wie die indigene Bevölkerung des Amazonas den Piranha nennt, heißt übrigens so viel wie „Kannibale“.

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