Der Komplottzersetzer

Kämpfer gegen Verschwörungstheorien: „Sie werden häufiger und noch gefährlicher“

  • Stefan Brändle
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Rudy Reichstadt von Conspiracy Watch durchforstet das Internet nach Ideen, die die Welt verdrehen. Und konfrontiert jene, die sie verbreiten, mit Fakten. Eine gefährliche Arbeit.

  • Gerade in Zeiten von Corona, sprießen Verschwörungstheorien verstärkt aus dem Boden.
  • Rudy Reichstadt betreibt die Anti-Verschwörungs-Webseite Conspiracy Watch.
  • Im Kampf gegen Verschwörungstheorien wird er und sein Team oft angefeindet.

Im April dieses Jahres hatte die Schweizer Youtuberin Ema Krusi ihrem Millionenpublikum Wichtiges zu berichten: Microsoft-Gründer Bill Gates werde in den USA wegen Covid-Manipulationen, gar Verbrechen gegen die Menschheit beschuldigt. „Die Leute müssen das wissen“, fuhr die Genfer Schuhdesignerin fort. „Ich bin keine Journalistin, aber ich ergreife das Wort. Warum? Weil Bill Gates mich nicht finanziert.“ Conspiracy Watch (CW) reagierte auf dieses Video zunächst mit einem knappen „Falsch“ – wofür Rudy Reichstadt, der Betreiber der Anti-Verschwörungs-Webseite, bedeutend weniger Klicks erntete.

Herzig? Querdenken-Demo in Frankfurt, August 2020.

Verschwörungstheorien: Betreiber von Anti-Verschwörungsseite spricht von „irrsinniger Feindseligkeit“

Auf dieses Beispiel angesprochen sagt Rudy Reichstadt heute: „Die Maskengegnerin reichte einfach Behauptungen des amerikanischen Verschwörungsnetzes QAnon weiter.“ Der 39-jährige Franzose sitzt im Pariser Bastille-Viertel in seinem kargen Büro, das im Wesentlichen aus zwei Tischen und einem Berg leerer Kartons besteht. Die genaue Adresse hält er geheim, nachdem er schon sehr aggressiven Besuch von Rechtsextremen hatte. „Wir bewirken eine irrsinnige Feindseligkeit“, stellt Reichstadt nüchtern fest.

Ein Grund ist sicher, dass Conspiracy Watch den Verschwörungstheoretikern so genau auf die Finger schaut. Mit einer Historikerin und zwei freien Mitarbeitern verfolgt Reichstadt Tag für Tag, was verbreitet wird. Aber nur in Ausnahmefällen stellt er Fake News richtig – jüngst etwa die Behauptung einer französischen Youtuberin, dass eine „Neue Weltordnung“ unter Anführung der Freimaurer den Bürgern Mikrochips einpflanzen wolle, um sie zwangsweise gegen Covid-19 impfen zu können. Auf lange Internetdebatten und Videoauftritte in den sozialen Medien lässt sich Reichstadt aber nicht ein. „Genau das wollen die ‚Komplotteure‘. Sie wollen sich eine Legitimität verschaffen – notfalls auch durch Widerspruch“, weiß der ehemalige Politik-Student aus jahrelanger Erfahrung.

Anti-Verschwörungs-Webseite: Die Anfänge der Aufspürarbeit gegen Verschwörungstheorien

Begonnen hat er seine Aufspürarbeit nach den 9/11-Attacken im Jahr 2001. Damals fuhr ein Freund von ihm – „ein bedachter, gemäßigter Geschichtsstudent aus Paris, Mitglied der sozialdemokratischen Partei“ – plötzlich auf die Verschwörungstheorie des Franzosen Thierry Meyssan ab. Reichstadt ging der Sache nach, entdeckte eine ganze Parallelwelt aus Lug und Trug, Fantasie und Paranoia. 2007 gründete er Conspiracy Watch. Die ersten zehn Jahre arbeitete er ehrenamtlich.

Rudy Reichstadt.

