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Deutschland

Katastrophenschutz: Betroffene beklagen fehlende Warnung

  • Jennifer Greve
    VonJennifer Greve
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Die Lage in den Hochwasser-Gebieten in Deutschland bleibt angespannt. Die Suche nach Schuldigen nimmt Fahrt auf - ein Überblick zum Thema Katastrophenschutz.

Frankfurt - (Vor-)Warnungen und Evakuierungen können bei Naturkatastrophen Leben retten. Das gilt auch für die Unwetter und die darauf folgenden Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen (NRW). Dort starben mehr als 160 Menschen. Außer Betroffenen klagen auch Außenstehende, Wetterfachleute und Politiker:innen über den ungenügenden Katastrophenschutz in Deutschland. Schulzuweisungen werden laut.

Ein „monumentales Systemversagen“ nannte eine britische Forscherin die Lage des Katastrophenschutzes in Deutschland* gegenüber der Times. Anzeichen für Unwetter und drohendes Hochwasser habe es schon Tage vor der Katastrophe im Westen Deutschlands gegeben, sagte Hannah Cloke. Sie ist Professorin für Hydrologie an der University of Reading - und war maßgeblich an der Entstehung des Europäischen Hochwasser-Warnsystems (Efas) beteiligt.

Britische Forscherin über Katastrophenschutz in Deutschland: „Etwas ist schiefgelaufen“

Die Katastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hat über 160 Menschen das Leben gekostet. Laut Cloke hätte das (zumindest teilweise) verhindert werden können. Fehlende Warnungen und Evakuierungen zeigten, „dass etwas schiefgelaufen ist“, sagte Cloke der Sunday Times.

„Schon mehrere Tage vorher konnte man sehen, was bevorsteht“, sagte die Forscherin gegenüber dem ZDF*. Die notwendigen Warnungen der verschiedenen Wetterdienste seien verschickt worden. Sie erklärte: „Doch irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, sodass die Meldungen nicht bei den Menschen angekommen sind.“

Katastrophenschutz in Deutschland: Warn-Apps informieren über Unwetter

„Aber es gab nicht einmal Sirenenalarm. Und der WDR brachte auch nichts“, sagte die 78-jährige Johanna Brückner gegenüber dem Spiegel. Der WDR hatte wegen seiner lückenhafter Berichterstattung unter massiver Kritik gestanden. Johanna Brückner persönlich habe die Lage unterschätzt, sagt sie. Erst als ihre Tochter über die Warn-App Nina von dem Gefahrenpotenzial erfuhr, sei der Familie klar geworden, wie ernst die Lage sei.

Die Warn-App Nina wird vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) betrieben. Lokale Behörden können hier Meldungen einspeisen. Ähnlich läuft das bei der Katwarn-App des Fraunhofer-Instituts. Meldepflichten gibt es jedoch nicht.

  • Diese Warn-Apps können bei Unwetter und im Katastrophenfall alarmieren:
  • Nina: Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK)
  • Katwarn: Warn- und Informationssystem für die Bevölkerung vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS
  • WarnWetter: Wichtige Hinweise zur aktuellen Warn- und Wettersituation des Deutschen Wetterdienstes (DWD)

Katastrophenschutz in Deutschland: Die Rolle des Deutschen Wetterdienstes

Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) informiert mit der App WarnWetter über amtliche Warnungen. Allerdings ist der DWD eine Bundesoberbehörde. Länder und Kommunen sind im Fall einer Hochwasserkatastrophe selbst zuständig, dann gelten die jeweiligen Landesgesetze zum Brand- und Katastrophenschutz. Der Bund kann auf Anfrage „aushelfen“ und unter anderem THW und Bundespolizei zur Verfügung stellen.

Der DWD hatte beispielsweise vielerorts die höchste Warnstufe ausgerufen. Die amtlichen Wetterwarnungen seien an die zuständigen Stellen und die Medien weitergeleitet worden, sagte ein DWD-Sprecher. Der DWD sei nicht dafür zuständig, die Durchführung von Maßnahmen wie Evakuierung zu betreuten oder ihre Angemessenheit zu bewerten. Auch vor Unwettern in Bayern warnte der DWD* in den vergangenen Tagen.

Katastrophenschutz in Deutschland: FDP spricht von „erheblichem Systemversagen“

Ein betroffener Feuerwehrmann aus NRW sprach gegenüber dem Spiegel davon, dass „die entscheidenden Stellen offenbar Bescheid wussten, was sich da zusammenbraut. Uns hat das aber niemand erzählt.“

Neben ihm kritisieren viele Menschen in Deutschland jetzt den Katastrophenschutz - der eben nicht „geschützt“ habe. So sagte Michael Theurer (FDP*), die Schuld liege bei Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU*). Dieser habe die Warnungen der Meteorologen nicht „hinreichend“ an die Bürger:innen weitergegeben. Theurer führt weiter aus: „Es bietet sich das Bild eines erheblichen Systemversagens, für das der Bundesinnenminister Seehofer unmittelbar die persönliche Verantwortung trägt.“ Die Opposition fordert den Rücktritt Seehofers.

Flutkatastrophe Rheinland-Pfalz: Ein Auto wurde von der Flutwelle mitgerissen und steckt in der Uferböschung der Ahr. Noch ist die Lage in Westdeutschland akut, dennoch werden die ersten Schuldzuweisungen zum Katastrophenschutz in Deutschland laut.

Doch der Bund ist nur eingeschränkt zuständig. Die Verantwortung liege bei den Ländern. Mit dieser Aussage weist auch das BKK Vorwürfe zu der Katastrophe in Westdeutschland zurück. Die Warnungen seien an die Länder weitergegeben worden, sagte BBK-Präsident Armin Schuster. Er führte weiter aus: „Wir haben keinen Einfluss darauf, wie vor Ort mit diesen Warnungen umgegangen wird.“

Katastrophenschutz in Deutschland: Wie kann man den Zivilschutz verbessern?

Karl-Heinz Banse, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, sprach davon, dass einzelne Anwohner die Warnungen wohl bereits Tage vorher über eine der Warn-Apps erhalten hätten. Das reiche jedoch nicht aus. „Viele Menschen schlafen nachts und hören ihr Handy nicht“, sagte Banse der Berliner Morgenpost. Davon betroffen seien vor allem ältere Menschen. Er führt weiter aus: „Außerdem melden die Apps durchaus regelmäßig Warnungen. Das birgt die Gefahr von Abnutzungseffekten bei der Bevölkerung.“ Ebensolche Begleiterscheinungen könnten auch Warnungen per SMS haben.

Eine Mischung der verschiedenen Alarm-Möglichkeiten forderte Bernd Althusmann. „Wir sollten nun zügig einen Alarm-Mix mit Sirenen, Lautsprecherdurchsagen und einem bundesweiten Warnsystem per SMS etablieren für einen verbesserten Zivilschutz“, sagte der CDU*-Landeschef von Niedersachsen.

Fachleute kritisieren bereits seit längerem, dass viele Kommunen nur wenige oder gar keine Sirenen mehr haben. Sirenen könnten aber auch Menschen erreichen, die entweder kein Handy besitzen oder die Warnungen nicht mitbekommen. Derzeit arbeitet das BBK arbeitet an einer Übersicht der Sirenen in Deutschland. Diese soll bis Ende 2021 fertig sein. Darüber hinaus hatte der Bund erst vor kurzem die Aufstockung und den Aufbau der Sirenen diskutiert und entschieden, dass 88 Millionen Euro in dieses Projekt fließen sollten. (jey/dpa) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Boris Roessler/dpa

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