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Gerald Klamer macht Hoffnung: „,Waldsterben 2.0‘ ist vielleicht eine auffällige Schlagzeile, aber sie geht an der Realität glücklicherweise vorbei.“
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Gerald Klamer macht Hoffnung: „,Waldsterben 2.0‘ ist vielleicht eine auffällige Schlagzeile, aber sie geht an der Realität glücklicherweise vorbei.“

Klimaschutz

Der deutsche Wald: „Diese Schönheit ist ergreifend!“

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Der ehemalige Forstbeamte Gerald Klamer ist 6000 Kilometer durch den deutschen Wald gewandert, um auf seine Pracht aufmerksam zu machen – und seine Not. Ein Gespräch über das schützenswerte Glück, unter Kronen zu gehen, zu stehen, zu atmen.

Herr Klamer, wo erreiche ich Sie gerade?

In Osterode, am Harzrand.

Und das ist jetzt Ihre wievielte Etappe?

Zweihundert … zweiundzwanzig, glaub ich.

Wie kalt sind die Nächte da draußen?

Die beiden vergangenen Nächte war ich in einer warmen Unterkunft, da hat man mich freundlicherweise beherbergt, in einem nachhaltig geführten Hotel und beim Revierförster in Lerbach. Die Nacht davor habe ich praktisch direkt unterm Brocken geschlafen, auf fast 1000 Meter Höhe. Das war schon frostig kalt.

Aber Ihr Schlafsack kann minus 15 Grad, haben Sie in Ihrem Blog geschrieben.

Das war der Schlafsack, den ich noch im März dabeihatte. Im Mai habe ich einen Ausrüstungswechsel gemacht, seitdem benutze ich einen ganz leichten Schlafsack, der nur 700 Gramm wiegt. Ich habe mir gedacht, die letzten zwei Wochen überstehe ich mit dem auch noch.

Frierend?

Es ist ein bisschen grenzwertig, aber ich habe ja auch eine Daunenjacke dabei, also schlafe ich mit Jacke und Schlafsack, das geht auch.

In Ihrem Cowboycamp, wie Sie es genannt haben?

Cowboycamp ist ganz unter freiem Himmel. Wenn ich meine Plane aufgebaut habe, gilt das nicht mehr.

Gerald Klamer auf dem Weg, hier im Wispertal.

Sind Sie alle Etappen zu Fuß gegangen, ganz ehrlich? Oder zwischendurch auch mal heimlich gefahren?

Nee, nee, schon alles zu Fuß. Wenn ich an einem Etappenziel Termine habe, setze ich mich schon mal mit in ein Auto, um mir etwas anzuschauen. Aber ich gehe am nächsten Morgen immer genau von da weiter, wo ich angekommen bin.

Sie wandern, um auf die Situation des Waldes aufmerksam zu machen, auf seine Schönheit und auf die Bedrohung. Das Medieninteresse ist groß – auch das der Menschen?

Eine ganze Menge Leute nehmen Kontakt mit mir auf. Gerade vorgestern bin ich mit einer Dame den Nachmittag gewandert, die durch einen Zeitungsartikel auf mich aufmerksam geworden war. Sie kam aus Hannover in den Harz angereist, um mir viele Fragen zum Wald zu stellen. Ich habe schon den Eindruck, die Menschen nehmen Anteil daran, dass ich für den Wald wandere.

Im März sind Sie nachts vor Durst aufgewacht.

Es ist so: Im Mittelgebirge gibt es viel Wald. Bäche, die durch den Wald fließen, sind in der Regel so sauber, dass man daraus beruhigt trinken kann. Aber ich wandere auch durch weite landwirtschaftliche Flächen, da kann man das Wasser natürlich nicht einfach so trinken.

Was dann?

