Buchauszug 1

Derry/Londonderry: Nordirland, 2010

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„Schnell könnte man sich in Derry erinnert fühlen an Zeiten, die noch gar nicht lange her sind“.

Noch immer ist es die Stadt mit den zwei Namen. Für die britisch-protestantische Minderheit heißt es Londonderry. Die irisch-katholische Mehrheit hat das London von den Stadtplänen gestrichen. Eine zerrissene Stadt, zwei Welten. Hier, im katholischen Viertel Bogside, lebt schon immer die Arbeiterklasse. Heute sind viele ohne Arbeit. Man sieht das Meer der einförmigen Häuserreihen aus Backstein und die irischen Fahnen, die an jeder Straßenlaterne hängen. Fassadengroße Bilder an Häuserwänden wirken im Schlammgrau der Stadt wie monumentale Comiczeichnungen. Sie erinnern an Ereignisse aus Derrys bewegter Vergangenheit – darunter der 30. Januar 1972, der „Bloody Sunday“, als das britische Militär auf offener Straße 14 Demonstranten erschoss.

An einem Tag Mitte August 2010: An einer Straßenecke steht ein ausgebrannter Kleintransporter. Verkohlter Lack blättert ab und fällt zu Boden. Es riecht nach verbranntem Gummi. Menschen gehen vorbei, ohne dem Wrack Beachtung zu schenken. Der Besitzer, ein Sandwich-Fabrikant, steht davor und zuckt mit den Achseln. Zwei Frauen mit Einkaufstüten stehen daneben und unterhalten sich über das Wetter. Der gestohlene Transporter versperrt die halbe Straße. Die Autos müssen einen Bogen fahren. Und schnell könnte man sich in Derry erinnert fühlen an Zeiten, die noch gar nicht lange her sind. Bis vor wenigen Jahren standen in vielen Vierteln noch Wachtürme mit Stacheldraht und gepanzerte Fahrzeuge an jeder Ecke. Bis in die späten Neunziger war es normal, dass Soldaten Straßen abriegelten, dass Brandbomben flogen, dass Autobomben explodierten, dass Polizisten von Heckenschützen erschossen wurden, dass immer wieder Unbeteiligte und auch Kinder zu den Opfern zählten. Das war der Alltag einer gespaltenen Stadt. Hunderttausend Menschen lebten in einem Albtraum – mehr als dreißig Jahre lang.

Derry/Londonderry.

Dave und Liam, zwei sommersprossige Jungen in Fußballtrikots, stellen eine Leiter an einen Laternenpfahl. Einer klettert hinauf und wirft die irische Flagge hinunter. „Die ist alt und schmutzig“, ruft er, „da gehört eine neue hin, damit jeder sehen kann, wer hier das Sagen hat.“ Auf der 200 Meter entfernten Stadtmauer stehen drei junge Männer und brüllen Worte, die man nicht versteht. Sie strecken ihre Mittelfinger in die Höhe und beschimpfen die Jungen mit der Leiter, die nun ihrerseits die Fäuste in die Luft schmeißen. „Ihr dreckigen Protestanten“, schreit Dave, „wir werden euch alle umbringen!“ – Warum wollt ihr sie umbringen? – „Weil es Protestanten sind und wir sie hassen!“ – Warum hasst ihr sie? – „Weil das schon immer so ist!“ – Wie alt seid ihr? – „Zwölf.“ Triumphierend schwenken sie die irische Fahne.

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