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Im Katalog: Ein Modell von Andy Wolf.

Designerbrille

In your face - Warum Billigbrillen nicht mehr hip sind

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Ein bisschen flüssiges Zeug in eine Spritzform geben, fertig ist die Designerbrille – so geht das nicht. Die Produktion einer hochwertigen Brille braucht bis zu vier Wochen. Junge Marken erteilen Billigproduzenten eine Absage – und zeigen nachhaltige Modelle.

Rihanna hat schuld. Zumindest ein bisschen. „Sie will eine Mikro-Sonnenbrille in weiß“, hatte ihr Stylist gesagt, als er sich bei dem Label Andy Wolf meldete. „Haben wir nicht“, war die Antwort. Und der Stylist: „Dann macht eine, ihr habt zwei Tage.“ Also machte man bei Andy Wolf, die hübsche Nase der Sängerin ist schließlich ein begehrter Platz für eine Brillenmarke.

Zwei Tage nach dem Anruf war die Brille fertig und Rihanna trug sie 2017 über den roten Teppich der Filmfestspiele in Cannes. Spätestens ab da gab’s kein Halten mehr: Nur wenige Stunden nach den ersten Fotos vom Rande des Teppichs meldete sich die Handelskette Opening Ceremony bei Andy Wolf, man wolle die Brillen ins Sortiment aufnehmen, ein paar Tage später landete die bis dahin kleine Marke auf der Liste der zehn einflussreichsten Newcomer-Labels der US-„Vogue“. Mittlerweile tragen nicht nur Beyoncé, Lady Gaga oder Cate Blanchett ihre Modelle, an nunmehr 2500 Verkaufspunkten in 69 Ländern kaufen auch immer mehr normale Kundinnen und Kunden ohne schnippische Stylisten die Sonnen- und Korrekturbrillen von Andy-Wolf.

Ohne Worte: Maria Fuith hat keine Zeit zu plaudern, sie muss die Rohlinge kontrollieren oder punzieren, also stempeln.

Das alles wäre gar nicht so spannend, wenn die Marke aus London oder Paris, aus Mailand oder New York kommen würde. Der neue Hauptsitz von Andy Wolf aber, in den die Gründer Andreas Pirkheim und Wolfgang Scheucher an diesem Maitag das erste Mal Journalistinnen und Journalisten eingeladen haben, liegt im steirischen Hartberg – keine 7000 Einwohner, dafür jede Menge akkurate Felder und satte Wälder rings umher, die sich sanft an die österreichischen Berge schmiegen. Dass ausgerechnet hierher eines der angesagtesten Brillenmarken der Welt kommt – es hat auch mit den paar Minuten auf dem roten Teppich von Cannes zu tun. „Das hat uns gezeigt, wie wichtig prominente Vorbilder in der Mode sind“, sagt Pirkheim, der das Label 2006 mit seinem Jugendfreund gründete. „Und uns ist nochmal deutlich geworden, wie sinnvoll es ist, die Produktion intern zu regeln und so auf kurzfristige Anfragen reagieren zu können.“

Sowohl ihre Metall- als auch ihre Acetatbrillen lassen Andreas Pirkheim und Wolfgang Scheucher – „Andy“ und „Wolf“ eben – in zwei hauseigenen Firmen produzieren, die metallenen Modelle im französischen Jura, die Gestelle aus Acetat im steirischen Hartberg. Beide Manufakturen existieren bereits seit Jahrzehnten, hatten um die Jahrtausendwende aber extrem zu kämpfen. Die Billigproduktion in China, die Wirtschaftskrise, der Plastikboom – unzählige Firmen in den ehemals führenden Produktionsregionen für Brillen, der Steiermark und dem Département Jura in Frankreich, meldeten Konkurs an, darunter auch jene Werkstätten, die nun zu Andy Wolf gehören. „Wir haben damals beide Firmen mit jeweils sechs bis acht Mitarbeitern übernommen“, sagt Scheucher. „Kaum zehn Jahre später waren es in Hartberg wieder 60 Mitarbeiter, in Jura 33.“

Beim Montieren: Alle Metallteile kommen aus Deutschland.

