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Kneipp konnte auch Klartext: Den Geschwätzigen empfahl er „drei Güsse aufs Maul“. imago images
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Kneipp konnte auch Klartext: Den Geschwätzigen empfahl er „drei Güsse aufs Maul“. imago images

200 Jahre Kneipp

Der Wasserapostel

  • VonEckart Roloff
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Ärzte und Apotheker schimpften ihn seinerzeit einen Quacksalber – heute gilt Sebastian Kneipp als Pionier der Naturheilkunde. Eine Würdigung zum 200. Geburtstag

Nicht einen Tag hat er Medizin studiert, aber Tausende von Patienten behandelt. Heute wäre der Fall klar: Amtlicherseits wäre festzustellen, dass Sebastian Kneipp die nach der Approbationsordnung für Ärzte nötige Zulassung fehlt. Also dürfte er niemanden behandeln, höchstens als Heilpraktiker. Sonst kommt er mit dem Gesetz in Konflikt. Und so geschah es auch damals, um 1854.

Da gab es die Herren Semmelbauer und Mannheimer, Kling und Sauter, die wollten dem Treiben Kneipps nicht zusehen. Für sie war das, was der Pfarrer da machte. ein klarer Fall von „Gewerbsbelästigung“, noch dazu zu ihrem Nachteil. Schließlich waren sie etablierte Ärzte und Apotheker, die mitbekamen, wie gefragt der Mann war.

Vor Gericht verteidigte sich Kneipp so: „Nicht Vorliebe oder Interesse, sondern Mitleiden für die Unglücklichen“ veranlasse ihn zu Behandlungen. Er sei „dabei nicht mordend verfahren, sondern auf die schonendste, ja unschuldigste und natürlichste Weise“. Und er fragte den Richter: „Wenn jemand krank ist und findet gar keine Hilfe und hat schon mehrere Ärzte gehabt, soll man diesem nicht helfen? Oder wenn jemand all sein Geld für Doktor und Apotheke ausgegeben hat und die Ärzte erklären: Wir hören jetzt auf, weil Sie kein Geld mehr haben – soll man dem nicht helfen?“

Die Sache ging so aus: Der Richter fragte Kneipp nach einem probaten Mittel gegen seinen „recht schmerzlichen Rheumatismus auf dem Genick“. Kneipp gab ihm einen Rat, und das Gericht ordnete dies an: „Kurieren Sie die, welche keine Hilfe bekommen oder kein Geld haben, und seien Sie ein Helfer in der Not.“ In seiner Biografie zu Kneipp erinnert Christian Feldmann an derlei Episoden.

Sebastian Kneipp, am 17. Mai vor 200 Jahren im schwäbischen Stephansried nahe Ottobeuren als Webersohn geboren, „Baschtl“ genannt, brachte es aus einem ärmlichen, bäuerlichen Leben zu Weltruhm. Anfang des 20. Jahrhunderts galt er in den USA nach Bismarck als der berühmteste Europäer. Und 2016 hat die Deutsche UNESCO-Kommission Kneipps Lehre in die deutsche Liste des Immateriellen Kulturerbes eingetragen.

Leib und Seele behandeln

Alle von uns haben schon von ihm gehört, und viele haben ausprobiert, was er entwickelte. Er, der Wegbereiter spezieller Therapien für Leib und Seele, der Wasserdoktor von Wörishofen, der doch „nur“ Priester war. Seit langem gibt es Kneipp-Vereine in großer Zahl, zudem allein in Deutschland 53 staatliche anerkannte Kneipp-Heilbäder und -kurorte; es gibt Museen und Filme zu seinem Leben, Denkmäler, Preise, Stiftungen und Schulen, Zeitschriften, Medaillen und Briefmarken. Die Kneipp GmbH mit rund 650 Mitarbeitenden produziert in industriellem Maßstab Hunderte von Produkten, darunter – mit dem Slogan „Von der Natur geküsst“ – auch Lippenstifte.

