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Die Zahl der Krankenhäuser im öffentlichen Besitz hat in Deutschland seit den neunziger Jahren massiv abgenommen.

Dr. Hontschiks Diagnose

Auf der Strecke geblieben: Die Deutsche Bahn und das Gesundheitswesen

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Was haben Deutsche Bahn und das Gesundheitswesen gemeinsam? Bernd Hontschik erklärt es in seiner Kolumne.

Wussten Sie eigentlich, dass es in keinem Land der Welt, auch nicht in den USA, so viele Krankenhausbetten in privater Hand gibt wie in Deutschland? Bei vielen Diskussionen hat man mir vorgehalten, dass das doch vielleicht gar nicht so schlecht ist, wenn frischer Wind, frische Leute und frisches Kapital den Laden mal so richtig in Schwung bringen! Ich halte das für völlig falsch. Aber wenn ich jemanden nicht davon überzeugen kann, dass es eine Katastrophe ist, wenn die Daseinsvorsorge im Gesundheitswesen dem privaten Kapital und dem freien Markt überlassen wird, dann wähle ich gern einen anderen Bereich unserer Gesellschaft, in dem es genauso läuft: die Deutsche Bahn.

Es ist nur eine kleine Meldung, eine von vielen. Sie ist auf den ersten Blick nur von regionalem Interesse. Sie betrifft nur die S-Bahn-Verbindung zwischen Lübeck und Hamburg. Für diese Strecke war eine Modernisierung längst überfällig. Deswegen hat die DB Regio bei einem Schweizer Schienenfahrzeughersteller achtzehn KISS-Doppelstockzüge im Wert von 220 Millionen Euro in Auftrag gegeben. KISS ist die Abkürzung für „komfortable, innovative, sprintstarke S-Bahn“. Komfortabel sind die neuen Züge, aber leider nicht für alle. Die neuen Züge sind nicht barrierefrei, berichtet der Sozialverband Schleswig-Holstein. Rampen mit einer Steigung von 15 Prozent muss man als Rollstuhlfahrer*in überwinden.

Deutsche Bahn: Man muss nur der Spur des Geldes folgen

Das geht nicht ohne fremde Hilfe und kann auch mit Rollator oder Kinderwagen gefährlich sein. Wendeflächen haben nur einen Durchmesser von 117 Zentimetern, in der EU-Verordnung 1300/2014 sind aber mindestens 150 Zentimeter vorgeschrieben. Wie kann es sein, dass trotz der UN-Behindertenrechtskonvention, trotz der detaillierten EU-Vorschriften und unter Missachtung des Gleichstellungsgesetzes des Bundes ein Schienenfahrzeug angeschafft wird, das für die nächsten 30 Jahre das Leben von Rollstuhlfahrer*innen behindern wird? Wie immer lautet die Antwort: Man muss nur der Spur des Geldes folgen.

1994 wurde die Deutsche Bahn privatisiert. Seitdem wurden 6100 Kilometer Schiene stillgelegt. Viele Verbindungen auf dem Land bestehen nicht mehr. Die Bahnhöfe und Gleisanlagen verfallen. Überfüllte und verspätete Züge sind an der Tagesordnung. Lukrative Hochgeschwindigkeitsverbindungen zwischen den großen Städten aber werden ausgebaut. Barrierefreiheit kann da schon mal auf der Strecke bleiben, kostet Geld, generiert keinen Gewinn.

Gesundheitswesen: Börsennotierte Konzerne versprechen Investoren Rendite

Genau das ist auch zu Beginn der neunziger Jahre im Gesundheitswesen geschehen. Börsennotierte Konzerne versprachen ihren Investoren eine Rendite von zehn Prozent. Die Zahl der Krankenhäuser in öffentlichem Besitz hat seitdem massiv abgenommen, während sich die Bettenzahl im Besitz privater Konzerne nahezu verdoppelt hat. Überfüllte Stationen, überlastetes Personal und längere Wartezeiten werden immer häufiger. Einem weiteren Drittel aller Krankenhäuser droht die baldige Schließung. Lukrative High-Tech-Medizinzentren aber werden ausgebaut. Defizitäre Einrichtungen der medizinischen Versorgung wie Kreißsäle, Kinderkliniken oder Diabetiker-Ambulanzen dagegen werden stillgelegt, sie kosten Geld, generieren keinen Gewinn.

Nach Jahren und Jahrzehnten dieser Fehlentwicklung kann nur eine breite gesellschaftliche Bewegung eine Rückkehr zur staatlichen Daseinsvorsorge erzwingen, nicht nur bei der Bahn, nicht nur im Gesundheitswesen.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de. Aktuell von ihm im Buchhandel: „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“.

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