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Schöne Sache: Toilette im Frankfurter Palmengarten.

Buchauszug

„Inklusion als schönes Wort und im Programm, Exklusion in der Realität“

  • Bernd Hontschik
    vonBernd Hontschik
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In ihrem neun Buch „Kein Örtchen. Nirgends.“ klagen Claudia und Bernd Hontschik die mangelnde Inklusion in Deutschland an. Ein Interview.

  • Claudia und Bernd Hontschik klagen in ihrem neuen Buch über mangelnde Inklusion von Behinderten in Deutschland.
  • Barrierefreiheit sei für Rollstuhlfahrer nach wie vor ein großes Problem in Restaurants und Kinos in Deutschland.
  • Insbesondere das Reisen sei aufgrund mangelnder Barrierefreiheit ein großes Problem für Rollstuhlfahrer.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, ein Buch ausgerechnet über Toiletten zu schreiben?

Claudia: Toiletten gehören zu den großen Hindernissen, wenn man mit dem Rollstuhl unterwegs ist. Unser Alltag ist geprägt von Hindernissen. Außerhalb unserer eigenen Wohnung – manchmal empfinde ich den öffentlichen Raum geradezu als Feindesland - ist der Weg voller Hürden.

Wie macht ihr das, wenn Hindernisse auftauchen, wie geht ihr damit um?

Claudia: Nach einigen misslichen Erfahrungen haben wir es uns zur Regel gemacht, dass ein Ort, den wir nicht kennen, vorher erstmal von Bernd erkundet wird. Einen Pfadfinder zu haben, empfinde ich als großes Privileg.

Restaurants und Kinos in Deutschland haben selten eine Behindertentoilette

Bernd: Wenn wir zum Beispiel in einem Restaurant verabredet sind, das wir noch nicht kennen, dann fahre ich hin, schaue mir dort den Parkplatz an und den Weg vom Parkplatz bis zum Treffpunkt. Gibt es einen ebenerdigen Zugang? Kommt man schwellenlos rein? Stehen die Tische weit genug auseinander? Sind die Tische unterfahrbar? Gibt es eine für Rollstuhlfahrer*innen geeignete Toilette? Die meisten Orte scheiden danach schon aus.

Claudia: An manchen Stellen gibt es aber nur kleine Probleme, die wir managen können, weil Bernd zum Glück viel Kraft hat: Wenn es nur einige wenige Stufen gibt, oder wenn der Eingang eine nicht zu hohe Schwelle hat, oder wenn die Türen mit automatischen Schließern versehen sind, ist das für Bernd zwar ganz schön anstrengend, aber für uns machbar.

Die meisten Restaurants oder Kinos haben ganz selbstverständlich keine Rollstuhltoilette. Und wie soll ich im Restaurant an Tischen sitzen, die einen Querbalken haben und deshalb nicht unterfahren werden können? Wie soll ich Straßen überqueren, wenn die Bordsteine nicht abgesenkt sind?

Claudia Hontschik

Weihnachtsmarkt und Flohmarkt in Deutschland für Rollstuhlfahrer meist unzugänglich

Verstehe ich das richtig: Ihr müsst also immer alles genau vorausplanen und auskundschaften? Wo bleibt da die Spontanität?

Bernd: Ganz einfach: Die bleibt auf der Strecke. Wenn die Barrierefreiheit der Normalfall wäre und die Hindernisse die Ausnahme, dann könnten wir auch wieder spontan sein. Es ist aber leider umgekehrt.

Claudia: Es sind nicht nur die öffentlichen Orte wie Restaurants, in denen ich überwiegend ausgesperrt bin. Schlimmer noch ist der Ausschluss aus den meisten Wohnungen und Häusern meiner Freund*innen, die ich nicht besuchen kann. Deshalb müssen und kommen zum Glück auch immer gerne alle zu mir. Viel lieber würde ich aber öfter mal aus dem Haus gehen, selbst an anderen Orten Gast sein.

Wobei wirst du noch rausgekickt?

Claudia: Ich kann nicht in Läden einkaufen, die Stufen am Eingang haben. Das ist bei uns im Viertel fast überall so. Die meisten Restaurants oder Kinos haben ganz selbstverständlich keine Rollstuhltoilette. Und wie soll ich im Restaurant an Tischen sitzen, die einen Querbalken haben und deshalb nicht unterfahren werden können? Wie soll ich Straßen überqueren, wenn die Bordsteine nicht abgesenkt sind? Auf Weihnachtsmärkte, Flohmärkte, überhaupt auf Märkte gehe ich nicht mehr, weil ich immer eine Etage tiefer sitze, nichts mitkriege und dauernd angerempelt werde. Und es ist die Hölle, einen Platz mit Kopfsteinpflaster überqueren zu müssen.

Das Buch

Wenn Rollstuhlfahrer:innen unterwegs eine Toilette brauchen, gestaltet sich die Suche häufig schwierig. Sie müssen in das Klohäuschen hineinfahren können und ausreichend Platz vorfinden - kurz: es muss barrierefrei sein. Barrierefreiheit ist aber eine Ausnahme, beklagen Claudia und Bernd Hontschik. In „Kein Örtchen. Nirgends“ lassen sie die Leserinnen und Leser an ihren alltäglichen Hürden teilhaben.