So weitreichend seine Wirkung, so klein seine Welt. Er lebte lange Zeit fast nur in Oberschwaben. Ein Kaplan empfahl ihn, schon das ein Riesenschritt, fürs Gymnasium. Danach konnte er in Dillingen Theologie studieren, es folgten Priesterweihe und Primiz. Erste Stellen in Dörfern wie Biberbach und Boos. 1855 wird er als Beichtvater an das Kloster der Dominikanerinnen in Wörishofen versetzt.

Dort befasst er sich mehr und mehr mit Fragen rund um Krankheit und Gesundheit. Begonnen hatte es damit, dass er als junger Mann an Tuberkulose litt und auf ein Buch des schlesischen Arztes Johann Hahn gestoßen war. Der empfahl, die Heilkraft frischen Wassers zu nutzen. Kneipp macht eine Radikalkur: Ein paar Mal pro Woche taucht er 1849 für wenige Sekunden in die eiskalte Donau – und wird gesund. Später verordnet er sich Güsse und zeigt Kommilitonen, wie gut das auch für sie sei.

In Wörishofen lässt sich gar ein Abt von ihm behandeln. Er regt ihn 1884 an, ein Buch zu schreiben. Schon zwei Jahre später ist es unter dem Titel „Meine Wasserkur“ zu haben; es erreicht mehrere Auflagen und Übersetzungen. Auch weitere Bücher (zuvor hatte er schon viel über Ackerbau, über Vieh-, Kaninchen- und Bienenzucht geschrieben) finden ein begeistertes Publikum. 1888 ist Kneipps Remedur so gefragt, dass in Wörishofen ein Badehaus entsteht. Was sollte dem dort und anderswo noch alles folgen! Etwa das Wassertreten, die Blitzgüsse, viele Wickel und Umschläge, Abreibungen, auch Kontraste wie Kältetherapie und Sauna.

Auch der Papst war ein Fan

Kneipps Grundlage waren seine fünf Säulen: das Suchen und Finden nach innerer Balance, die Ernährung, die fern von Askese „einfach, naturbelassen und schmackhaft“ sein solle, ferner das Anwenden von Kräutern – gegen viele Leiden waren sie gewachsen. Er wandte sich, auch das bis heute richtig, gegen Stress und Hektik, aber für Bewegung. Und schließlich die Kraft des Wassers. Das ist, sagt der Kneipp-Verband, „pure Natur, Energiequelle und das reinste Beauty-Elixier“. Kneipp selbst dürfte auch Stress erlebt haben: Sein Ruf führte den „Säulenheiligen“ zu Vorträgen durch halb Europa.

Gegen seine Feinde fand der einfache Priester ein probates Heilmittel: die oberste Instanz. Papst Leo XIII. war, so sagt man heute, ein Kneipp-Fan. 1894 rief er den Wasserapostel nach Rom und ließ sich von ihm mehrfach behandeln. Sein darüber erzürnter Leibarzt hielt natürlich nichts von derlei Panscherei. Im selben Jahr erscheint „Mein Testament für Gesunde und Kranke“, erneut ein Erfolg. Zu seiner Bilanz gehören solche Sätze: „Mein ganzes Streben ging dahin, das, was der Schöpfer uns im Wasser und in den Kräutern bietet, vorzulegen und zu erklären. Den Pfuscher und Quacksalber nehme ich ruhig hin.“

Zu ihm waren Ratsuchende in Scharen gekommen. Populär machte ihn auch seine Gabe, fern von hoher Theologie klar und anschaulich mit ihnen zu reden, in breitem, gemütlichem Schwäbisch. Es sind – noch eine wirksame Säule? – bis heute Lehrstücke für das, was heute Arzt-Patient-Kommunikation heißt und längst nicht immer klappt. „Arbeiten’s, dann sind’s g’sund!“, rät er einem Adligen, und wer zu viel palavert, der sollte „drei Güsse aufs Maul“ bekommen.

Als ihn, den bald 78-Jährigen, ein Tumor plagt, ein Blasenkrebs, lehnt er jede Operation ab, ebenso eine Wallfahrt nach Lourdes. „Ich bin gläubig“, sagt er, „Wunder sind nur notwendig für Leute, die nicht gläubig sind.“ Begraben wird er unter starker, ehrlicher Anteilnahme in einer Kapelle – natürlich in Wörishofen.

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