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Die Altstadt-Brücke zwischen Görlitz und Zgorzelec ist nun wieder geöffnet.
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Die Altstadt-Brücke zwischen Görlitz und Zgorzelec ist nun wieder geöffnet.

Oder-Neiße-Grenze

Corona und die Grenze zwischen Deutschland und Polen: Die Schließung hat Spuren hinterlassen

  • vonJan Opielka
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Die Grenzschließungen zwischen Deutschland und Polen wegen Corona stellen die Menschen, die im Grenzgebiet wohnen, vor neue Herausforderungen.

  • Die Städte und Dörfer entlang der Grenze bilden eine Einheit, in der gelebt, eingekauft und gearbeitet wird
  • Durch die coronabedingte Grenzschließung zwischen Deutschland und Polen leiden unter anderem Schüler und Händler
  • Geplante Projekte der Doppel-Stadt stehen auf der Kippe

Ihm, dem Fluss, ist es wohl egal. Egal, wie er heißt, in welcher Sprache sein Name ausgesprochen wird, welche Sphären er trennt. Der Fluss unter der Altstadtbrücke, die das deutsche Görlitz mit der polnischen Stadt Zgorzelec verbindet, rauscht im beruhigend-monotonen Sound dahin. Heute, am letzten Junitag des Pandemiejahres 2020, genauso wie vor einem Jahr, vor zehn Jahren, vor 70 Jahren.

Deutschland und Polen: „Der Zustand der Grenzschließung hat mich persönlich sehr berührt“

Damals regelten die Staatsführungen der DDR und der Volksrepublik Polen die hoch umstrittene Oder-Neiße-Grenze als, so wörtlich, „Staatsgrenze zwischen Deutschland und Polen“. Von da an wurde Görlitz-Oststadt vorläufig zu Zgorzelec, und eine Minderheit der ufernahen Bewohnerinnen und Bewohner würde den Fluss fortan Nysa nennen. Erst einmal: für immer.

Marta Wyspianska nennt ihn mal so, mal so. Die studierte Slavistin zählt zu den rund 4000 Polinnen und Polen, die in Görlitz leben. „Der Fluss ist für mich kein Fluss der Grenze, sondern ein Fluss der Verbindung, und die Stadt, oder: die beiden Städte Görlitz und Zgorzelec, bilden für mich eine Einheit, in der man lebt, funktioniert, arbeitet, einkauft.“ Die junge Frau arbeitet für den Görlitzer Verein Meetingpoint Music Messiaen, heute hat das Vereinsteam eine Besprechung in seinen Räumen am zentralen Demianiplatz. Der Verein hat sich internationalen Jugendbegegnungen und musikpädagogischen Projekten verschrieben – und betreut zusammen mit einer polnischen Stiftung das ehemalige deutsche Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A, das auf polnischer Seite liegt.

Marta Wyspianska arbeitet für den Görlitzer Verein Meetingpoint Music Messiaen

Ob es nun am Inhalt ihrer Arbeit liegt, oder an ihrem persönlichen Hintergrund: wenn sie über die Grenze spricht, über ihre zeitweise Schließung, über die Proteste dagegen, über polnische Krebspatientinnen und -patienten, die während der Pandemie-Hochphase nicht in die Görlitzer Klinik durften, dann wirkt Wyspianska fast aufgewühlt. „Der Zustand der Grenzschließung hat mich persönlich sehr berührt. Auch deswegen, weil ich nicht mehr dachte, so etwas auf eigener Haut erfahren zu müssen – im 21. Jahrhundert, die Erzählungen meiner Eltern und anderer Generationen über geschlossene Grenzen im Hinterkopf.“

Grenzschließung zwischen Deutschland und Polen: Mögliches Zeichen für jüngere Generationen

Auch die Arbeit des Vereins werde durch die Erfahrung der Pandemie beeinträchtigt – oder eher: verändert, sagt sie. Ein Teil des Angebots, etwa die seit Jahren veranstaltete „Worcation“ für Jugendliche und junge Erwachsene zum Thema Stalag VIII A, werde in diesem Jahr online angeboten. „Ich hoffe, dass diese Grenze und ihre Schließung vor allem für junge Menschen ein Zeichen sein wird. Denn Freiheit und das freie Grenzübertreten* sind nicht etwas von oben gegebenes, was wir einfach haben und das nicht mehr genommen werden kann. Wir sollten uns darin stärken, gemeinsam und nicht getrennt zu sein.“

Infolge der Grenzziehung an Oder und Neiße wurden rund 50 Dorfgemeinden und sieben Städte geteilt, drei fungieren als Doppelstädte. Wird das Verbindende, wird das Zusammenwachsen entlang der Flüsse, in den (Post-)Corona-Zeiten genauso weitergehen können? Werden mögliche klamme Kassen, neue Nationanalismen, unberechenbare Viren die Prozesse der letzten Jahre verlangsamen, stören?

Das neue Schlesische Museum in Görlitz.