Claudia und Bernd Hontschik sind seit 1981 verheiratet. Im Jahr 1989 erkrankte Claudia Hontschik an Multipler Sklerose. Heute ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. 2018 schrieb sie über ihre Erkrankung das Buch „Frau C. hat MS. Wenn die Nerven blank liegen“ - erschienen im Westend-Verlag. Bernd Hontschik arbeitete als Chirurg im Krankenhaus Frankfurt-Höchst, später, bis 2015, in einer eigenen Praxis. Seit vielen Jahren erscheint seine 14-tägige Kolumne „Dr. Hontschiks Diagnose“ in der Frankfurter Rundschau. (FR)

Reisen für Rollstuhlfahrer voller böser Überraschungen

Bernd: Das betrifft auch mich als Rollstuhlschieber. Ich kippe den Rollstuhl dann oft etwas nach hinten, damit die kleinen harten Vorderräder von dem holprigen Boden abheben und Claudia nicht mehr ganz so heftig durchgeschüttelt wird. Das geht aber immer nur kurze Strecken, denn es ist irre anstrengend für sie und auch für mich.

Claudia: Manchmal packt Bernd dabei die Wut.

Was genau macht dich so wütend?

Bernd: Das passiert immer dann, wenn alles Planen und die ganze Kraft nichts nützen und wir mit Hindernissen konfrontiert werden, die wir einfach nicht überwinden können. Das macht mich verzweifelt, und es packt mich die Wut über so miserable Verhältnisse. Opfer zu sein, ist nichts für mich. Da habe ich auch schon mal Leute angeschnauzt, die gar nichts dafür konnten. Wir geben aber trotz allem nicht so schnell auf.

Claudia: So bin ich schon mal in der Kurve eines Altbautreppenhauses beim Abwärtsgetragenwerden fast steckengeblieben trotz der Muskelkraft mehrerer starker Männer. Das war ganz schön dramatisch, bis die Jungs mich mitsamt dem Rollstuhl wieder befreit hatten, und wir nicht alle zusammen abgestürzt sind. Das Leben außerhalb der eigenen Wohnung ist ganz schön abenteuerlich.

Viele Orte in Deutschland haben keine Rollstuhltoilette

Abenteuerlich? Wie muss ich mir das vorstellen?

Claudia: Vor allem auf Reisen kann man viele, meist böse Überraschungen erleben. Einmal haben wir eine Konzertreise nach Verona unternommen, wollten in einem als barrierefrei gebuchten Hotel übernachten. Die langen Gänge waren mit einem plüschigen Teppichboden ausgelegt, in dem der Rollstuhl fast steckenblieb, und im Badezimmer war nicht etwa eine schwellenlose Dusche, sondern eine Badewanne! Wir

Wenn die Barrierefreiheit der Normalfall wäre und die Hindernisse die Ausnahme, dann könnten wir auch wieder spontan sein.

Bernd Hontschik

konnten es nicht fassen. Ein paar Jahre zuvor war in einem anderen Hotel das Bett so hoch, dass ich mit den Füßen den Boden gar nicht erreichen konnte, wenn ich am Bettrand saß. Da haben wir die Füße der Betten abschrauben und im Kleiderschrank lagern müssen. Oder wir sind zu einer Tagung nach Basel gefahren, dort hatte man für uns natürlich auch ein barrierefreies Zimmer reserviert. Im Badezimmer aber war eine kräftige Holzverschalung unter dem Waschbecken, sodass man es nicht unterfahren konnte. Das war für mich praktisch nicht benutzbar. Da hilft nur Frechheit, und mein Mann ist frech und obendrein Chirurg, also ein Mann der Tat.

Bernd: Da bewährte sich mein kleiner Reise-Werkzeugkasten, und mit einem Schraubenzieher, einem Hammer und einem kleinen Brecheisen ließ sich das Holzbrett heraushebeln. Dann haben wir die Rezeption angerufen, und der Hausmeister hat alles in der Badewanne abgestellt. Man muss aber gar nicht so weit in die Ferne schweifen. Wenn kurz nacheinander drei Einladungen kommen, alle an den gleichen, in Frankfurt zur Zeit sehr angesagten Ort, der aber nur über Kopfsteinpflaster erreichbar ist und keine Rollstuhltoilette hat, kann ich die erste Einladung noch beiseite legen: schade! Bei der zweiten Einladung wundere ich mich schon sehr, denn es ist immerhin unser eigener Verlag, der zu seiner Buchmessenfete dorthin einlädt. Aber bei der dritten Einladung platzt mir doch der Kragen: Die Grünen laden zu ihrem Jahresempfang dorthin ein! Inklusion als schöne Worte und im Programm, Exklusion in der Realität.

Inklusion in Deutschland meist nur schöne Worte

Gibt es da einen Unterschied zwischen euch, geht ihr damit unterschiedlich um?

Claudia: Natürlich gibt es einen großen Unterschied, und das ist der Rollstuhl. Der macht mich, obwohl ich mich energisch dagegen wehre, erstmal zum „Opfer“, zur Unfähigen. Was ich alles kann, entzieht sich dem Blick. Bernd kann ja auch alleine unterwegs sein, dann ist er frei, kann überall hin. Ich kann mir ein Gefühl wie Wut höchstens im Ansatz leisten, muss immer mit mir und meinem Rollstuhl zurecht kommen, kann dem nie entrinnen. Aber sobald wir etwas zusammen unternehmen wollen, betrifft der Ausschluss vom sozialen Leben uns beide gleichermaßen. Bei diesem Ausschluss spielen Rollstuhltoiletten eine wichtige Rolle. Darüber weiß niemand etwas. Und so wollten wir mal die Gehfähigen mitnehmen hinter die Tür mit dem Rollstuhlzeichen.

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