Eine gute Wasserquelle ist ein Friedhof. Der hat normalerweise einen Wasseranschluss, und da versorge ich mich ganz gerne. Relativ selten habe ich mir im Flachland auch mal eine Flasche Wasser im Supermarkt gekauft. Aber Wasser ist schwer, deshalb versuche ich, mit möglichst wenig auszukommen. Und jo, ein paarmal hat das dann halt nicht geklappt. Dann hatte ich eben eine relativ durstige Nacht. Ist aber auch nicht weiter schlimm.

Und Essen?

Ich mache kalte Küche und versorge mich im Prinzip aus Supermärkten, an denen ich vorbeikomme. Jetzt im Herbst waren die vielen Fruchtbäume auf dem Weg natürlich eine gute Vitaminquelle. Äpfel, Birnen, Walnüsse, Pflaumen.

Wie ernähren Sie sich?

Sehr einfach. Morgens Müsli mit Babypulver – richtiges Milchpulver gibt’s ja bei uns in den Supermärkten meistens nicht. Dazu als Ergänzung Honig, Erdnussbutter oder Schokocreme. Mittags 200 Gramm Schokolade, am liebsten Nussschokolade. Abends ist mein Standard eine Mischung aus Haferflocken, Erdnüssen, wieder Babypulver und wieder Schokocreme. Und Wasser.

Kalorien pur.

Kalorien verbrauche ich halt jede Menge beim Wandern.

Haben Sie das Wetter so erwartet, wie es in diesem Jahr ist?

Das Frühjahr war sehr nass und kalt, das hatte ich so nicht unbedingt erwartet. Aber ich war so weit vorbereitet, dass ich damit zurechtkommen konnte.

Der Sommer war dafür weniger heiß, als man es hätte befürchten können.

Das war für den Wald ein richtiger Glücksfall. Die drei Sommer davor waren ja viel zu heiß und viel zu trocken. Dieser Sommer war in den meisten Regionen mehr oder weniger normal. Das hat dem Wald eine kleine Atempause verschafft.

Näher als Sie ist in diesem Jahr niemand dem Wald. Was ist Ihr Eindruck – wie geht es ihm gerade?

Mittelhessen, wo ich vor der großen Wanderung gearbeitet habe, ist eine schwer geschädigte Region. Da gibt es im Prinzip keine intakten Fichtenbestände mehr. Ich hatte erwartet, auf meiner Wanderung überall solche Bilder zu sehen. Das war aber nicht der Fall. Es gibt halt richtige Katastrophenregionen wie das Sauerland oder den Harz. Aber dann kommt man auch in Gegenden, wo man denkt: Oh, was ist denn das? Hier gibt es ja überhaupt keine Borkenkäfer, hier ist ja die Welt fast noch in Ordnung.

Der Wanderförster

Gerald Klamer, 54 , gab im Februar seinen Beruf, seine Wohnung in Marburg und sein Auto auf und wanderte los. Nach 25 Jahren als Forstbeamter in Hessen wollte er den Bäumen noch näherkommen, um auf den angeschlagenen Zustand des Waldes wegen des Klimawandels hinzuweisen.

Von den 6000 Kilometern , die er sich vorgenommen hat, liegen inzwischen die meisten hinter ihm. Durchschnittlich 30 Kilometer am Tag geht er, trifft Fachleute in den Forstrevieren, informiert sich und schreibt darüber in seinem Online-Tagebuch www.waldbegeisterung.de.

Das Ziel erreicht Klamer am Montag, 8. November. Dann kommt er wieder in Marburg an, wo er gestartet war. Wer möchte, kann den letzten Kilometer mit ihm gemeinsam durch den Wald laufen. Treffpunkt: die Ampel an der Graf-von-Stauffenberg-Straße 6. Dort wohnte der Wanderförster bis zu seinem Aufbruch. ill

Wo war das?

Tendenziell eher in Süddeutschland. Da hat es in den drei Dürrejahren schon mehr geregnet als in der Mitte. Es ist nicht so, dass da gar nichts passiert wäre, aber viel weniger.