Etwa 120 Kilometer nördlich von Görlitz, entlang der sich schlängelnden Neiße fahrend, erreicht man Guben. Auch hier teilt die Neiße Guben und das polnische Gubin. An der zentralen Grenzbrücke arbeitet ein polnischer Vermessungsingenieur am alljährlichen Monitoring des Wasserkraftwerks, das an der zentralen Brücke Frankfurter Straße liegt. Es stammt noch aus deutscher Zeit, gehört heute zu Polen.

Grenzschließung: Die beiden Städte in Polen und Deutschland wirken ebenbürtig

„Entlang der Lausitzer Neiße gibt es viele solcher Kraftwerke“, sagt Tomasz Kornicki**, der in Krakau lebt und hier zu Dienstaufträgen anreist. Auch sonst sei hier einiges anders als im Kernland seiner Heimat. „In dieser Region sieht man, dass die Leute hier von der Grenze abhängig sind – in einigen Orten ist es so, dass auf der polnischen Seite kleine Dörfer komplett auf den Austausch mit den Deutschen eingestellt sind: Zigaretten, Tankstellen, aber auch Veterinäre – und an manchen Stellen gibt es nur Angaben in Euro. Hier in Gubin ist es aber anders.“

Die beiden Städte wirken ebenbürtiger, womöglich durch die nahezu gleiche Bevölkerungszahl von je etwa 16 000 Menschen. Und schon die Jüngeren verkehren zwischen beiden Städten – auch die Schülerinnen und Schüler des Gubener Pestalozzi-Gymnasiums. Die Schule bietet seit mehr als zehn Jahren Polnisch als Zweitsprache, beschäftigt eine entsprechende Fremdsprachenassistentin, etwa die Hälfte der deutschen Siebtklässler wählen Polnisch als Zweitsprache – und von den gut 350 Schülerinnen und Schülern sind etwa 45 polnisch.

Grenzschließung Polen und Deutschland bringt die Schulsituation durcheinander

Anfang Juli ist Ferienzeit, in dem prachtvollen, rot-weißen Gebäude der Gründerzeit steht eine Grundreinigung an. Oberstufenkoordinatorin Kerstin Nedoma jedoch ist im Haus. „Durch die Nähe zu Polen war es für uns selbstverständlich, dass wir uns für polnische Schülerinnen und Schüler öffnen und Polnisch als Fremdsprache anbieten“, sagt sie. Das Gros dieser Jugendlichen wohnt auf der polnischen Seite, ein Teil, der aus anderen polnischen Städten kommt, auch im Internat in Gubin.

Kerstin Nedoma arbeitet seit 30 Jahren am Pestalozzi-Gymnasium

Die Pandemie brachte die Schulsituation durcheinander. Doch der Landkreis Spree-Neiße habe für die polnischen Zwölftklässlerinnen und Zwölftklässler, die im April vor dem Abitur standen, schnell eine Schullandheim-Unterbringung organisiert und finanziert, ebenso wie später eine Unterbringung für die Neunt- bis Elftklässlerinnen und -klässler aus Polen. Am 3. Mai kamen die Schülerinnen und Schüler über die Grenze – am 4. Mai ging die Schule wieder los. Doch ob die Grenzschließung künftig das deutsch-polnische Schulprojekt ins Wanken bringt?

„Es ist die Frage, wie sich das gesamtpolitisch darstellen wird – und ob im Zuge der gesamten Entwicklung die Nationalismen hochkommen und sich das gegenseitige Bild verändert.“ Nedoma arbeitet seit 30 Jahren an der Schule, lebt noch länger im Ort. „Wir hoffen, dass sich das, was hier für die Schülerinnen und Schüler möglich gemacht wurde, herumspricht. Und dass Ängste und Befürchtungen genommen werden. Wir haben durch die polnischen Schülerinnen und Schüler eine Bereicherung erfahren – und ich wünsche mir, dass es viel mehr Normalität wird.“

Grenzschließung Deutschland und Polen: Menschen nehmen Grenze eher als verbindend wahr

Eine Normalität, möglich gemacht durch praktisch reduzierte Grenzen, infolge der EU- und Schengen-Beitritte Polens 2004 und 2007. In den ersten Monaten der Pandemie war indes deutlich geworden, wie sehr sich viele Menschen entlang der Oder-Neiße-Grenze daran gewöhnt haben, dass eine Grenze eher verbinden als spalten kann. Dass sie konfliktgeladene Realitäten schafft, aber auch Nähe – die spontane Umarmung der beiden Bürgermeister René Wilke und Mariusz Olejniczak steht dafür symbolhaft.

Denn Slubice und Frankfurt tun einiges dafür, damit die Verquickung nicht nur symbolisch bleibt, sondern die „Europäische Doppelstadt“, als die beide allseitig für sich werben, so konkret wie möglich wird. Bislang ist die wirtschaftliche Diskrepanz der beiden Städte nach wie vor sichtbar. Ein Streifzug durch die Straßen des deutlich kleineren Slubice macht deutlich, dass hier ein ärmerer Städte-Bruder auch, wenn auch nicht nur, Dienstleistungen für den reicheren jenseits des Flusses offeriert.

