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Der WDR-Kinderchor.

WDR-Satire

Diagnose: Shitstorm

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Dem WDR fliegt ein satirischer Beitrag um die Ohren. Auch fürs Zurückrudern erntet der Sender Kritik.

Früher gab es beim WDR „Ekel Alfred“, der lange vor Erfindung des Internets im TV gegen alles und jeden hetzte. Ein paar Jahre später liefen im WDR auch die vielen gezielten Grenzüberschreitungen der britischen Komiker Monty Python, die bereits Anfang der 1980er Kinderchöre blasphemische Lieder über Gott und Familienplanung singen ließen.

Heutzutage jedoch gibt es Twitter und Facebook, und wenn der WDR nun für eine zahme Comedy-Nummer einen Kinderchor ein satirisch gemeintes Liedchen trällern lässt, fühlen sich die Chefs des Kölner Sendehauses der digital generierten Empörung offensichtlich nicht mehr gewachsen. So begab es sich an diesem Wochenende, dass der Sender WDR-2 für eine Spezialsendung den Konflikt zwischen Fridays-For-Future-Kids und Kreuzfahrt-begeisterter Großeltern-Generation persiflierte – und am Ende als von allen Seiten gescholtene Anstalt dasteht, deren Intendant sich nach Einschaltung des Ministerpräsidenten vom inkriminierten Beitrag distanzierte, sich entschuldigte und ihn aus der Mediathek löschen ließ. Auch dafür gab es Kritik.

Passiert war nur, dass der WDR seinen Kinderchor den Kinderlied-Klassiker „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ mit neuem Text einsingen ließ. Der vermeintliche Gag: Wer heute Motorrad und SUV fährt, ist für Kinder keine „patente“ oder „ganz verrückte“ Frau mehr, sondern: „Meine Oma ist ‚ne alte Umweltsau.“ Binnen weniger Stunden empörten sich Zehntausende bei Twitter und Facebook über diese Zeile. Die Nachrichtenagentur DPA zählte bis Sonntag allein auf Facebook mehr als 40 000 Kommentare zum Thema. Diagnose: Shitstorm. Der WDR hatte das Video schon am Freitagabend von der WDR2-Facebookseite gelöscht und entschuldigte sich „für die missglückte Aktion“.

Trotzdem meldete sich auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) – auf Twitter: Der WDR habe „Grenzen des Stil und des Respekts gegen über Älteren überschritten“, schrieb er. „Jung gegen Alt zu instrumentalisieren ist nicht akzeptabel.“ Andere Nutzer empörten sich über die „Instrumentalisierung von Kindern“, „Herabsetzung gesellschaftlicher Gruppen“ und mangelndem Respekt vor dem Alter.

Am Samstagabend rief dann WDR-Intendant Tom Buhrow vom Krankenhausbett seines 92-jährigen Vaters in einer Spezialsendung von WDR-2 an: Das „Video mit dem verunglückten Oma-Lied“ sei ein Fehler gewesen: „Ich entschuldige mich ohne Wenn und Aber dafür.“

Protest aus der rechten Ecke

„Wir haben mit einem großen Hammer auf einen relativ kleinen Nagel geschlagen“, sagte Programmchef Jochen Rausch reumütig in der Sendung. Man habe das Wort „Umweltsau“ in Verbindung gebracht mit der „lieben Oma“, die abends Geschichten vorlese. „Das drückt bei vielen Menschen den roten Knopf“.

Freilich gab es auch Gegenstimmen. So verwiesen viele User darauf, dass der Protest zunächst aus rechten Kreisen und von Klimaschutz-Kritikern aufgebracht wurde, die dann gegen den WDR mobilisierten. Tatsächlich riefen rechtsextreme Gruppen im Internet sogar zu einer Anti-WDR-Kundgebung am Sonntag auf, zu der am Nachmittag laut Augenzeugen rund 100 Teilnehmer nach Köln kamen.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Frank Überall, sagte dem Deutschlandfunk, er verstehe nicht, warum das Video so polarisieren konnte, weil es klar als Satire gekennzeichnet war. Der künstlerische Leiter des Chors, Zeljo Davutovic, wies den Vorwurf der Instrumentalisierung zurück: Eltern und Kinder hätten frei über die Teilnahme entscheiden können.

Die Satiriker Moritz Hürtgen, Titanic-Chefredakteur, und Jan Böhmermann, ZDF, sahen die Unabhängigkeit des WDR beschädigt: „Ich werde hier in den nächsten Tagen eine Liste mit Beiträgen erarbeiten, die ich gerne aus der ARD-Mediathek gelöscht sähe“, spottete Hürtgen auf Twitter. Böhmermann schrieb: „Ich sitze hier gerade im Krankenhaus am Sterbebett der Selbstachtung und Integrität einer 69-jährigen Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands und soll dem WDR ausrichten, dass er – Zitat – ‚wohl den Arsch offen‘ hat.“

Umweltsau-Satire: Das sagt eine "Oma" aus Nordhessen dazu 

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