Die Regel ist das nicht. In Ihrem Blog berichten Sie von verschiedenen Ansätzen, dem Wald zu helfen. Die einen sagen, etwa in Sachsen, die Jagd sei ein Schlüsselfaktor, andere setzen auf Naturverjüngung, wieder andere auf das Nachpflanzen. Welcher Weg ist der beste?

Es ist, wie meistens im Leben, eine Mischung, und die Lösung sieht je nach Region unterschiedlich aus. Generell kann man sagen, dass die Natur eine ganze Menge kann und man an vielen Stellen nicht sofort pflanzen muss. Aber es gibt auch Bereiche wie hier im Oberharz, wo keine Samenbirken übrig sind, die sich über die Fläche verjüngen könnten. Da gilt es, frühzeitig zu pflanzen oder zu säen, um sicherzugehen, dass in der nächsten Waldgeneration nicht wieder 100 Prozent Fichte da ist.

Also auf Mischwald setzen.

Ja. Das Ganze ist zahlenmäßig interessant. Nach dem Waldbericht der Bundesregierung sind bisher etwa 300 000 Hektar abgestorben, hauptsächlich durch den Borkenkäfer bedingt, und die betroffenen Bäume natürlich durch die Dürre geschwächt. Man schätzt aber, dass für die zehnfache Fläche, also drei Millionen Hektar, dringend ein Umbau nötig wäre. Das heißt: Die großflächigen Nadelbaum-Monokulturen müssen zu Mischwäldern entwickelt werden. Das müssen wir mit Macht angehen. Auch wenn wir jetzt eine Atempause haben: Die nächste Dürre kommt mit Sicherheit, und dann werden auch Regionen betroffen sein, die jetzt noch relativ glimpflich davongekommen sind.

Was ist mit dem CO2-Sparen?

Das ist die Basis, na klar. Der Wald – nicht das Holz – ist auch da ein Schlüsselfaktor. Manche sagen, in Sachen CO2-Speicherung sei das verbaute Holz das Allerbeste. Das ist nicht richtig. Man muss wissen: 80 bis 90 Prozent des Holzes werden zu Wegwerfprodukten verarbeitet, Verpackungsmaterial, Paletten, Hackschnitzel. Diese Dinge werden schnell wieder verbrannt und setzen das CO2 frei. Bauholz, das 50 oder mehr Jahre bleibt, hat leider nur einen kleinen Anteil. Dagegen speichert der stehende Waldbestand dauerhaft CO2, und da haben wir großes Steigerungspotenzial. Zurzeit beträgt der durchschnittliche Holzvorrat in Deutschland 300 Kubikmeter pro Hektar. Aber in Betrieben, die sich vorgenommen haben, diesen Vorrat zu steigern, sind das auch schon mal 500.

Wie kommen wir zu einem Holzvorrat? Mehr pflanzen?

Nein, das geht nur durch eine geringere Nutzung. Im Stadtwald Lübeck hat man das konsequent gemacht, mit dem naturnächsten Waldbewirtschaftungssystem, das wir in Deutschland haben. Seit 1994 ist dort die Menge des eingeschlagenen Holzes halbiert worden. Das hat einen enormen Vorrat eingebracht. Noch eine Zahl: Zurzeit speichert der deutsche Wald etwa sieben Prozent der klimaschädlichen CO2-Emissionen. Wenn wir dahin kommen, die Emissionen zu senken, steigt auch der Anteil, den der Wald aufnimmt. Aber noch wichtiger ist die lokale Kühlungsfunktion. Wald ist eine natürliche Kühlungsanlage durch die Verdunstung – das sind Temperaturunterschiede zum Teil bis zehn Grad an heißen Sommertagen. Das sollte noch viel stärker berücksichtigt werden.

„Waldbegeisterung“ heißt Ihre Tour – hat sich Ihre Begeisterung auf der Wanderung gehalten?