Viele Händler mussten aufgrund der Grenzschließung zwischen Deutschland und Polen dicht machen

Zigaretten-Geschäfte, Wechselstuben, Restaurants, Friseure, Kram-Basare – „Viele Händler, die vor allem deutsche Kundschaft hatten, haben schwer gelitten und mussten schließen, als die Grenze dicht wurde, wir konnten uns über Wasser halten, weil etwa die Hälfte unserer Kundschaft polnisch ist“, sagt eine Verkäuferin eines Lebensmittelgeschäfts unweit der Grenzbrücke.

Jenseits des Flusses haben die beiden Stadtverwaltungen das Frankfurt-Slubicer Kooperationszentrum etabliert. Das Büro entstand 2011 im Rahmen eines EU-geförderten Interreg-Projekts „Interkommunale Zusammenarbeit in der Europäischen Doppelstadt“. Sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – fünf aus Frankfurt, zwei aus Slubice – organisieren gemeinsame Projekte und bilden eine Art Transmissionsriemen zu Verwaltungen. „Wir sind Übersetzer, Nachhaker, Nervtöter – und wenn unsere Slubicer Mitarbeiter von ihren polnischen Kollegen als Deutsche, wir von unseren hingegen als Polen bezeichnet werden, dann haben wir es richtig gemacht“, sagt Sören Bollmann und lacht.

Blick vom Görlitzer Untermarkt zum Neptunbrunnen.

Nach der Grenzschließung: Sowohl in Deutschland als auch in Polen gibt es ein Loch in den Stadtkassen

Bollmann ist Leiter des Zentrums, spricht fließend Polnisch und viel von Zukunft. „Wir planen stets in zehnjährigen Entwicklungsschritten, im Rahmen einer Zukunftskonferenz. Es ist schwerer von der Gegenwart auszugehen, als von der Perspektive der Zukunft aus.“ Die erste stand 2009 an, die letzte 2018. Doch was wird mit den besprochenen Schwerpunkten – Bildung, der Bau einer bilingualen Schule, mehr Bürgerbeteiligung – in Zeiten der Pandemie und strapazierter städtischer Haushalte? „Auf beide Seiten gibt es ein Loch in den Stadtkassen und deswegen stehen einige geplante Projekte auf dem Prüfstand. Bei einigen haben wir bereits entschieden, an ihnen festzuhalten. Es ist aber eine Grundsatzfrage: machen wir nur Gut-Wetter-Politik, oder ist das Setzen auf die Doppel-Stadt soviel wert, dass wir auch in schwierigen Zeiten nicht darauf verzichten.“

Bislang setze sich in beiden Städten die zweite Sichtweise durch. Doch das Gleiche, sagt Bollmann, muss auch auf EU-Ebene beantwortet werden. „Wollen wir mehr Europa und solche Fragen wie Gesundheit und Katastrophenschutz in EU-Kompetenz geben, um bei der nächsten Katastrophe schneller agieren zu können?“ Denn die Tatsache, dass Gesundheit in nationaler Kompetenz liegt, habe in Grenzstädten mitunter lebenswichtige Bedeutung.

Grenzschließung Deutschland und Polen: Koordinations- und Kompetenzzentrum für die polnische Sprache geplant

„In unserem neuen Handlungsplan wollen wir für solche Fragen Lösungen finden: was machen wir etwa, wenn auf der Slubicer Seite jemand einen Herzinfarkt bekommen hat und das dortige Krankenhaus nicht behandeln kann – schickt der Notdienst diese Person ins 80 km entfernte Zielona Góra, oder fünf Kilometer nach Frankfurt?“ Solche Fälle habe es gegeben – rechtlich seien sie nicht geklärt.

Zurück in Görlitz, beschäftigen Magdalena Telus noch andere Fragen. In einem großen Projekt arbeitet die studierte Polonistin und Germanistin mit etlichen beteiligten Institutionen daran, ein Koordinations- und Kompetenzzentrum für die polnische Sprache in Deutschland zu etablieren. Telus ist Vorsitzende der Bundesvereinigung der Polnischlehrkräfte, und voller Tatendrang. „Es gibt viele Vereine und Eltern-Initiativen, die Polnischunterricht anbieten und wir wollen ihnen helfen, sich besser zu vernetzen und die Politik vor Ort zu erreichen“, sagt sie. Das Projekt steckt in den Startlöchern, es sei groß angelegt, auch das deutsche Außenministerium sei mit im Boot. Telus hat noch viel zu erzählen.

Doch heute ist ihr erster richtiger Ausgehabend nach der Corona-Angst, nach langen Wochen daheim. Und so greift sie in der Bierblume in der Görlitzer Altstadt zum Mikro und singt mit einer Band. Das Stück, das sie selbst geschrieben, heißt „Europa, Europa“. *fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. Bei der Wahl in Polen zeichnet sich am Sonntag, 12. Juli, ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Amtsinhaber Duda und dem liberalen Herausforderer Rafal Trzaskowski ab.

**Name auf Wunsch des Protagonisten durch die Redaktion geändert

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