1. Startseite
  2. Panorama

Der schüchterne Löwe

Erstellt:

Von: Boris Halva

Kommentare

Lugner mit seiner vierten Frau Christina und Tochter Jacqueline, Ende der Neunziger in Wien. imago images
Lugner mit seiner vierten Frau Christina und Tochter Jacqueline, Ende der Neunziger in Wien. imago images © Imago

Richard Lugner ist Millionär, unermüdlicher Gigolo und Hauptdarsteller in seiner ganz eigenen Tragikomödie. Heute wird er 90 Jahre alt – ein schöner Anlass, den Unverwüstlichen ganz unironisch zu würdigen

Es ist unfair, Richard Lugner darauf zu reduzieren, dass er sich so gerne mit Frauen, vorzugsweise jungen Frauen umgibt. Man könnte auch sagen: Er ist gern dort, wo was los ist. Und wenn irgendwo mal nichts los ist, sorgt er eben dafür, dass bald was rennt, wie man in seiner Heimatstadt Wien zu sagen pflegt: Einkaufszentren, Hotels, Kinos, Moscheen – es gibt nur wenig, was Richard Siegfried Lugner in seinem langen Bauunternehmerleben nicht aus dem Boden gestampft hat. Es wurde zwar nicht alles, was der „Gesellschaftslöwe“ erbauen ließ, immer ein Renner, aber: Wer nicht wagt…

Richard Siegfried Lugner hat immer was gewagt. Eines seiner ersten Wagnisse: Nicht mehr länger nur Randfigur, sondern Hauptperson sein auf den Fotos, die nach Empfängen oder sonstigen Ereignissen der High Society im Wien der Siebzigerjahre von der Presse veröffentlicht wurden. Plötzlich war der Lugner da und mischte mit. Lange bevor er sich 1992 selbst zur Hauptfigur des Wiener Opernballs gemacht hat, bewies er, dass er ein Händchen dafür hat, aus der richtigen Mischung von Beton und Beziehungen erst ein gutes Auskommen, dann ein kleines Imperium aufzubauen.

Vor allem aber hat er ein Händchen für das, was Karin Schnegdar, Kolumnistin bei der Wiener „Kronen Zeitung“, in Lugners Biografie als „das Prinzip der Prominenzierung aus sich selbst“ bezeichnet, oder anders gesagt: „Er wurde prominent, weil er sich selbst als prominent definierte.“ Ein bestechend simples Prinzip, das heute „Hype yourself“ heißt und dem die Welt tausend weitere Sterne am Promihimmel verdankt.

Aber bevor Richard Siegfried Lugner (zwei Königsnamen für einen Menschen, das kann auch eine Bürde sein!) zum Dauergast in Klatschspalten. im Promi-TV und seiner eigenen Reality-Soap wird, verfolgt er über zwei Jahrzehnte einige in jeder Hinsicht wirkungsvolle Projekte. 1962 erhält er die Konzession und gründet seine Baufirma: „Lugner“. Mit den Werbetafeln pflastert er ganz Wien, aber die Medien werden erst Mitte der Siebziger auf ihn aufmerksam, als er eine Moschee baut. Und als wollte er sich auch mit den übrigen Höheren Mächten gut stellen, renoviert er später den Stadttempel der jüdischen Gemeinde, einen Häuserblock für die Freimaurer sowie die griechisch-orthodoxe Kirche am Fleischmarkt.

Danach beginnt der Aufstieg vom „Bau-Löwen“ zum gern belächelten, aber eben auch viel umworbenen „Gesellschaftslöwen“. Plötzlich ist der Lugner wer, was selbst Michael Jeannée, den Klatsch-Kolumnisten der „Kronen Zeitung“, überrascht: Er habe Lugner anfangs nur „Zuwedrucka“ genannt, weil der „sich immer zu Prominenten gestellt, also zuwedruckt“ hat. Aber Lugners Strategie geht auf, irgendwann kann ihn die Presse nicht mehr ignorieren. Jeannée soll es auch sein, der Lugner den Spitznamen „Mörtel“ verpasst, nachdem dieser erklärt hatte, bis ihn die Boulevard-Presse entdeckte, sei er „nur der Herr Lugner“ gewesen, aber „jetzt bin ich der Mörtel der Nation“. Da schau her!

Seither ist Richard Siegfried Lugner in der Medienlandschaft „ständig präsent und daraus nicht mehr wegzudenken“ – so steht es in einer Diplomarbeit aus dem Jahr 2009 mit dem Titel „Richard ‚Mörtel‘ Lugner und das Geheimnis seiner Prominenz“. In dieser Arbeit wird auch eine Umfrage zitiert, derzufolge der Mörtel für mehr als die Hälfte der Befragten ein „peinlicher, alter Mann“, für die anderen immerhin ein „kluger, fleißiger Kasperl“ ist.