Ich bin weiterhin vom Wald begeistert. Naturwald ist ergreifend schön. Es ist auch wichtig, diese Begeisterung anderen Menschen mitzuteilen. Wenn man nur negative Botschaften verbreitet à la „Der Wald stirbt jetzt, und es ist alles ganz schlimm“, das führt nur zu Frustration und bewegt am Ende überhaupt nichts. Ich will lieber darauf hinweisen, dass es so viel Schönes im Wald zu sehen gibt und auch der Wald als Ganzes sicher nicht sterben wird bei uns. „Waldsterben 2.0“ ist vielleicht eine auffällige Schlagzeile, aber sie geht an der Realität glücklicherweise vorbei.

Was begeistert Sie besonders am Wald?

Ha! Die Vielfalt, die absolute Vielfalt! Ob das bestimmte Gerüche sind, ob das der Blick in die Baumkronen ist, wenn ich auf meiner Matte liege und mein Lager aufschlage, im Frühjahr der Vogelgesang, auch immer wieder Wildbeobachtungen als großes Highlight.

Wie viele Fotos, schätzen Sie, haben sie geschossen auf Ihrem Weg?

Boah … viele. 2000? Nein, das ist zu wenig. 222 Tage, täglich an die 50 Bilder … eher Richtung 10 000.

Am 8. November endet Ihre Tour am Ausgangspunkt in Marburg. Was dann?

Dann muss ich mich hinsetzen und das Buch schreiben. Es soll nächstes Jahr im September erscheinen, im Malik-Verlag. Und ich will auch öffentliche Vorträge über meine Erfahrungen halten, und die muss ich dann auch erst mal entwickeln.

Wo werden Sie leben? Ihre Wohnung haben Sie ja vor lauter Waldbegeisterung aufgegeben.

Da hat sich etwas Neues ergeben. Meine Freundin wird auch hier sein in Deutschland, und wir werden dann zusammen in Stuttgart wohnen.

Ah – Ihre Partnerin lebte bisher nicht in Deutschland?

Na ja, sie ist halt auch eine Wanderin, die sehr viel unterwegs ist. Sie hatte sich dieses Jahr eine ziemlich große Sache vorgenommen, die nicht ganz geklappt hat. Ich weiß nicht, ob das jetzt hier auch interessant ist.

Unsere Leserinnen und Leser werden mich hassen, wenn ich jetzt Nein sage.

Also gut. Meine Freundin ist promovierte Agrar-Biologin. Sie hat 2015 in einem Projekt in Nepal gearbeitet und konnte nur mit knapper Not dem großen Erdbeben dort entkommen. Daraufhin hat sie über ihr Leben nachgedacht und beschlossen, dass sie nicht so eine normale Arbeitskarriere will, sondern das machen, was sie am liebsten macht – wandern. Auf der ganzen Welt.

Bewundernswert.

In diesem Jahr hatte sie sich vorgenommen, von Stuttgart nach Nepal zu wandern, wo der Ursprung der Idee war. Sie ist bis in die Karpaten gekommen, und in Rumänien gibt es halt noch viele Bären und Wölfe, aber auch viele Schafe, die von scharfen Hunden bewacht werden. Die stehen nicht immer unter besonders guter Kontrolle …

O weh.

Sie ist von zehn Hunden umringt und von allen Seiten gebissen worden, aber sie hatte noch Glück. Natürlich musste sie die Wanderung erst einmal abbrechen, aber sie hat sich relativ schnell erholt. Jetzt, an diesem Freitag, werden wir uns wiedersehen. Sie läuft dann die letzten neun Tage noch mit mir mit.

Was für ein schönes Finale! Wenn man Sie beide trifft auf den letzten Etappen – soll man Ihnen eine Flasche Wasser mitbringen, gegen den Durst?

Haha! Wir sind ja jetzt in den Mittelgebirgen, da ist die Wassersituation eher entspannt. Aber über Schokolade freuen wir uns natürlich immer.

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