Zwei extrem kränkelnde Firmen aufkaufen, sich einem sterbenden Handwerk widmen, das verlangt nicht nur nach Risikofreude. „Das war vor allem viel Arbeit. Am Anfang haben wir alles selbst gemacht. Buchhaltung, Reklamationen, Packerl g’packt“, sagt Scheucher im butterweichen Akzent. Jetzt läuft die Produktion längst rund – wenn auch äußerst kompliziert. Denn ein bisschen flüssiges Zeug in eine Spritzform geben, fertig ist die Designerbrille - so einfach funktioniert das nicht. Die Fertigung eines einzigen Gestells dauert auch bei anderen Anbietern auf ähnlichem Niveau rund vier Wochen. Zwischen den vielen Arbeitsschritten werden die Acetat-Fassungen immer wieder kontrolliert, etwa von Maria Fuith, der „strengsten Frau im Unternehmen“. Die hat tatsächlich kaum Zeit, über ihre Schulter zu blicken, als sich die Journalisten an ihrem Arbeitsplatz vorbeischieben.

Mit dem Gesicht zum Fenster sitzt Fuith auf ihrem fast historisch anmutenden Drehstuhl, umringt von Postern leicht bekleideter Herren, umrankt von saftigen Blättern einer großen Zimmerpflanze. Unermüdlich wandern ihre Finger jede Ecke und Rundung, jede Kurve und Kante entlang. Spürt sie kleine Unebenheiten kommt der Brillenrohling zurück zur entsprechenden Station. Laut Pirkheim und Scheucher passiert das bei weniger als zwei Prozent der Brillen. Das ist für einen reibungslosen Produktionsablauf gerade entscheidend, weil etwa 70 bis 100 Arbeitsschritte zwischen dem ersten Design und dem Stempeln der Brille liegen. Letzteres beschränkt sich bei Andy Wolf auf den Modellnamen und die Produktnummer innerhalb der Bügel.

„Der Sitz der Brille soll im Vordergrund stehen, nicht das Logo“, sagt Pirkheim. Damit stehen Andy Wolf längst nicht alleine dar. Brillen ohne außen sichtbares Logo sind zum Trend geworden. Die Modelle des niederländischen Labels mit dem programmatischen Namen Ace & Tate etwa kommen ebenfalls gänzlich ohne Markenschriftzug aus. Und auch an den Außenkanten der Designs von Uta Geyer sucht man ihr Logo vergeblich. Unter dem Label Lunettes vetreibt die Berlinerin nicht nur ihre eigene Kollektion – sie hat sich auch einen Namen als Händlerin für ungetragene Vintage-Brillen gemacht.

Extravagante Exemplare und minimalistische Modelle drücken sich in ihren drei Geschäften in der Hauptstadt aneinander, die feingeschwungene Valentino-Brille liegt nebst dem akkurat geformten Modell von Nina Ricci. Woher sie die bekommt? „Betriebsgeheimnis“, sagt Geyer bloß. „Und jede Menge Detektivarbeit.“ Würde Geyer nicht so frisch und dynamisch daherkommen, man könnte sie als Grande Dame der deutschen Brillen-Szene beschreiben. Journalisten, die mit Kugelschreiber und Notizblock bewaffnet ein paar Fragen an sie richten, müssen sich jedenfalls sputen, um da mitzukommen. So schnell und bestimmt spricht sie von ihrer Leidenschaft.

Am Ende: Die finale Kontrolle bestehen zwei Prozent der Brillen nicht, sie werden nachgebessert.