Nicht alle Pläne gehen auf

Der Ruhm hat seinen Preis, aber diesen Preis zahlt Lugner gerne. Und wie das so ist mit den Geistern, die man ruft: Seit der Scheidung von seiner vierten Frau Christina Haidinger, auch bekannt als „Mausi“, im August 2007 ist der Multi-Millionär beständig von weiblichen „Zuwedruckan“ umringt, was er die meiste Zeit genießt, wie er betont.

Was Lugner auch genießt: die Provokation. Dass er sich zweimal als Kandidat für die Wahl des Bundespräsidenten aufstellen ließ, war keine Provokation, das meinte er ernst. Als Geschäftsmann hielt er seine Weste auch immer weiß. Abgesehen davon, dass er gerne für sein Einkaufszentrum „Lugner City“ die Ladenschlusszeiten gekippt hätte, findet sich bei der Suche nach Lugnerschen Skandalen fast immer nur ein Stichwort: der Opernball.

Klatschjournalist Jeannée nennt Lugners Idee, sich immer eine Berühmtheit in seine Loge zu holen, „eine Königsidee, die ihn zu dem machte, was er heute ist“. Ohne seine jährlichen Auftritte beim Opernball wäre Lugner bloß „ein lokaler Wurschtel“ geblieben. Andererseits wäre der Opernball ohne den Lugner auch bloß eine lokale Wurschtelei geblieben. Und bei allem Spott, der sich von Zeit zu Zeit über Lugner ergießt: Er ist der Beweis, dass auch in einem alten Körper eine junge Seele wohnen kann und die Lust aufs Leben. So hat Thomas Gauss, der Erfinder der TV-Serie „Die Lugners“, einmal gesagt, Lugner bewege die Menschen auch deshalb, „weil seine Mentalität die eines jung gebliebenen Lausbuben ist, mit einer unbändigen Freude daran, wenn sich andere über ihn mokieren“.

Diese von Gauss erwähnte Freude war Lugner deutlich anzusehen, als er 2003 die Edelprostituierte Ruby Rubacuore zu sich in die Opernball-Loge einlud. Die damals 18-Jährige soll als Call-Girl an den „Bunga-bunga“-Partys des früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi teilgenommen haben. „Das ist die größte Peinlichkeit, die Herr Lugner jemals gemacht hat“, empörte sich Opernball-Chefin Desiree Treichl-Stürgkh und erwog, Lugner keine Loge mehr zu geben. Und Lugner? Kam mit Ruby und lächelte. Und bekam auch 2004 seine Loge.

„Verliebt? Nein. Nur einmal“

Die Kronen-Zeitung hat den Lugner kurz vor seinem 90. Geburtstag besucht – und präsentiert ihn als verhuschelten Greis, der verschlafen hat und zwischendurch seine Hörgeräte holen muss, damit er die Fragen richtig versteht. Aber zwischen all dem Geplänkel über Zipperlein, seine Schüchternheit und die große Feier, bei der auch all seine „Tierchen“, wie er seine Exfreundinnen und -frauen nennt, dabei sein werden, schimmert ein kurzer Satz auf, der andeutet, warum der Lugner wohl einfach nicht ohne die Frauen kann: Auf die Frage, ob er denn verliebt gewesen sei, antwortet Lugner: „Verliebt? Nein. Nur in meine erste Frau, die alles mit mir aufgebaut hat.“ Christine Gmeiner, seine erste Frau und Mutter seiner Söhne Richard Alexander und Siegfried Andreas, heiratete er im April 1961, im Mai 1978 ließ sich das Paar scheiden. Verdammt lang her, die Liebe!

Und so scheint der Medienwissenschaftler Peter Vitouch gar nicht so falsch zu liegen, wenn er schreibt, dass hinter Richard Siegfried Lugners unbändigem Drang, in der Öffentlichkeit zu stehen, wohl „ein großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit“ steckt, ein Wunsch nach Liebe. Und vielleicht ja auch der nie gestillte Hunger nach dem Butterbrot mit viel Zucker drauf, von dem er träumte, damals, als er noch der schüchterne Bub war, den seine Mama liebevoll „Binki“ nannte.

Da geht noch was: Wilder Tanz mit der „Biene“ auf „Mausis“ Geburtstag im Juni 2021 im Wiener „Strandcafe Alte Donau“. imago images
Da geht noch was: Wilder Tanz mit der „Biene“ auf „Mausis“ Geburtstag im Juni 2021 im Wiener „Strandcafe Alte Donau“. imago images © Kurt Piles/Imago
Der Lenz im Glück garantiert Gaudi von der Stange: mit „Bambi“ (links) und „Käfer“ beim Auftakt der Spargelsaison 2018. imago images
Der Lenz im Glück garantiert Gaudi von der Stange: mit „Bambi“ (links) und „Käfer“ beim Auftakt der Spargelsaison 2018. imago images © Kurt Piles/Imago

Auch interessant

Kommentare