Doch mit der Zeit verstand er seine Mission nicht mehr als bloße Aufklärungsarbeit, sondern – in Anlehnung an ein Bonmot des Soziologen Pierre Bourdieu – als „Kampfsport“. Der Kampf gegen Verschwörungsapologeten sei letztlich ein Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Revisionismus. „Und das“, meint Reichstadt, „ist nicht in erster Linie eine Frage der Pathologie, sondern der Politik.“

Conspiracy Watch: Webseite gegen Verschwörungstheorien wird wegen Subventionen angefeindet

Wen wundert’s: Die Webseite www.conspiracywatch.info, die auf monatlich bis zu 200 000 Klicks kommt, wird heute selber als Teil einer Weltverschwörung hingestellt. Reichstadt muss lachen, als er sagt: „Wir galten schon als Handlanger der Rothschilds, des CIA oder von George Soros.“ Das auch, weil die Beobachtungsstelle nicht nur von Kleinspenden lebt, sondern von der Pariser Shoa-Gedenkstiftung subventioniert wird. Was wiederum nicht verwunderlich ist, leiden doch Juden am meisten unter der „complosphère“, wie man in Frankreich die „Komplottszene“ nennt. Die Kinderfresser von einst sind heute die „pädo-satanistischen Demokraten“. So jedenfalls stellt es QAnon dar – laut Reichstadt ein „brandgefährliches Machwerk“ der reaktionären Kräfte innerhalb „der Trump-Sphäre“.

Dabei sind die Thesen des anonymen „Q“ in sich selbst widersprüchlich: Er inszeniere US-Präsident Trump als Oppositionellen, ja Verfolgten jenes „deep state“ (tiefen Staates), dem er in Wahrheit selber vorstehe, erklärt Reichstadt. Den Verschwörungszynikern wiederum sei es egal, wenn sie sich widersprächen. Nach der Enthauptung des Journalisten James Foley im Jahr 2014 habe es geheißen, das Video müsse gefälscht sein, denn dieser CIA-Agent sei schon vorher tot gewesen; nach erfolgtem Gegenbeweis hieß es, er lebe immer noch.

Webseite gegen Verschwörungstheorien: Komplett Experte wirft Conspiracy Watch vor, parteiisch zu sein

„Wichtig ist den ‚Komplotteuren‘ nicht das Faktum, sondern allein die Botschaft: ‚Man belügt euch!‘“, sagt der CW-Leiter. Auf seiner Webseite zeigt er unermüdlich auf, wer offensichtlich lügt: die Verschwörungserfinder. CW dreht ein weiteres Dauerargument um, nämlich die konspirative Frage „Wem nützt das Verbrechen?“. Reichstadt: „Wir belegen faktisch, dass sich nicht etwa eine neue Weltelite den Planeten untertan macht, sondern dass diese Theorien oft von Diktaturen und autokratischen Regimes ausgehen und von geltungssüchtigen Komplotteuren weiterverbreitet werden.“

Indes: Der Komplott-Experte Emmanuel Kreis wirft CW vor, parteiisch zu sein: „Westkritische“ Regime wie in Russland und Venezuela oder auch der französische Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon würden häufiger angeprangert als etwa die USA oder Israel. Reichstadt bestreitet dies – und kontert mit Fakten: „Wir nehmen auch konspirative Argumente von Trump oder der Netanjahu-Familie auseinander – so etwa, wenn der Likud politischen Gegnern wie Soros verschwörerisches Verhalten vorwirft.“

Conspiracy Watch: Betreiber der Anti-Verschwörungs-Webseite über Corona-Demos

Auch gegenüber der Staatsführung in Paris sei er völlig unabhängig, betont Reichstadt: In der sogenannten Benalla-Affäre habe er konspirative Thesen von Emmanuel Macron mehrfach offengelegt. Eine russische Urheberschaft des Flugzeugabsturzes von Smolensk habe er dagegen ausdrücklich ausgeschlossen. Auch bezichtige er nicht Peking der Verschwörungsabsicht, sondern im Gegenteil eine chinesische Forscherin, die das Coronavirus in einem Labor in Wuhan ortete. Anders gesagt: CW nehme nicht einfach Regimes wie in Russland oder im Iran aufs Korn, sondern konspirative Behauptungen – woher sie auch immer stammen.

Und wie steht Rudy Reichstadt zu den Hygienedemos in Deutschland? „Die Ablehnung von Schutzmasken und Desinfektionsgel scheinen mir zweitrangig angesichts der zunehmenden Hysterisierung durch Komplotteure. Heute zirkulieren in diesen Reihen Aufrufe zum Widerstand gegen obskure Eliten und Pharmalobbys oder Berichte über Freimaurerrituale zur Vergiftung der Bürger“, sagt Reichstadt. Dass Deutschland von diesem Phänomen stärker betroffen ist als Frankreich, hat für ihn zwei Gründe: Zum einen seien die Franzosen stärker von der Pandemie betroffen, weshalb sie die Notwendigkeit sanitärer und medizinischer Bestimmungen eher akzeptierten. Zudem hätten die Gelbwesten in Frankreich viele Verschwörungsthesen schon 2019 vorweggenommen.