Die neuesten Trends, die alten Traditionen, Kundenwünsche und Markenversprechungen – die Frau kennt sich aus. „Die Sache mit den logofreien Brillen hat auch mit dem Unternehmen Luxottica zu tun, das vor einiger Zeit ganz schön in Verruf geraten ist“, schießt Geyer los. Der weltgrößte Brillenkonzern mit Sitz in Mailand produziert mittels Lizenzgeschäften Modelle namhafter Modemarken wie Burberry, Chanel, Dolce & Gabbana, Giorgio Armani, Prada oder Versace, die Liste ist lang und hochkarätig. „Irgendwann haben die Leute mitbekommen, dass diese Brillen alle aus ein und derselben Fabrik kommen und nur das Logo variiert“, sagt Geyer. Zwar sei die Designkompetenz der großen Marken auch im Brillensegment wieder gestiegen. Gerade anspruchsvollere Kundinnen und Kunden aber, die sich nicht bloß von bekannten Namen blenden lassen, suchten nach wie vor nach Qualitätsmodellen ohne Logo. Und von der anspruchsvollen Kundschaft gebe es in deutschen Städten immer mehr.

„Deutschland war immer sehr hinterher“, sagt Uta Geyer. Lange habe der pragmatische und überdies sparfreudige Deutsche von einer Brille erwartet, in jeder Situation zu funktionieren. „Das würde man ja keinem anderen Accessoire abverlangen“, sagt Geyer. „Ich kauf‘ mir ja auch nicht nur ein Paar Schuhe, das dann zu allem passen soll.“ So sei es ziemlich oft das randlose Modell geworden, das möglichst im Gesicht verschwinden soll. „Dieses Kaufverhalten hat sich erst durch die Gesundheitsreform verändert, die ja schon über zehn Jahre her ist“, sagt die Fachfrau. Seit die Brille keine Kassenleistung mehr ist, falle den Deutschen paradoxerweise der Brillenkauf leichter. „Jetzt holen sich die Leute eben eine neue Brille, wenn sie Lust darauf haben, und nicht erst, wenn sie ihnen zusteht.“ So hätten deutsche Brillenträgerinnen und Brillenträger in den letzten Jahren ganz schön aufgeholt.

Acetat oder Metall, eckig oder rund, schlicht oder expressiv, das seien noch immer die vorherrschenden Themen beim Brillenkauf, fachsimpelt Uta Geyer. Vermehrt seien es aber eben auch Fragen der Nachhaltigkeit, die ihre Kundinnen und Kunden umtrieben. „Und nichts verbraucht nunmal weniger CO2, als die Anschaffung einer ungetragenen Vintage-Brille“, sagt Geyer. „Schließlich haben diese dadurch, dass sie noch nie getragen wurden, eine lange Lebensdauer. Und wurden trotzdem schon vor Jahren in europäischen Manufakturen angefertigt.“ Mit den Billigproduktionen in Asien sei es schließlich erst in den späten 1970ern so richtig losgegangen, Geyers Vintage-Brillen sind meist „Made in West Germany“, kommen aus Frankreich, Österreich oder Italien.

Und auch ihre Entwürfe für das eigene Label Lunettes entstehen in zwei traditionell geführten Familienunternehmen in Italien. Das Material für Acetat-Modelle bezieht Geyer von der Firma Mazzuchelli aus der Lombardei, genau wie die Österreicher Andy Wolf. Und auch wenn es sich so anfühlt und so aussieht: Acetat – in der Brillenmode die gängige Abkürzung für das Celluloseacetat – ist nur bedingt ein Kunststoff, sondern eher ein Naturprodukt.

Mit Geschichte: Bei Lunettes gibt es auch Vintage-Brillen.

Es besteht aus Baumwolle, dessen Granulat mit Essigsäure versetzt und zu einem Teig verarbeitet wird. Erhärtet das Material, wird es fest, bleibt unter Wärmezufuhr allerdings formbar. Brillenhersteller bekommen von den Zulieferern Acetatplatten zur Weiterverarbeitung. Umweltfreundlich ist auch das nur bedingt – schließlich verbraucht die Baumwollproduktion, die ohnehin einen zweifelhaften Ruf hat, unsagbar viel Wasser. Besser für die Natur als Plastik ist das Acetat allerdings allemal.

