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„Der Pilz frisst sie bei lebendigem Leib“

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Von: Andreas Sieler

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Zieht sich im Winter gern in Höhlen zurück: der Feuersalamander. klaus bogon
Zieht sich im Winter gern in Höhlen zurück: der Feuersalamander. klaus bogon © Klaus Bogon

Der Feuersalamander hat ein Problem – auch deshalb ist er zum „Höhlentier 2023“ ausgerufen worden. Ein Gespräch mit dem Forscher Stefan Zaenker über unterirdische Biotope und den Störfaktor Mensch

Herr Zaenker, als Höhlenforscher sind Sie häufig unter der Erde – welchen Tieren begegnen Sie auf Ihren Streifzügen?

Da gibt es etliche. Wir haben in Deutschland insgesamt 750 Höhlentierarten, die sich in drei Gruppen einteilen lassen: einmal Tiere, die überwintern oder übersommern, da gehören unter anderem die Fledermäuse dazu. Die sind zwingend im Winter auf Höhlen angewiesen. Dann gibt es Tiere, die das ganze Jahr in Höhlen vorkommen und dort feste Populationen bilden, das aber auch außerhalb auf der Erdoberfläche können. Hierzu gehören verschiedene Tausendfüßer-, Assel- und Spinnenarten. Und es gibt die „echten“ Höhlentiere, davon gibt es 150 verschiedene Arten in Deutschland, die nur unter der Erde leben können. Die sind meistens weiß, haben verlängerte Gliedmaßen und sind blind. Ein Vertreter dieser Gruppe ist der Höhlenflohkrebs Niphargus, der 2009 das erste Höhlentier des Jahres war.

Wie oft begegnen Ihnen Feuersalamander?

Im Sommer sehr häufig als Larven in den Gewässern. Oft gehen die Weibchen ganz gezielt in unterirdische Gewässer und legen ihre Larven ab. Erwachsene Feuersalamander trifft man hauptsächlich bei der Überwinterung, die sind im Sommer meistens draußen. Im Winter sind Höhlen ein guter Zufluchtsort, da es dort viele andere Tiere gibt, finden sie immer Nahrung. Sie müssen daher auch keine Winterruhe halten. Bei Fledermauskontrollen sehen wir sie ziemlich häufig.

Nun ist der Feuersalamander Höhlentier des Jahres. Diese Ernennung erfolgt ja meist, um auf bedrohte Tiere aufmerksam zu machen. Warum der Feuersalamander?

Es gibt beim Feuersalamander ein Riesenproblem: den sogenannten Salamanderfresser. Das ist ein Pilz – keiner weiß so genau, wie der eingeschleppt wurde. Auf jeden Fall frisst er die Feuersalamander bei lebendigem Leib, die Tiere sterben also an der Pilzerkrankung. In den Niederlanden hat das dazu geführt, dass der Feuersalamander dort innerhalb von ein paar Jahren so gut wie ausgestorben ist. Dieser Pilz wandert immer weiter nach Osten. In Hessen ist er noch nicht angekommen, es gibt aber Funde in der Eifel, wo viele Salamander sterben, und einzelne Funde im Steigerwald und auf der Schwäbischen Alb. Wir befürchten, dass er sich weiter verbreitet. Man kann in den vergangenen Jahren richtig nachvollziehen, wie er immer näher kommt. Der Pilz rottet die Populationen komplett aus.

Was kann man dagegen tun?

Gegen den Pilz könnte man nur etwas machen, indem man die Umwelt drumherum stark in Mitleidenschaft zieht. Es gibt natürlich Pilzmittel, aber das Problem ist, dass der Pilz nicht nur an Salamander geht, sondern auch an Wassermolche, die sterben dadurch aber nicht unbedingt. Wenn man aber ein Gebiet hat, in dem Feuersalamander und Molche leben, dann ist es schwer, den Pilz zu bekämpfen. Wir Höhlenforscher haben es uns zur Aufgabe gemacht, wenigstens aufzupassen, dass wir den Pilz nicht von einem Quartier ins andere tragen.

Wie verhindern Sie das?