Conspiracy Watch: Internet als „Hauptgrund für den Vormarsch von Verschwörungstheorien“

Insgesamt hält der CW-Chef die Deutschen für ähnlich komplottanfällig wie die Menschen in England, den USA oder eben auch Frankreich. Als Notre-Dame in Paris brannte, seien, noch während die Flammen loderten, die ersten Fake News aufgetaucht. Ein halbes Jahr später habe ein Rechtsextremist die Moschee von Bayonne attackiert, „um Notre-Dame zu rächen“, wie er sagte; denn er wollte gelesen haben, die Brandstifter seien Muslime gewesen. Dieser Vorwurf ist laut allen Polizei- und Ermittlungsberichten völlig haltlos.

Wie das Pariser Umfrageinstitut Ifop im Auftrag der Jean-Jaurès-Stiftung und von Conspiracy Watch jährlich eruiert, glaubt bis zu einem Viertel der Franzosen an Verschwörungstheorien. Dieser Anteil blieb in den letzten drei Jahren zumindest bis zur Corona-Krise „stabil, aber erheblich“, wie Reichstadt sagt. In den fünfzehn Jahren zuvor sei der Anteil stetig gewachsen. „Das Aufkommen des Internets ist sicherlich der Hauptgrund für den Vormarsch von Verschwörungstheorien“, sagt Reichstadt, auch wenn diese oft auf sehr alten Geschichten und Mythen basierten. „Während man früher fast Historiker sein musste, um die antisemitischen Protokolle der ‚Weisen von Zion‘ einzusehen, genügen dafür heute einige Klicks in den sozialen Medien.“

Reichstadt wundert daher auch nicht, dass es einer Umfrage zufolge neun Prozent der Franzosen für möglich halten, dass die Erde eine Scheibe ist. An so viel Ignoranz hat sich der Anti-Verschwörungs-Aktivist bis heute nicht gewöhnt. Vor einem Jahr hat er einen Essay über die Verschwörungsfrage herausgegeben, der – in Abwandlung eines Marxzitats über die Religion – „Das Opium der Dummköpfe“ heißt. Der Autor räumt ein, das sei ein „bewusst provokativer“ Titel, der bezwecke, die Betroffenen aufzurütteln. Neue Freunde macht er sich damit kaum.

Webseite gegen Verschwörungstheoretiker: Verschwörungstheorie als zu simple Lösung für komplexe Probleme

Sonst sehr überlegt in seinem Ausdruck, kann er sich zum Schluss des Gesprächs nicht mehr zurückhalten: „Wenn Sie wie ich zehn Jahre lang solche teilweise revisionistischen Theorien, deren Vertreter die Augen vor den historischen oder geografischen Fakten verschließen, auf allen Kanälen verfolgt hätten, wären Sie einverstanden mit mir, dass es darunter manchmal Dummköpfe gibt.“

Was den Wächter der Konspirationen fast noch mehr aufbringt, ist der Umstand, dass die Erfinder dieser Theorien nicht einmal ein Minimum an Fantasie oder Kreativität an den Tag legten. Auch wenn – oder vielleicht gerade: weil – ihre Behauptungen unbewiesen und oft unbeweisbar seien, würden sie seit Jahrhunderten weitergereicht und wiederholt. Einfältig und ewig gleich im Ansatz. Einfältig auch deshalb, weil sie simpelste Erklärungen für komplexe Probleme böten, die „in Wahrheit nur mit Mühe oder vielleicht gar nicht lösbar sind“, wie Reichstadt meint.

Dass Verschwörungstheorien einmal verschwinden könnten, glaubt er nicht. „Ich denke sogar, dass sie noch häufiger, noch gefährlicher werden“, sagt Reichstadt. „In der heutigen Zeit, in der alles relativiert wird, in der ein anonymer Bürger mit einer verrückten These über Nacht ein Millionenpublikum finden kann, sind gravierende Folgen möglich – nämlich dann, wenn andere wirklich zur Tat schreiten.“ Reichstadt seufzt: „Da liegt noch viel Arbeit vor uns. Sisyphusarbeit. (Von Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © Michael Schick

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