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Der „Musterhäftling“

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Harvey Weinstein wird 70 – und erwartet den nächsten Prozess

Es ist keine feine Adresse, an der Harvey Weinstein am kommenden Samstag seinen 70. Geburtstag erleben wird. Rund zehn Kilometer östlich von Hollywood, aber weit von seiner einstigen Glamourwelt entfernt sitzt der Ex-Filmproduzent im „Twin Towers“-Gefängnis in einem schäbigen Viertel von Los Angeles. Hinter der siebenstöckigen fensterlosen Fassade sind offiziell derzeit rund 2800 Häftlinge untergebracht.

Der einst reiche Hollywoodmogul, der mit seiner Firma Erfolgsfilme wie „Pulp Fiction“, „Good Will Hunting“ oder „Gangs of New York“ produzierte und selbst einen Oscar gewann, ist tief gefallen. 2020 verurteilte ein New Yorker Richter Weinstein wegen Sexualverbrechen zu 23 Jahren Haft, nachdem ihn eine Jury unter anderem wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung schuldig gesprochen hatte. Die Strafe sei eine „Warnung an alle Sexualstraftäter und gewalttätigen Partner in allen Bereichen der Gesellschaft“, sagte der damalige Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance. Zahlreiche der mehr als 80 Frauen, die Weinstein sexuelle Übergriffe vorwerfen, zeigten sich erleichtert.

Die Vorwürfe gegen Weinstein, veröffentlicht erstmals im Herbst 2017 von der „New York Times“ und dem Magazin „New Yorker“, lösten die Me-too-Bewegung aus. Weltweit erkannten Frauen und auch einige Männer ihre eigenen Geschichten in denen der mutmaßlichen Weinstein-Opfer wieder – sie begannen, diese Geschichten unter dem Schlagwort „Me too“ zu sammeln. Im Zuge der Me-too-Bewegung haben inzwischen weitere einflussreiche Menschen ihre Jobs verloren oder wurden angeklagt, etwa der Comedian Bill Cosby.

Weitere Klage in Los Angeles

Der 1952 im New Yorker Stadtteil Queens in eine wohlhabende Familie hineingeborene Weinstein, der wegen gesundheitlicher Probleme inzwischen meist im Rollstuhl sitzt, hat viele der Vorwürfe zurückgewiesen und vor Gericht auch sein Schuldbewusstsein betont. „Ich fühle große Reue gegenüber allen Frauen.“ Retten konnte der fünffache Vater damit wenig. Seine zweite Ehefrau, Modedesignerin Georgina Chapman, hat sich von ihm scheiden lassen, seine vielen prominenten Freunde haben sich nahezu alle von ihm distanziert, seine Firma ist pleite.

Zudem sind seine juristischen Kämpfe nicht vorbei. In Los Angeles wurde er ebenfalls wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung angeklagt. Im Juli 2021 wurde er daher von einem New Yorker Gefängnis in die Einrichtung in Los Angeles überführt. Er warte dort auf seinen nächsten Prozess, sagte sein Anwalt Mark Werksman. Elf Anklagepunkte liegen vor, unter anderem wegen Vergewaltigung. Insgesamt dreht sich das Verfahren um Vorwürfe von fünf Frauen, die den Zeitraum von 2004 bis 2013 betreffen. Weinstein hat auf „nicht schuldig“ plädiert – blitzte aber mit einem Antrag auf Fallenlassen der Anklage ab. Die nächste Anhörung ist für Anfang Mai vorgesehen. Der Prozessauftakt könnte noch in diesem Jahr folgen.

Bis dahin bleibt Weinstein die Nummer 6 217 733 im Insassenverzeichnis des Gefängnisses: graue Haare, 1,82 Meter groß, 113 Kilogramm schwer, wie es auf der Webseite der Behörde heißt. Über sein Befinden dringt wenig an die Öffentlichkeit. Jeder Person in ihrem Gewahrsam stünden medizinische Versorgung, Hofgang, Anrufe, Duschen und Verpflegung zu, teilte die Gefängnisleitung auf Anfrage knapp mit. Zwei halbstündige Besuche pro Woche seien erlaubt.

Streng untersagt sind dabei Mitbringsel wie etwa Süßigkeiten. Doch genau das brachte Weinstein kürzlich in die Schlagzeilen, als Wärter nach einem Anwaltsbesuch Schokoladebonbons bei ihm fanden und konfiszierten, wie das Branchenblatt „Variety“ berichtete. „Das wird nicht wieder vorkommen“, entschuldigte sich Weinstein. Er befolge die Regeln und Vorschriften und sei ein „Musterhäftling“. Barbara Munker und Christina Horsten, dpa

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