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Der Nürnberger Ärzteprozess

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Von: Bernd Hontschik

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Worum es 75 Jahre danach noch immer geht.

Von Nürnberg kennt man den Christkindlmarkt. Man kennt den Nürnberger Lebkuchen und die Nürnberger Bratwürste. Nürnberg ist Dürerstadt. Nürnberg ist Universitätsstadt. Und dann gibt es da noch das Reichsparteitagsgelände. Von 1934 an wurden dort von den Nationalsozialisten Jahr um Jahr die „Reichsparteitage des Deutschen Volkes“ durchgeführt. Sie dauerten eine Woche, begannen mit Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ und waren eine fanatische, religionsartige Huldigung für Adolf Hitler – bis zu 500 000 Menschen jubelten dem Führer zu. Das ist der Grund, warum die Alliierten im August 1945 den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg konstituierten.

Nach dem ersten Kriegsverbrecherprozess, der bis in den September 1946 dauerte, kam es in den folgenden drei Jahren noch zu zwölf Nachfolgeprozessen gegen Juristen, Industrielle – darunter Krupp, Flick und die I.G. Farben –, gegen Verantwortliche der Rassen- und Siedlungspolitik, des Auswärtigen Amtes und der Militärführung. Einer davon war der Nürnberger Ärzteprozess vom Dezember 1946. Den 23 Angeklagten wurden schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen: Zwangssterilisationen, Unterkühlung und Unterdruck bis zum Tod, Infektionen mit Fleckfieber oder Hepatitis, das Setzen von Phlegmonen, die Exposition mit Kampfgasen wie Lost oder Phosgen, die Tötungen für Skelettsammlungen und „Rassenforschungen“, die systematischen Euthanasieprogramme oder die Beteiligung an der „Ausmerzung“ unerwünschter Teile des „Volkskörpers“.

Der Prozess endete im August 1947 mit sieben Todesurteilen, neun Gefängnisstrafen von je zehn Jahren bis lebenslänglich – und sieben Freisprüchen.

Der Nürnberger Ärzteprozess ist mit zwei Namen besonders verbunden: Alexander Mitscherlich und Alice Ricciardi-von Platen. Alexander Mitscherlich wurde 1946 von den Ärztekammern der Westzonen damit beauftragt, den Ärzteprozess in Nürnberg zu beobachten. Dahinter steckte die Absicht, dass er mit seinem Bericht die deutsche Ärzteschaft von Kollektivschuld freisprechen sollte. Als er in der Broschüre „Das Diktat der Menschenverachtung“ von 1947 aber geradezu vom Gegenteil berichtete und systematische, über die Untaten einzelner Personen weit hinausgehende Verbrechen und das Mitläufertum der gesamten deutschen Ärzteschaft protokollierte, verschwanden fast alle der 25 000 Broschüren auf wundersame Weise. Mitscherlich wurde von den rehabilitierten Altnazis der deutschen Medizinordinarien massiv angegriffen und diffamiert und blieb innerhalb der Schulmedizin geächtet bis zu seinem Tod 1982.

Alice Ricciardi-von Platen gehörte zu Mitscherlichs Beobachterkommission. Sie konzentrierte sich auf die Vernichtungsprogramme von „Geisteskranken“. Sie konstatierte eine Kriminalität des gesamten psychiatrischen Systems, von dem die ganze deutsche Ärzteschaft gewusst hatte. Von den 3000 Exemplaren ihrer Veröffentlichung über „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“ gelangten auch auf wundersame Weise nur 20 Exemplare in Umlauf.

Im Zuge der Urteilsverkündung am 20. August 1947 formulierte das Gericht auch den „Nürnberger Kodex“, eine verbindliche und allgemein gültige ethische Richtlinie über Experimente mit und an Menschen. Für die Nürnberger Regionalgruppe der damals schon weltumspannenden IPPNW, der Vereinigung von Ärztinnen und Ärzten, die sich gegen einen Atomkrieg und für soziale Verantwortung stark machen, war der fünfzigste Jahrestag der Verkündung dieses Nürnberger Kodex Anlass für die erste Tagung „Medizin und Gewissen“ im Jahr 1996, die seitdem alle fünf Jahre stattfindet, zum sechsten Mal an diesem Wochenende.

25 Jahre nach der ersten Tagung geht es heute um die aktuelle Gefährdung der Gesundheit und des Patientenwohls, wenn der „Lebenswert an einer möglichen ökonomischen Wertschöpfung gemessen wird“. Im Vordergrund steht dabei der menschenverursachte Klimawandel, „geht er doch einher mit einer globalen Gefährdung einer lebenswerten Umwelt und immensen negativen gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen“. In den Vorträgen und Arbeitsgruppen geht es daher neben dem Nürnberger Kodex auch um Klima und Krieg, Gesundheit als Menschenrecht, Global Health, Hippokrates for Sale, Evidenz und Ethik der Pandemie.

Auch bei der diesjährigen Tagung werden die Ärztinnen und Ärzte wieder nach Lehren aus der Vergangenheit und Perspektiven für eine bessere Zukunft suchen: www.medizinundgewissen.de

Dr. med. Bernd Hontschik ist

Chirurg und Publizist:

www.medizinHuman.de

Aktuell im Handel ist sein Buch „Heile und herrsche! – Eine gesundheitspolitische Tragödie, Westend Verlag. FOTO: UTE SCHENDEL

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