Bevor aus den Acetat-Platten die Brillenteile gefräst werden übrigens, wird bei Andy Wolf für jedes Modell ein Prototyp angefertigt. Es gibt nicht mehr viele Hersteller, die sich diesen Aufwand leisten. Einer von den drei Prototypenbauern ist Gottfried Tuttner. Seit vielen Jahrzehnten übt er den Beruf aus – offenbar genauso wortkarg wie die „strengste Frau im Unternehmen“. Da passt es ganz gut, dass er allein in einem großen luftigen Raum in Hartberg sitzt, viele Tische umher mit noch mehr Materialblöcken, Maschinen und Werkzeugen darauf. Dort rollert Tuttner auf seinem Stuhl vom einen zum anderen Arbeitsplatz, überarbeitet die Entwürfe der Designer im Hinblick auf den perfekten Sitz, pfeilt an Acetat-Teilen herum, schraubt sie zusammen, probiert, testet, prüft. Wie lange er allein für eine Brille braucht? „Zwei Tage“, brummt Tuttner kurz aber freundlich. Wie viele er schon in seinem Leben angefertigt hat? „Tausende.“ Wie lange er das schon so macht? „35 Jahre.“

Geändert haben sich in dieser Zeit im Grunde nur seine Arbeitgeber, das Handwerk blieb immer das gleiche. Dass es nun immer mehr neue Marken gibt, die sich auf die alten Techniken besinnen, ist nicht nur für Gottfried Tuttner eine gute Nachricht. Dass sich zu dem Erhalt des traditionellen Handwerks bei einigen Herstellern nachhaltige Ansätze gesellen, ist generell eine erfreuliche Entwicklung. machen sie so begehrenswert. Ob das allerdings auch Rihanna und ihr Stylist wissen, darf durchaus bezweifelt werden.

Die Produktion einer Acetatbrille

Das Design steht am Anfang jedes neuen Brillenmodells. Bei Andy Wolf folgt darauf erstmal die Produktion eines Prototypen. Etwa drei davon braucht es, bis das neue Modell in Produktion gehen kann. 70 bis 100 Arbeitsschritte werden für eine einzige Brille benötigt. Dies sind die wichtigsten:

Das EDV der Firma bekommt von der Designabteilung die Daten für das neue Modell übermittelt, die dann in die Fräsmaschinen eingespeist werden. Diese fräsen aus den Acetat-Platten erst die Innen-, dann die Außenkonturen der Brillenfront beziehungsweise der beiden seitlichen Bügel.

Das Trommelschleifen folgt auf die Fräsarbeiten: Rund eine Woche drehen sich alle Frontteile und Bügel aus Acetat zusammen mit kleinen Holzteilchen und Poliermasse in einer Trommel, bis die scharfen Kanten weichen Rundungen gewichen sind. Nach einer Waschung kontrolliert eine Mitarbeiterin die Acetatteile. Spürt sie kleine Unebenheiten, kommt der Brillenrohling zurück in die Trommel – fühlt sie nichts, geht es eine Station weiter.

Die Scharniere werden als nächstes von Hand eingesetzt. Dazu werden sie erhitzt und dann in die entsprechenden Stellen der Acetatteile eingedrückt: Durch die Hitze erweicht das Material, nach dem Trockener härtet es wieder und die Scharniere sitzen fest umschlossen im Acetat. Im nächsten Schritt wird auch die gesamte Brillenfront erwärmt und an einer Art Kopf-Imitat in ihre leicht abgerundete Form gebracht, damit sie sich dem Gesicht anpasst.

Die Sandstrahlung kommt als nächstes zum Einsatz, wenn ein mattes Modell entstehen soll. Für glänzende Modelle geht es direkt weiter zur nächsten Station.

Die Schrauben kommen nun zum Einsatz: Von Hand werden mit ihnen und den Scharnieren Front und Bügel zusammengebracht.

Die Politur beschreiben die Markengründer Andreas Pirkheim und Wolfgang Scheucher als wichtigsten Schritt, der als nächstes folgt. Bei Andy Wolf wird von Hand poliert.

Die Stempelung beschließt die Brillenproduktion, bevor es zur Verpackung und zum Versand geht. Bei Andy Wolf wird das Logo lediglich nebst Seriennummer und Materialangaben in die Innenseite der Bügel gedruckt. Bei anderen Marken dürfte jetzt noch das Anbringen eines äußeren Logos oder etwaiger Verzierungen folgen. mav

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