Wenn ich in einer Höhle in der Rhön bin und weiß, am kommenden Wochenende fahre ich in eine Höhle nach Nordhessen, dann säubere ich Ausrüstung und Klamotten penibel. Es gibt auch verschiedene Handlungsvorlagen, etwa, dass man die Sachen mit Pilzmitteln behandeln soll. Das finde ich nicht so prickelnd, denn wenn ich die Pilzmittel in eine Höhle trage, in der es ganz seltene Lebewesen und Populationen gibt und die Pilzmittel dann in die Höhle oder ins Wasser gelangen, dann töten sie andere Tierarten. Es gibt viele Amphibienschützer, die sagen, „ihr müsst alles mit Pilzmitteln reinigen“, aber es gibt mehr Tiere als den Feuersalamander.

Eine Zwickmühle.

Natürlich finde ich es auch traurig, wenn er ausstirbt, aber wir werden es so nicht verhindern können. Wer verhindert denn, dass ein Holzlaster aus Holland, der hier Holz abholt, mit Reifen in den Wald fährt, die nicht mit Pilzmitteln behandelt sind? Oder dass ein Wanderer in der Eifel wandert und am Wochenende darauf in der Rhön.

Wie stark bedroht ist der Feuersalamander Ihrer Ansicht nach?

Sehr, sehr bedroht. Wir sehen das, wo dieser Pilz vorkommt. Innerhalb von wenigen Jahren werden dort die kompletten Populationen ausgelöscht. Man muss alles tun, um die Ausbreitung weiter zu verhindern. Daran müssen Höhlenforscher auch mitwirken. Deswegen haben wir den Feuersalamander zum Höhlentier des Jahres ausgewählt. Damit wir auch bei uns bekannt machen: Es gibt diesen Pilz. Wascht eure Klamotten richtig und passt auf! Und damit man nicht in jedes Quartier geht, von dem man weiß, dass dort Feuersalamander sind.

Sie wollen mit Ihrer Arbeit nicht nur die Menschen, die draußen in der Natur unterwegs sind, sensibilisieren. Sie appellieren auch immer wieder an die Politik. Wie steht es eigentlich um die finanziellen Mittel zur Erforschung der Ökosysteme?

zur person und zum tier

Stefan Zaenker, 57, ist Biospeläologe und arbeitet bei der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Kassel, wo er für Höhlen, Fledermäuse und Quellen zuständig ist. Seit 40 Jahren betreibt er Höhlenforschung und beschäftigt sich mit der dort anzutreffenden Tierwelt. Er ist Referent beim Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher und leitet das Projekt Höhlentier des Jahres. 2020 veröffentlichte er das Buch „Die Höhlentiere Deutschlands. Finden - Erkennen - Bestimmen“.

Der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher hat den Feuersalamander zum Höhlentier des Jahres 2023 ernannt. Die Art wurde 1758 von dem Naturforscher Carl von Linné erstmals wissenschaftlich beschrieben. Laut Verband ist der Feuersalamander (Salamandra salamandra) seit einigen Jahren durch den wahrscheinlich

aus Ostasien eingeschleppten Hautpilz Batrachochytrium salamandrivorans (kurz Bsal, auch Salamanderfresser oder Salamanderpest genannt) ernstlich bedroht.

Feuersalamander sind in weiten Teilen Süd- und Mitteleuropas anzutreffen. Oft werden die Tiere als giftig beschrieben, da sie ein Sekret absondern können, das sie in erster Linie vor Fressfeinden schützen soll. Bei Menschen verursacht es – im Normalfall – höchstens ein leichtes Brennen, anfassen sollte man sie dennoch nicht. FR

Vieles läuft nur ehrenamtlich, auch das, was wir beim Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher machen. Wir haben aber im Mai immerhin eine Anerkennung erhalten. Wir hatten mit dem Landesverband für Höhlen- und Karstforschung Hessen ein Programm entwickelt, um Höhlen zu beurteilen und Tiere zu erfassen – mit einer App namens CaveLife. Damit haben wir den höchsten europäischen Naturschutzpreis „European Natura 2000 Award“ gewonnen. Das ist auch voll ehrenamtlich entstanden.

Was ist das für eine App?

Damit lässt sich eine Höhle und ihr komplettes Inventar bewerten: Was sind dort für Strukturen wie Tropfsteine oder Schächte; welche Tiere kommen darin vor und gibt es dort Beeinträchtigungen wie Müll oder Geocaches. Die App nutzen auch Höhlenforscher in anderen europäischen Staaten.

