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Der niedliche Problembär

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Sein natürlicher Feind ist höchstens der Wolf. Imago Images
Sein natürlicher Feind ist höchstens der Wolf. Imago Images © Imago Images

Waschbären richten teils enorme Schäden an und gelten als Gefahr für bedrohte Arten.

Waschbären sind witzig und schlau. „Sie trinken gerne Bier“, hat der Biologe Berthold Langenhorst vom Naturschutzbund Nabu Hessen auf einer Freizeit am Edersee festgestellt. Die zutraulichen Gäste warfen die Flaschen um und süppelten dann ein paar Schlückchen. Aber Waschbären richten auch enorme Schäden an. Sie ziehen in Dachböden ein, reißen die Dämmung heraus und hinterlassen stinkende Latrinen. Im Garten fressen sie Obstbäume leer und räumen Vogelnester aus. Und auch im Naturschutz sorgen sie für große Probleme.

In einem Basaltsteinbruch im Main-Kinzig-Kreis zum Beispiel räuberten Waschbären in Laichgewässern und ließen Dutzende gehäutete Kreuzkröten zurück. An Gewässern in Mittelhessen fanden Naturschützer von Waschbären getötete Gelbbauchunken. Langenhorst berichtet, dass Waschbären im Spessart die Krötenschutzzäune an den Straßen ablaufen und die Kröten fressen, die in die Eimer gefallen sind – Abend für Abend.

Die Geschichte der Waschbären in Deutschland beginnt vermutlich 1934 mit zwei am Edersee ausgesetzten Pärchen. Seitdem breiten sich die aus Nordamerika stammenden Tiere immer weiter aus. In den gewässerreichen Regionen Hessen, Niedersachsen und Brandenburg sind sie längst heimisch. Kassel gilt als Hochburg. „Mittlerweile hat der Waschbär den Main überschritten“, sagt Langenhorst. „Der Speckgürtel um Frankfurt ist Waschbärenland.“

Waschbären können sehr gut schwimmen und sehr gut klettern. Sie sind Allesfresser, die bei uns keine natürlichen Feinde haben - höchstens den Wolf. „Der Waschbär kommt immer und überall klar“, sagt Markus Stifter vom Landesjagdverband Hessen. „Er spezialisiert sich schnell“, in Brandenburg zum Beispiel auf das Ausgraben von Eiern der gefährdeten Europäischen Sumpfschildkröte. Leben in seinem Revier Tierarten, „die es sowieso schwer haben“, wie Rebhuhn, Feldlerche, Kiebitz oder Kammmolch, erhöhe der Waschbär als zusätzlicher Fraßfeind den Druck auf diese Arten, erklärt Stifter.

Bestand hierzulande unklar

Mühsam versuchen Naturschützerinnen und Naturschützer, die vom Aussterben bedrohten Tiere zu schützen, zum Beispiel mit Manschetten an Bäumen, in denen Rotmilane ihre Horste gebaut haben, mit Käfigen über den Nestern von Kiebitzen oder Elektrozäunen um Gewässer. Das seien dann aber hohe Zäune, damit die Waschbären nicht drüberklettern, „für die Landschaft nicht schön“, räumt Langenhorst ein.

Unklar ist, wie viele Waschbären in Deutschland leben. Als erstes Bundesland nahm Hessen sie 1954 ins Jagdrecht auf. Die Zahl der von Jägern erlegten Tiere stieg von 122 im Jagdjahr 1960/61 auf knapp 30 000 im Jagdjahr 2020/21. Waschbären würden entweder geschossen oder mit modernen Lebendfallen gefangen und dann getötet, erklärt Stifter. Schön ist das nicht. Aber einmal gefangen, dürfen sie als invasive Art nicht wieder in die freie Natur.

Selbst der Nabu sagt, dass es eine örtliche, „kleinräumige Jagd“ dort brauche, wo Waschbären gefährdete Arten bedrohen. Allerdings betont Langenhorst auch: Waschbären besetzten Reviere, „und dann wächst die Population nicht weiter“. Das ist offenbar in Nordhessen der Fall. In Südhessen hingegen wachsen die Bestände.

Außerdem kann jeder helfen, ihnen das Leben etwas schwerer zu machen: Mülltonnen sicher verschließen, Katzen-und Hundefutter nicht draußen stehen lassen, keine Essensreste auf den Kompost, kein Essen in öffentliche Mülltonnen, Dachboden und Keller sichern, damit die Waschbären nicht ins Haus gelangen. Stefanie Walter, epd

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