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Luka Rocco Magnotta auf dem Bild eines Gerichtszeichners.
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Luka Rocco Magnotta auf dem Bild eines Gerichtszeichners.

Magnotta-Prozess in Kanada

Der„Porno-Killer“ hat gestanden

  • Jörg Michel
    VonJörg Michel
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Über Wochen schleppt sich der Prozess gegen Luka Rocco Magnotta dahin. Dann geht es plötzlich Schlag auf Schlag: Der „Porno-Killer“ gesteht seine Taten - in all ihrer Grausamkeiten. Dennoch will Magnotta nicht auf schuldig plädieren.

Luka Rocco Magnotta versteckte sein Gesicht hinter einer dunklen Sonnenbrille, als er am Montag (Ortszeit) den kleinen Gerichtssaal in Montréal betrat. Der auch unter dem Namen „Porno-Killer“ bekannte Mann setzte sich stumm hinter eine Glaswand und verfolgte die Geschehnisse scheinbar regungslos. Doch die Ruhe trog.

Was danach folgte war ein spektakulärer Prozesstag, wie es ihn in Kanada so wohl noch nicht gegeben hatte, nachdem sich das Verfahren zuvor drei Wochen lang mit der Auswahl der Geschworenen hingezogen hatte. Als nach Magnotta auch der Vorsitzende Richter Guy Cournoyer den Saal betrat, ging es Schlag auf Schlag.

Der Richter wandte sich mit einer spektakulären Erklärung an die zwölf Geschworenen: Magnotta habe alle ihm zur Last gelegten Taten gestanden, in all ihrer Grausamkeit. Trotzdem wolle er auf „nicht schuldig“ plädieren, erklärte Cournoyer. Der Grund: Magnotta behauptet, unter Schizophrenie zu leiden und ist womöglich nicht schuldfähig.

Festnahme in Berlin-Neukölln

Tatsächlich hat seine Tat, um die es bei dem spektakulären Prozess geht, krankhafte Züge. Magnotta hatte im Frühjahr 2012 einen chinesischen Austauschstudenten mit einem Eispickel brutal enthauptet, zerstückelt und teilweise verspeist. Danach hatte er einen Film der Tat ins Internet gestellt und einige Leichenteile in Postpaketen an Politiker in Kanada verschickt, unter anderem an Premierminister Stephen Harper. Der Torso des Opfers wurde später in einem Koffer gefunden, der Kopf in einem Park.

Nach einer internationalen Verbrecherjagd war Magnotta später in einem Café in Berlin-Neukölln festgenommen worden und nach Kanada ausgeliefert worden. Seitdem sitzt er im Gefängnis nahe Montréal. Die Staatsanwälte werfen ihm unter anderem Mord, Leichenschändung, obszönes Verhalten, den Versand von obszönem Material und die Gefährdung von Politikern vor. Bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft.

Durch das überraschende Eingeständnis Magnottas geht es in dem Prozess jetzt nicht mehr darum, ob der heute 32-Jährige die Verbrechen tatsächlich begangen hat. Dazu war die Beweislage wohl zu erdrückend. Vielmehr müssen die zwölf Juroren jetzt nur noch darüber befinden, ob Magnotta zum Zeitpunkt der Tat noch zurechnungsfähig war. Nur wenn dies erwiesen ist, gilt er als schuldfähig und kann verurteilt werden.

„Grausame und verstörende“ Bilder

Die Staatsanwälte gehen davon aus. Sie wollen beweisen, dass Magnotta den Mord an dem Studenten Jun Lin lange vor der Tat geplant hatte. Laut Anklage hatte Magnotta schon im Dezember 2011 im Internet angekündigt, einen Menschen töten und das Verbrechen filmen zu wollen. So kam es dann auch: Auf einer Überwachungskamera ist zu sehen, wie Magnotta Lin nur wenige Monate später in sein Apartment in Montréal lockt.

Dann brachte Magnotte Lin um und drehte den Film. Die grauenvollen Bilder sollen später im Prozess gezeigt werden. Der Richter warnte die Geschworenen, sie müssten sich auf „grausame und verstörende“ Bilder einstellen. Offenbar hatte Magnotta an dem Toten sexuelle Handlungen vorgenommen, bevor er ihn in seine Einzelteile zerlegte.

Nach Aussagen einer Untersuchungsbeamtin wurden nach der Tat Lins Torso sowie mutmaßliche Tatwerkzeuge wie Eispickel, Hammer, Messer und Sägen im Müll hinter Magnottas Apartment gefunden. Auch ein toter Hund soll dort gelegen haben, außerdem mit Blut verschmierte Kleidungsstücke und ein Duschvorhang.

Magnotta habe „schwere Persönlichkeitsstörung“

Magnottas Verteidiger führen die Tat auf die geistige Erkrankung ihres Mandaten zurück. Dazu wollen sie Mediziner in den Zeugenstand berufen und die Krankenakte von Magnottas Familie präsentieren. Laut Magnottas Verteidiger leidet auch dessen Vater Donald Newman an Schizophrenie. Er soll ebenfalls als Zeuge aussagen. Magnotta selbst hat sich nach Aussagen seines Anwalts Luc Leclair mehrmals in psychiatrischer Behandlung befunden, unter anderem wenige Wochen vor seiner Tat. Ärzte hätten bei ihm eine „schwere Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert. Einmal sei er deswegen in Miami sogar in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden.

Tatsächlich hatten Magnotta eine verstörte Kindheit und Jugend. Bekannte beschrieben ihn als manisch und depressiv. Schon früh hatte er mit Drogen experimentiert. Mit 18 Jahren hatte Magnotta als Prostituierter gearbeitet, danach als Porno-Darsteller und als Model. Mit seinem Opfer Jun Lin soll er angeblich ein kurzes Liebesverhältnis gehabt haben. In Kanada wird Magnotta auch „Canadian Psycho“ genannt, weil er das Mord-Video mit Musik aus dem Kinofilm „American Psycho“, in  dem es um Gewaltexzesse geht, unterlegt haben soll. Sich selbst hatte er zudem unter wechselnden Pseudonymen lange Zeit im Internet mit Fotos und Videos Schau gestellt. Auf einem Video ist zu sehen, wie er Katzen erstickt.

Der Richter in Montréal kündigte an, in dem Prozess insgesamt 60 Zeugen hören zu wollen – darunter auch welche aus Berlin, wo sich Magnotta nach seiner Tat ein paar Tage aufgehalten hatte. Prozessbeobachter rechnen damit, dass das Verfahren weitere sechs bis acht Wochen Zeit in Anspruch nehmen wird.

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