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„Der Skitourismus steht unter Druck“

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Von: Anna Laura Müller

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Energieverschwendung oder legitimes Hilfsmittel? Schneekanonen in Garmisch-Partenkirchen. warmuth/dpa
Energieverschwendung oder legitimes Hilfsmittel? Schneekanonen in Garmisch-Partenkirchen. warmuth/dpa © dpa

Der Alpenforscher Werner Bätzing im FR-Interview über das Wechselspiel von Klima und Ökonomie.

Herr Bätzing, ist nachhaltiges oder zumindest ressourcenschonendes Skifahren möglich?

Im Prinzip ist Skifahren nicht nachhaltig, wenn man Seilbahnen und künstlich angelegte Pisten benutzt. Skifahren wird dann nachhaltig, wenn ich zu Fuß den Berg hochgehe und selbst abfahre. Und wenn ich bei der Abfahrt dann auch darauf achte, dass ich keine Gebiete durchfahre, in denen beispielsweise Wild lebt, das bei der Abfahrt aufgescheucht wird.

Wenn ich das berücksichtige, wäre es schon nachhaltig?

Nein, dazu müsste ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, nicht mit dem Auto. Wenn man heute noch Abfahrtsski machen und sich wenigstens etwas nachhaltig verhalten möchte, dann sollte man Skigebiete wählen, die sich an dem Wettbewerb, der zurzeit abläuft – also der Vergrößerung und dem ständigen in die Höhe gehen der Skigebiete – nicht beteiligen. Also Gebiete, die seit 30 bis 40 Jahren nicht größer geworden sind, die bewusst sagen: Wir bleiben so groß, wie wir damals waren. Diejenigen, die das Angebot in ihrem Bereich optimieren, aber nicht vergrößern und damit nicht die Konkurrenzspirale in Gang setzen.

Inwieweit ist es relevant den Skibetrieb in den Blick zu nehmen, wenn es um Energieverbrauch geht?

Die Seilbahnbetreiber betonen ja immer, wie niedrig ihr Anteil des Energieverbrauchs im Vergleich zum nationalen Energieverbrauch wäre. Also für den Betrieb von Seilbahnen und künstlicher Beschneiung. Das ist aber eine absurde Rechnung. Denn je größer der Staat ist und je kleiner der relative Alpenanteil, desto niedriger ist dann der Anteil des Verbrauchs der Bergbahnen. Das ist also eine Argumentation, die nicht stichhaltig ist und in sich widersprüchlich. Und dann vergleichen die Bergbahnen das ja auch oft mit den städtischen Hallenbädern, die beheizt werden müssen und ebenfalls einen hohen Energieverbrauch haben. Und da muss man einfach sagen, unsere heutige Wirtschaft und Gesellschaft verbraucht überall extrem viel Energie. Es gibt fast keine Aktivität, die ohne Energieverbrauch möglich ist. Das Skifahren gegen die Hallenbäder auszuspielen, ist zu kurzfristig gedacht. Da werden Sündenböcke geschaffen, aber man kommt in der Diskussion nicht einen Schritt weiter.

Also geht es beim nachhaltigen Wintersport gar nicht ums Thema Energie?

Das ist nur ein Teil der gesamten Problematik. Der andere Teil ist die Klimaerwärmung. In den Alpen wird das Klima deutlich wärmer als im restlichen Teil Europas und diese Region wird deswegen mit dem Schnee mehr Probleme bekommen. Das macht den Skigebieten sehr zu schaffen. In den letzten 20 Jahren sind etwa 200 bis 300 kleine Skigebiete komplett aufgegeben worden. Und der Tourismus konzentriert sich deswegen räumlich und geht in die Höhe. Das macht vielen Skibetriebsbetreibern in mittleren Lagen große Probleme. Außerdem haben wir eine ökonomische Problematik, die sehr ausgeprägt ist: einen sehr harten Verdrängungswettbewerb. Das liegt daran, dass die Nachfrage nach Skifahren in ganz Europa gesamtgesellschaftlich leicht zurückgeht oder stagniert. Dadurch kommt der Skimarkt unglaublich unter Druck – und baut in dieser Situation nach den marktwirtschaftlichen Gesetzen seine Angebote aus.

Das heißt?

Es beginnt ein Wettbewerb, in dessen Verlauf einzelne Skigebiete versuchen, größer zu werden und höhere Skigebiete zu erschließen, um sich so einen Vorteil zu verschaffen – zulasten der anderen Wettbewerber. Und das, obwohl der gesamte Kuchen kleiner wird. Eigentlich müsste in einer solchen Situation die Branche zusammenstehen und nicht ausbauen, weil das ja den Konkurrenzkampf noch verschärft, aber in einer Marktwirtschaft passiert eben das genaue Gegenteil.

