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Manchmal hat sich Robert Hassan dazu zwingen müssen, einen Spaziergang auf dem Schiff zu machen, nach Delfinen oder fliegenden Fischen Ausschau zu halten.

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Detox mit Kopfkino

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Ein australischer Medienprofessor hat von seinem digitalen Leben die Nase voll und nimmt eine Auszeit auf dem offenen Meer.

Apps, Streaming, Texting – Robert Hassan war als Medienprofessor in Melbourne nicht nur privat, sondern auch beruflich in die digitale Welt eingespannt. „Ich war wie ein Alkoholiker, der als Letzter merkt, dass er ein Problem hat“, sagt er. Irgendwann habe er aber begriffen, dass er in diesem „digitalen Netz“ gefangen sei. Je mehr er in der virtuellen Welt unterwegs war, umso weniger Zeit sei für andere Menschen, für Spaziergänge, Bücher oder zum Nachdenken gewesen.

Eines Tages beschloss Hassan daher, sich selbst eine digitale Zwangspause zu verordnen, über die er das Buch „Uncontained: Digital Disconnection and the Experience of Time“ geschrieben hat. Er buchte sich auf einem Containerschiff ein, das in fünf Wochen von Melbourne nach Singapur fuhr.

Sämtliche Kommunikationsmittel und Technologie ließ er zu Hause zurück, packte neben Kleidung nur ein paar Bleistifte, einen Spitzer, vier Notizbücher, ein Schweizer Taschenmesser und fünf Bücher, die „ich zu schnell las und dann Hunger nach mehr verspürte“, ein.

Auf dem Schiff selbst war eine französische Mannschaft, gemischt mit einigen Arbeitern aus den Philippinen und Bangladesch. Die Verständigung war schwierig, denn Hassan spricht nur Englisch und die Mannschaft zeigte wenig Interesse an ihm. „Ich muss zugeben, dass ich nicht auf die plötzliche Einsamkeit vorbereitet war“, sagt er. „Plötzlich hatte ich 24 Stunden am Tag mit mir alleine und keine Verbindung zur Außenwelt.“

Nachdem er seine Bücher schnell ausgelesen hatte, blieb ihm bald nichts anderes übrig, als sich mit sich selbst und seinen Erinnerungen zu beschäftigen. Er dachte an seine Zeit als Teenager, an einen Spaziergang am Ufer mit Freunden. „Ich entschied mich, an eine Szene, Unterhaltung, einen Hintergrund zu denken und versuchte dann, diesen genauer zu untersuchen.“ Er habe damit experimentiert, die Szene von verschiedenen Perspektiven aus zu betrachten und somit herauszufinden, was in seiner Erinnerung vielleicht noch vorhanden sei: „Eine andere Person, die da war und die ich vergessen hatte, eine weitere Sache, die gesagt wurde, wie das Wetter an dem Tag war, ein Geruch, das Hemd, das jemand anhatte, ob Bier oder Tee getrunken wurde.“

„Welt wird die gleiche sein“

Nach und nach seien mehr und mehr Details aufgetaucht und plötzlich sei Langeweile kein Problem gewesen. Manchmal habe er sich sogar bewusst aus dem „Erinnerungs-Spiel“ herausnehmen und dazu zwingen müssen, einen Spaziergang auf dem Schiff zu machen, die Sterne zu beobachten, nach Delfinen oder fliegenden Fischen Ausschau zu halten oder auf dem letzten Stück vor Singapur auf den kilometerlangen Plastikmüll zu starren, durch den sich das Schiff seinen Weg graben musste.

Überraschenderweise gingen ihm weder Nachrichten noch der Kontakt zu seiner Familie ab. „Ich wusste, dass die Welt noch immer die gleiche sein wird, mit all den gleichen Problemen, egal, ob ich davon wusste oder nicht.“ Auch die Familie sei in den Hintergrund geglitten: „Ich habe kaum an sie gedacht“, gesteht er. „Ich wusste ja, dass ich sie bald wiedersehen würde.“

Abgelenkt habe er sich, indem er Filme in seinem Kopf spielen ließ: Seinen Lieblingsfilm ‚Midnight Cowboy‘ oder „Meantime“ von Mike Leigh über Großbritannien unter Thatcher. „Mir das wieder im Kopf vorzuspielen war, als sei ich in meine Jugend zurückversetzt worden.“

Vielleicht nicht überraschend begann er, sich mehr über Kleinigkeiten zu freuen. Die Entdeckung eines englischen Buches in der französischen Schiffsbibliothek oder als er nach drei Wochen entdeckte, dass sich das Bullauge seiner Kabine öffnen ließ. „Ich hatte die gesamte Zeit bei geschlossenem Fenster verbracht und als ich eines Morgens die tropische Luft hereinströmen fühlte, sprang ich wie ein Fünfjähriger auf meinem Bett auf und ab.“

So wurde der Detox zur Chance, sich selbst besser kennenzulernen. „Ich war überrascht, dass ein anderes ‚Ich‘ in mir steckte“, sagt Hassan. „Am Anfang war das ein wenig nervenaufreibend, aber je mehr ich mit dieser Person lebte, umso mehr erkannte und mochte ich sie.“ Es sei ein wenig so gewesen, als würde man einen Zwilling treffen, der bei der Geburt von einem getrennt worden sei. „Mit jeder digitalen Routine, die wir beenden, öffnet sich eine alternative Welt“, ist seine Erfahrung. „In unseren eigenen Köpfen gibt es soviel, das ungenutzt bleibt, einfach, weil wir gar nicht die Zeit haben zu erkennen, dass es da ist.“

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