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Die einen schlafen schlecht durch, die anderen erst gar nicht ein.

Gesundheit

Die Deutschen schlafen schlecht

Krankenkasse: Jeder zehnte Arbeitnehmer liegt nachts wach - mit verheerenden Folgen.

Von Serena Bilanceri

Stundenlanges Hin- und Herdrehen, die Kopfposition auf dem Kissen wechseln, öde Lektüren als Schlafmittel einsetzen – und trotz der Müdigkeit über die morgige Bürositzung oder das verfehlte Arbeitsgespräch weitergrübeln: Die meisten Menschen erleben in ihrem Leben Phasen mit Schlafstörungen. Über deren Verbreitung in ganz Deutschland zieht ein Bericht der Krankenkasse DAK-Gesundheit jetzt eine alarmierende Bilanz: Die Zahl der Arbeitnehmer zwischen 35 und 65 Jahren, die unter Insomnie leiden, ist seit 2009 um 60 Prozent gestiegen. Heute ist bereits jeder zehnte Arbeitnehmer im Alter zwischen 18 und 65 davon betroffen. „Das ist ein dramatischer Anstieg“, warnt Hans-Dieter Nolting, Geschäftsführer des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES), das die Studie gemeinsam mit dem Umfrageinstitut Forsa durchführte.

Nicht nur die Insomnie, die als schwerere Form der Schlafstörung gilt, nimmt zu: Auch „leichtere“ Symptome haben sich seit 2009 fast verdoppelt. So gaben 2016 fast 80 Prozent der Befragten an, Schlafprobleme zu haben. Vor sieben Jahren waren es noch ungefähr 48 Prozent.

„Wenn jemand länger als drei Monate mindestens dreimal in der Woche nachts aufwacht und/oder länger als 30 Minuten zum Einschlafen braucht“, könne man schon von einer andauernden Schlafstörung reden, erklärte Schlafexperte Ingo Fietze bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch. Kommen noch eine schlechte Schlafqualität und Müdigkeit oder Erschöpfung am Folgetag hinzu, muss man von Insomnie sprechen.

Ein schlechter Schlaf habe sowohl psychologische als auch gesundheitliche Folgen, die von Depression bis hin zu Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen reichen würden. Außerdem sei nach drei aufeinander folgenden Nächten unzureichenden Schlafs meistens eine Minderung der Leistungsfähigkeit festzustellen. „Das Problem wird oft unterschätzt“, betont Nolting. Dazu trage bei, dass viele Betroffene nicht zum Arzt gehen. Rund 60 Prozent gaben an, sie hätten nicht gedacht, dass ein Arzt ihnen helfen könne. Die Einnahme von Schlafmitteln habe sich seit 2009 fast verdoppelt.

Trotzdem machen Krankschreibungen wegen Schlafmangels nur eine sehr geringe Anzahl aller Fehltage aus – etwa vier Prozent. „Das kann auch daran liegen, dass die Betroffenen meistens nur ein, zwei Tage zuhause bleiben und keine Krankschreibung brauchen“, sagt IGES-Geschäftsführer Nolting.

Immerhin hat die Anzahl der Fehltage wegen Schlafmangels seit 2005 um 70 Prozent zugenommen. Sowohl Frauen, als auch Männer sind in jeder Altersgruppe von Insomnie nahezu gleich betroffen. Der höchste Gesamtwert findet sich in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen.

Am meisten leiden Arbeitnehmer mit niedrigen Qualifizierungen unter Insomnie, „was den Verdacht auf berufliche Sorgen als Ursache aufkommen lässt“, sagt Nolting. Am wenigsten betroffen sind nach den Ergebnissen der Befragung Freiberufler und Selbstständige.

Auch Nachtschichten würden das Risiko von Insomnie erhöhen, genauso wie Überbelastung, Termindruck und Überstunden. Die ständige Erreichbarkeit sei ein weiterer Faktor, erklärt Nolting. Berufliche Anrufen nach Feierabend könnten die Schlafqualität demnach beeinträchtigen.

„So kann es nicht weitergehen“, sagt der Schlafforscher Fietze. Es gebe in Deutschland noch kaum niedergelassene Schlafmediziner, die sich ausschließlich um Schlafprobleme kümmern. „Aber die Schlange derer, die Hilfe brauchen, ist lang.“

Vor allem in ländlichen Gebieten hätten Hilfesuchenden die größten Probleme, das richtige Angebot zu finden. Wer eine Schlafschule besuchen möchte, hätte es außerdem schwer, sich die Leistung von den Krankenkassen anrechnen zu lassen, kritisierte Notling.

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