Wer soll denn durch einen solchen Ausbau angelockt werden, wenn die Nachfrage auf dem europäischen Markt zurückgeht?

Die Idee ist dabei, einen neuen Markt zu erschließen. Genauer gesagt, den asiatischen Markt. Das war die große Hoffnung, als es in China zu den olympischen Winterspielen 2022 hieß, es sollen 300 Millionen Chinesen Skifahren können. Und dann hat man gehofft, wenn von diesen 300 Millionen nur ein bis zwei Prozent in die Alpen kommen, sind alle Wachstumsprobleme in den Alpen gelöst, dann können wir weiter wachsen auf eine zuvor ungesehene Weise. Das ist durch Corona ein Stück weit unterbrochen worden, aber die Pläne bestehen weiter. Dann gibt es die Hoffnung, auch den indischen Markt zu erschließen. Und das ist typisch für unsere Marktwirtschaft: Es muss permanent Wachstum stattfinden. Ohne Wachstum geht die Wirtschaft den Bach runter. Und deswegen versucht man jetzt, da der europäische Markt stagniert, in Asien neue Gästeschichten zu erschließen. Für die gesamte Umweltthematik ist das praktisch der größtmögliche GAU, wenn Leute zum Skifahren nicht bloß mit dem Auto 500 Kilometer anreisen, sondern mit dem Flugzeug um die halbe Welt fliegen.

Aber ohne Schnee braucht die Alpenregion doch gar nicht um die Menschen aus China oder Indien zu werben ...

Die Schneesicherheit oberhalb von 2000 Metern ist immer noch gegeben und wird auch in den nächsten 15 oder 20 Jahren gegeben sein. Die höchsten Skigebiete in den Alpen gehen im Raum Zermatt bis 3900 Meter in die Höhe. Wir haben 40 Skigebiete, die oberhalb von 3000 Metern liegen. Die sind selbst noch im Jahr 2050 höchstwahrscheinlich schneesicher. Es ist nicht so, dass die Klimaerwärmung das unmöglich macht. Das sind andere Faktoren, die es schwieriger machen.

Welche?

Es wird extrem teuer, wenn das Skifahren immer mehr in die Höhe rutscht. Dann werden die Vorbereitungen und Maßnahmen, um Skifahren zu garantieren, immer teurer. Es ist ja jetzt schon relativ teuer. Skifahren kann also funktionieren, aber die Preise werden deutlich steigen und dann ist die Frage, ob das überhaupt eine Zukunft hat und ob die Nachfrage bleibt. Wenn zusätzlich noch Energiepreise dauerhaft steigen, dann wird das eventuell das ökonomische Aus für den Skitourismus bedeuten, weil die Preise noch mal vorangetrieben werden. Deswegen sehe ich ökonomisch einen viel größeren Druck als bei den Klimafaktoren.

Skifahren wird also noch teurer, noch exklusiver?

Ja. Das ist die Zukunft. Es werden immer weniger Menschen Skifahren, es wird sich in immer größeren Höhen abspielen und es wird immer teurer.

Wie viel Naturerfahrung steckt dann noch im Skifahren?

Gar keine – das Ganze ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Die Alpen sind eine faszinierende Landschaft, die den Menschen sehr große Erlebnisse bescheren kann. Aber immer nur dann, wenn der Mensch auch die Gefährlichkeit und Bedrohung der Alpen erlebt. Er hat die Alpen nie im Griff. Und der Mensch merkt, wenn er sich in ihnen aufhält, dass die Alpen auch etwas haben, was größer ist als er selbst. Das gehört dazu. Dieses Element fehlt aber im Skigebiet, wo alles hergerichtet ist, wo alles problemlos und leicht konsumierbar ist. Wo ich bezahle für vorgefertigte Erlebnisse, die Tausende andere auf die identische Weise erleben. Das ist kein Erlebnis der Alpen. Das ist das Erlebnis eines Freizeitparks. Das hat mit der Natur der Alpen überhaupt nichts zu tun. Wenn man die Alpen wirklich erleben will, dann muss man zu Fuß unterwegs sein. Eine andere Art, die Größe der Alpen wirklich zu erleben, gibt es nicht.

Interview: Anna Laura Müller

Werner Bätzing , 74, ist emeritierter Professor für Kulturgeografie. Der Alpenforscher hat mehrere Bücher über die Entwicklung der Alpenregion geschrieben, zuletzt „Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft“. alm
Werner Bätzing , 74, ist emeritierter Professor für Kulturgeografie. Der Alpenforscher hat mehrere Bücher über die Entwicklung der Alpenregion geschrieben, zuletzt „Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft“. alm © Jon Duschletta/Engadiner Post

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