1. Startseite
  2. Panorama

Möglicher Atomunfall in der Ukraine: „Gefährdungsanalyse“ zeigt die Gefahr für Deutschland

Erstellt:

Von: Nadja Austel

Kommentare

Im Ukraine-Krieg stellt eine nukleare Katastrophe eine reale Gefahr dar. Die Bundesregierung befasst sich mit dem Risiko eines Atomunfalls.

Berlin – Seit der russischen Besetzung des ukrainischen Atomkraftwerks in Saporischschja Anfang März schüren Meldungen von einschlagenden Geschossen und ausgebrochenen Feuern auf dem Gelände die Angst vor Fehlfunktionen und Sicherheitsrisiken. Ein nuklearer Unfall hätte weitreichende Folgen, und zwar nicht nur für die Ukraine und ihre direkten Nachbarn.

Dass radioaktive Wolken die Strahlung über weite Entfernungen transportieren können, ist seit der Atomkatastrophe in Tschernobyl 1986 weitreichend bekannt. Insofern wundert es nicht, dass sich die Bundesregierung auf höchster Ebene mit dem Risiko eines Atomunfalls in der Ukraine befasst.

Atomunfall durch Ukraine-Krieg: Geheimdienste und Kanzleramt besprechen Gefahren

Laut einem Bericht von T-online legte das Bundesamt für Strahlenschutz einem Beratungsgremium des Kanzleramts und den Chefs der Nachrichtendienste bei einem Termin Anfang September eine „Gefährdungsanalyse“ als Verschlusssache vor. Die Karten, die dabei präsentiert wurden, hätten die potenzielle Ausbreitung möglicher atomarer Wolken aus der Ukraine dargestellt. 

Die dargestellten radioaktiven Wolken reichten laut T-online im Falle zweier betroffener Atomkraftwerke über den gesamten Nordosten Deutschlands bis herüber nach Schottland. Es wurden demnach mehrere mögliche Szenarien vertraulich erörtert, zu diesem Termin allerdings keines, das das AKW Saporischschja als Gefahrenquelle darstellte.

Atom-Katastrophe: Radioaktive Wolken könnten in 48 Stunden in Deutschland sein

Aus Dokumenten des Bundesamts von nur einem Tag nach dieser Besprechung im Kanzleramt ist laut T-online ersichtlich, dass die Auswirkungen bei einem Unfall in Saporischschja innerhalb kürzester Zeit Deutschland erreichen könnten: Wenn es dort zu einem Unfall käme, könnten die Wolken demnach binnen 48 Stunden über ganz Osteuropa hinwegziehen. Bei regional typischem Wetter gelte das für etwa 60 von 365 Tagen im Jahr.

Die internen Unterlagen des Bundesamts für Strahlenschutz würden dem Bericht zufolge außerdem zeigen: Angesichts der Lage im Ukraine-Krieg gehe es bei der Kommunikation mit dem Kanzleramt auch um das Notfallsystem der Bundesrepublik, das nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl eingeführt wurde. Die internationale Sicherheitslage scheint also weiterhin kritisch zu sein. 

In 20 Jahren Putin’scher Destabilisierungskampagnen wirkten BND und Verfassungsschutz leider allzuoft dumm.
In 20 Jahren Putin’scher Destabilisierungskampagnen wirkten BND und Verfassungsschutz leider allzuoft dumm. © Kay Nietfeld/dpa

Atomare Gefahr aus AKW in der Ukraine: „Echte Verhandlungen“ mit Russland

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) Rafael Grossi hatte unlängst Gespräche mit ukrainischen und russischen Behörden gefordert. Der Bericht seiner Behörde zur Lage im AKW Saporischschja hatte deutlich gemacht, dass die Situation vor Ort „unhaltbar“ ist. Eine Sicherheitszone um das Kernkraftwerk sei demnach unbedingt erforderlich. 

Nun meldete die IAEA, dass „echte Verhandlungen“ mit Russland und der Ukraine über die Einrichtung einer Schutzzone für das umkämpfte Atomkraftwerk aufgenommen wurden. Grossi habe sich am Rande der UN-Vollversammlung in New York sowohl mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow, als auch mit dem ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba getroffen. Das verkündete Grossi am Mittwoch (21. September) vor Journalisten in New York: „Die Räder sind in Bewegung.“

Ukraine-Krieg: AKW Saporischschja bringt Unwissenheit zum Strahlenschutz zum Vorschein

Die Gefahr radioaktiver Strahlung ist durch die Lage in Saporischschja auch stärker ins Bewusstsein der deutschen Bevölkerung gerückt. Wie man sich im Falle einer atomaren Katastrophe verhalten soll, weiß einer Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz zufolge aber nur etwa ein Fünftel der Menschen – obwohl das Interesse an Informationen gewachsen ist. Knapp die Hälfte der Bevölkerung vertraue darauf, dass der Staat sie im Falle eines Unfalls in einem Atomkraftwerk schützen werde. 63 Prozent der Befragten zeigten sich allerdings sehr beunruhigt angesichts der Risiken durch eine Atomkatastrophe.

Für die repräsentative Studie „Was denkt Deutschland über Strahlung“ im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz wurden im April und Mai dieses Jahres 2000 Menschen telefonisch befragt. Es ging dabei nicht nur um radioaktive Strahlung, sondern auch um mögliche Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung, die Risiken durch UV-Strahlung und Radon. Aus den Ergebnissen leiten die Behörden ab, wie und wo sie ihre Informationen und Handlungsempfehlungen für die Bevölkerung verbessern können. (Nadja Austel)

Auch interessant

Kommentare