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Der kopflose Krieger

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Von: Andreas Hartmann

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Näheres weiß man über den Unbekannten nicht.
Näheres weiß man über den Unbekannten nicht. © Landesmuseum Mainz

Das Mainzer Landesmuseum macht verblüffende Entdeckung im eigenen Depot.

Abgeschlagene Köpfe, Rümpfe ohne Gliedmaßen, Bruchstücke und Scherben – was Museen an antiken Werken ausstellen können, lässt die einstige Pracht kaum noch ahnen. Die Venus von Milo ist berühmt auch ohne Arme oder gerade deswegen, und der Dichter Rainer Maria Rilke besingt eindrücklich den kopflosen Torso Apolls („Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt …“).

Auch das Mainzer Landesmuseum – „wir haben eine der größten römischen Steinsammlungen nördlich der Alpen“, sagt Kuratorin Ellen Riemer stolz – dürfte tonnenweise Altertümerfragmente besitzen. Jetzt muss eines der Museumsdepots umziehen, und das entpuppte sich als enormer Glücksfall. Denn so bekommt ein römischer Soldat nun seinen lange verschollenen Kopf zurück. „So eine Entdeckung wie jetzt kommt sehr, sehr selten vor“, schwärmt Riemer.

Verloren gegangen war der Kopf allerdings nicht schon in der Antike, sondern in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. „Viele antike Grabsteine wurden damals zum Schutz vor Bombenangriffen im Hof des Museums vergraben“, berichtet Kuratorin Riemer. „Nach dem Krieg hat man die Trümmer zwar geborgen, aber kleinere Bruchstücke wohl nur zusammengekehrt.“

Öffentliche Restaurierung

Der kopflose Krieger landete als Leihgabe im Limesmuseum Pohl, der Kopf lag jahrzehntelang in einer Schachtel im Depot – bis der Archäologe Jens Dolata beim Zusammenräumen für den Umzug ein scharfes Auge und ein gutes Gedächtnis bewies. „Er kennt sich mit römischen Steinen einfach sehr, sehr gut aus“, sagt seine Kollegin anerkennend.

Der Kopf, der erst jüngst wieder entdeckt wurde.
Der Kopf, der erst jüngst wieder entdeckt wurde. © Landesmuseum Mainz

Ja, oben und unten passen tatsächlich zusammen und gehören zu dem 1906 in Mainz-Weisenau entdeckten, fast 2000 Jahre alten Grabstein, wie Ellen Riemer und ein historisches Foto bestätigen. Am Donnerstag und Freitag dieser Woche will die Restaurierungswerkstatt Matthias Steyer beide Teile der fast 2000 Jahre alten Figur reinigen und nach 77 Jahren wieder zusammensetzen, und zwar öffentlich.

„Er ist ja sehr lustig, finde ich, so mürrisch wie er dreinschaut“, findet Riemer. Näheres wird man über den Unbekannten wohl leider nie erfahren, schon bei der Entdeckung fehlte die dazugehörige Inschrift. Aber das Museum hat ja noch viele Schachteln …

Bei der öffentlichen Restaurierung dürfen die Besucherinnen und Besucher auch Fragen stellen, das ist ausdrücklich erwünscht. „Wer nur bei der Restaurierung zuschauen möchte, muss nicht mal Eintritt bezahlen, wenn er nur das sehen möchte“, sagt Riemer – was schade wäre, denn auch das übrige Museum an der Großen Bleiche lohnt sich.

Die Aktion soll, so hofft das Museum, Werbung machen für eine Idee, die die Sammlung in neues Licht rücken will. Künftig wird es möglich sein, Steinpatenschaften zu übernehmen. Dann hängt neben den dank mäzenatischer Hilfe restaurierten Antiken ein QR-Code, mit dem sich kurze Filme abrufen lassen. Privatleute, Schulklassen oder Firmen sollen darin erzählen, warum sie Geld für das antike Erbe lockermachen.

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