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8. Dezember: Das heimliche Christkind

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Von: Andreas Burger

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Der Advent lehrt uns vor dem großen Fest vor allem eines: Das Glück der kleinen Dinge. Doch in den 70er Jahren hatte ein Unbekannter in Schwaben ganz anderes im Sinn – die „Schenk-Affäre“.

Ein Geschenk an andere ist auch immer mit ein bisschen Spannung und Freude des oder der Schenkenden verbunden, die natürlich wissen möchten, ob sie mit ihrer Wahl richtig liegen. Ganz anders bei einer seit vielen Jahren Kreise ziehenden „Schenk-Affäre“ in der schwäbischen Heimat. Denn zwischen 1972 und 1979 führte dort eine bis heute unbekannte Person ein „Schattendasein“, in dem sie immer in der Nacht des 24. Dezembers an ausgewählten Wohnungen schon fast „Berge“ von Geschenken ablegte.

Das Ganze war umso mysteriöser, als dass die Auswahl an möglichen Aspirant:innen fürs heimliche Christkind sich auf ganze 220 Einwohnerinnen und Einwohner beschränkte. Gehbehinderte, Arme und Kinder ausgenommen, blieben da nicht mehr viele übrig. Über Jahre hinweg wehrten sich Pfarrer, Bürgermeister und Schullehrer energisch gegen jegliche Verdächtigungen. Aber die Gerüchteküche kochte lange. Es gab sogar Stimmen, die dem nächtlichen „Präsentierer“ üble Absichten unterstellten, wie das Ausspionieren möglicher Einbruchziele.

Ein schlauer Landwirt ließ in einem Jahr sogar seinen scharfen Hund frei durchs Dorf streifen, mit dem Erfolg, dass der Pfarrer gebissen wurde, als er zu einer letzten Ölung eilte. Wenn er nicht tatsächlich einen Toten präsentiert hätte, wäre er wieder verdächtigt worden, dem „Gesindel“ unnötige und unverdiente Gaben in den „Allerwertesten“ zu schieben. Allerdings wäre bei dem damaligen Pfarrer jedem klardenkenden Menschen so ein Gedanke nicht gekommen. Nehmen war ihm seliger als geben.

Beschenkt wurde immer nur ein spezieller Personenkreis. Nämlich jene, die es im Ort nicht so einfach hatten, weil sie arm waren. Galt doch Armut in diesen Zeiten noch als Makel. Und alleinstehende Frauen mit Kind durften sich zu dieser Zeit auch noch der Verdammnis der Kirchen sicher sein. Sie alle lebten meist entweder in sehr heruntergekommenen Hütten, um die jeder „anständige Bürger“ einen Bogen machte, oder kamen mehr schlecht als recht bei Verwandten unter. Zugige Dachkammern ohne Heizung waren da keine Seltenheit.

Vom Glück der kleinen Dinge

Die selbstgestrickten Socken in fröhlichen Farben, das liebevoll gekochte Menü, der handgeschriebene Brief an die weit entfernt wohnende Freundin oder die schon so lange aufgeschobene Mitgliedschaft im Verein, der sich um Bedürftige kümmert – im diesjährigen Adventskalender stellen wir Ideen vor, wie Sie mit kleinen Dingen oder beherzten Gesten Ihre Lieben oder auch andere Menschen zu Weihnachten beschenken können. FR

Und genau für diese Menschen hatte der oder die Unbekannte sein Herz über Jahre geöffnet. Es waren nicht die großen Geschenke – sie mussten natürlich dem Amt offengelegt werden, nicht dass die sowieso spärliche Hilfe des Staates gezahlt wurde, die Empfänger:innen aber durch das Präsent reich geworden wären. Und wenn man etwas offenlegt, weiß es schnell das ganze Dorf.

Es gab Schürzen. Handgeschnitzte Spielzeuge für Kinder. Einen Korb Nüsse oder einen Schinken. Handtücher und Bettwäsche. Seifen oder Bürsten. Einmal sogar einen kleinen Bollerwagen fürs Holzsammeln. Kochtöpfe, einfache Bestecke oder Schuhe. Merkwürdigerweise waren es immer genau jene Dinge, die der oder dem Beschenkten zu dieser Zeit fehlten. Damit rückte wieder der Pfarrer in den Verdacht, schließlich, so eine öfter wiederholte Mutmaßung, nehme er die Beichte ab, und die ist bekanntlich geheim. Aber beichtet man wirklich das Fehlen einer Schürze?

Im Jahr 1980 endete die Beschenkung schließlich. Von einem Jahr aufs andere, was wilde Spekulationen hervorrief. Die Liste der Verstorbenen wurde ohne Ergebnis auf mögliche Täterinnen und Täter untersucht, weggezogene Bürgerinnen und Bürger wurden sogar angerufen und befragt. Wer es nun war – es kam nie heraus.

Dafür aber, und das wiederum spaltete das Dorf lange Jahre, griff eine kleine Frauengruppe die Idee auf und schenkte über viele Jahre hinweg den Armen und den von der Dorfgemeinschaft ausgestoßenen Menschen an Weihnachten wieder die notwendigen Kleinigkeiten. Vielleicht ein Vorbild auch für heutige Tage.

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