Da Sie Geocaches erwähnen: Sind diese „Schatzkästchen“, die man mithilfe von GPS-Daten aufspürt, ein Problem?

Ja. Vor allem im Winter. Wenn Fledermäuse ihren Winterschlaf in offenen Höhlen halten und darin liegen Geocaches. Dann werden die Fledermäuse gestört, jedes Aufwachen verbraucht Energie – wenn die Tiere fünfmal aufwachen, überleben sie den Winter nicht. Und ich habe Eintragungsbücher von Geocaches in Fledermaushöhlen gesehen, da haben sich alleine im Dezember 150 Leute eingetragen. Die bemerken ja gar nicht, dass sie dabei etwas kaputt machen. Man muss dafür nicht in die Winterquartiere der Fledermäuse gehen. Höhlen sind seit 2019 besonders geschützte Biotope nach dem Bundesnaturschutzgesetz, es gibt auch ein Betretungsverbot.

Zurück zum Feuersalamander: Ich unterstelle einfach mal, dass viele Menschen nur wissen, dass die Tiere farbenprächtig sind und als Kind gelernt haben: Vorsicht giftig! Sind sie das wirklich?

Sie haben schon ein Gift in der Haut, und anfassen soll man Amphibien ohnehin nicht. Aber selbst wenn man einen anfasst, reicht es, sich danach gut die Hände zu waschen. Man muss sie ja nicht ablecken oder sich die Augen reiben. Ich weiß von einem Förster, dessen Hund hat einen Feuersalamander gegessen und ist daran gestorben. Aber warum sollte ein Mensch einen Feuersalamander essen? Abgesehen davon schädigt es vor allem die Haut der Tiere, wenn man sie anfasst.

Wie das?

Wir haben an unserer Haut unter anderem Bakterien und die gehen auf den Feuersalamander über, wodurch er Krankheiten bekommen kann. Menschen schadet das weniger als dem Tier. Man soll auch keine Frösche anfassen.

Mit der Wahl des Höhlentiers wollen Sie auch darauf hinweisen, dass bei der Erforschung unterirdischer Ökosysteme und der darin vorkommenden Arten ein enormer Handlungsbedarf besteht. Worum geht es dabei?

Es weiß kaum jemand etwas über Höhlentiere. Das ist ein Lebensraum, in den kaum jemand hineinkommt. Man braucht die richtige Ausrüstung und darf keine Angst vor Enge oder Dreck haben. Auch Behörden wissen wenig. Neulich hat eine Untere Naturschutzbehörde in Nordrhein-Westfalen behauptet, in NRW gebe es keine Höhlentiere. Und wenn, dann wüsste man davon. Das ist natürlich völliger Unsinn! Der Handlungsbedarf ist auf jeden Fall da. Wir sehen das gerade bei Behörden.

Was tun die? Oder vielmehr: Was tun sie nicht?

Da werden Höhlen einfach abgebaut, in Steinbrüchen oder bei Baumaßnahmen für Straßen- oder Bahnbau, und es wird noch nicht einmal vorher geschaut, ob da irgendwelche seltenen Tiere drin leben. Es wird einfach Beton reingefüllt. Und dann gibt es Tierarten, deren Lebensraum auf einzelne Höhlen beschränkt ist. In Nordhessen haben wir eine Höhle mit einem See – und in diesem See kommt ein ganz seltener Süßwasserpolyp vor. Das ist ein Tier, das fest an einem Holz sitzt und mit Tentakeln Höhlenkrebse fängt. Das ist weltweit der einzige bekannte Fundort. Stellen Sie sich vor, jemand wirft, wenn auch nur aus Unachtsamkeit, Batterien oder Müll in den See. Dann ist das Tier tot – und es hat niemand gemerkt.

Interview: Andreas Sieler

Der Feuersalamander hat ein Problem – auch deshalb ist er zum „Höhlentier 2023“ ausgerufen worden. Ein Gespräch mit dem Forscher Stefan Zaenker über unterirdische Biotope und den Störfaktor Mensch

Stefan Zaenker, 57, ist Biospeläologe und arbeitet bei der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Kassel. foto:privat
Stefan Zaenker, 57, ist Biospeläologe und arbeitet bei der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Kassel. foto:privat © privat

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