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Das „Hotel des Mille Collines“ in Ruandas Hauptstadt Kigali. Mehr als 1200 Menschen fanden hier 1994 Zuflucht, als Hutus mordend durchs Land zogen.
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Das „Hotel des Mille Collines“ in Ruandas Hauptstadt Kigali. Mehr als 1200 Menschen fanden hier 1994 Zuflucht, als Hutus mordend durchs Land zogen.

Genozid in Ruanda

Der Held in der Falle

  • vonAndrea Jeska
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Im Jahr 1994, auf dem Höhepunkt der Völkermorde in Ruanda, rettete er 1200 Menschen. Nun wird Paul Rusesabagina in seiner Heimat der Prozess gemacht. Der Vorwurf: Er soll Gründer und Anführer einer militanten Oppositionsgruppe sein.

Im Hollywoodfilm „Hotel Ruanda“, der vom Völkermord im Jahr 1994 anhand des Schicksals von mehr als 1200 Menschen erzählt, gibt es eine Szene, die die zynische Gleichgültigkeit der westlichen Welt gegenüber diesem Genozid verdeutlicht. Die in Todesangst ausharrenden Menschen – neben Ruandern auch Amerikaner, Franzosen, Belgier, Deutsche – warten auf die Evakuierung aus dem titelgebenden Hotel in Ruandas Hauptstadt Kigali, in das sie sich geflüchtet haben. Sie werden von einigen Soldaten der Blauhelm-Mission der Vereinten Nationen beschützt, doch dieser Schutz ist angesichts des wie im Blutrausch mordenden Mobs kaum der Rede wert. Schließlich kommen, bejubelt von den Hotelgästen, belgische Soldaten in Jeeps. Deren Auftrag aber lautet, nur die Europäer, die Amerikaner, nur die weißen Menschen zu evakuieren.

Also werden den weißen Nonnen die schwarzen Waisenkinder entrissen, den Familien ihre Kindermädchen, den Freunden die Freunde. Zurück bleiben fassungslose Ruander und ein Hoteldirektor, der von da an viele Finten, viel Überzeugungskunst und vor allem viel Mut braucht, um seine Gäste zu beschützen. Während außerhalb des Hotelgeländes die Hölle tobt, hält der Direktor durch geschicktes Verhandeln und den Einsatz von Whiskyflaschen als Schmiermittel die Hutu-Milizen bei Laune. Und die Gäste am Leben.

Keine Aussicht auf einen fairen Prozess: Paul Rusesabagina im September in Kigali.

Der Film aus dem Jahr 2004 beruht auf einer wahren Begebenheit. Paul Rusesabagina, damals Vizedirektor des in Wirklichkeit „Hotel des Mille Collines“ heißenden Zufluchtsorts, bewahrte die Menschen in seinem Hotel vor dem Tod und wurde zum Helden, nicht nur in Hollywood. In den USA wurde ihm für seine Courage eine der höchsten Auszeichnungen des Landes verliehen, auch in anderen Ländern hängte man ihm Medaillen um und nannte ihn den Oskar Schindler Afrikas.

Doch seit einigen Monaten behauptet der Generalstaatsanwalt von Ruanda: Rusesabagina ist ein Terrorist, Unterstützer einer mörderischen Rebellentruppe, ein Mann, der die Regierung Ruandas stürzen und erneut ein Regime völkermordender Hutus etablieren will.

Wie Paul Rusesabagina, der Ruanda schon 2000 verließ, nach Belgien emigrierte und dort Staatsbürger wurde, dann, weil er sich in Belgien bedroht fühlte, in die Staaten ging, wie dieser Mann, der es durch den Film zu Weltruhm brachte, plötzlich in Handschellen in Ruandas Hauptstadt Kigali kam, klingt ebenfalls eher nach einem Hollywood-Drehbuch als nach einer realen Begebenheit. Denn Rusesabagina, der seine Bekanntheit nutzte, um Ruandas Präsidenten Paul Kagame einen diktatorischen Regierungsstil und die systematische Einschüchterung seiner Gegner vorzuhalten, flog nicht freiwillig nach Ruanda, wo man ihn schon vor Jahren zum Staatsfeind erklärt hatte. Er erhielt während einer Geschäftsreise in Dubai eine angebliche Einladung aus Burundi. Man bat ihn um einen Vortrag über den Genozid. Erst als das Flugzeug einer privaten Chartergesellschaft auf dem Flughafen von Kigali landete, verstand Rusesabagina, dass er entführt worden war.

Seit drei Monaten sitzt der 67-Jährige nun in Ruanda in Untersuchungshaft. Ihm drohen 25 Jahre Gefängnis. Man beschuldigt ihn, Gründer und Anführer der im Exil agierenden Oppositionsbewegung MRCD (Bewegung für demokratischen Wandel) zu sein. Deren bewaffneter Flügel überfiel 2018 nahe dem ruandischen Nyungwe-Wald einen Bus und tötete neun Menschen.

Der Genozid in Ruanda

Der 6. April 1994 gilt als Beginn der Gewalttaten, die als „Völkermord in Ruanda“ bezeichnet werden. Rund 100 Tage war das Land im Ausnahmezustand, bis Mitte Juli 1994 wurden Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder getötet.

In seinem Artikel „Das Leben nach der Hölle“, der am 7. April 2014 im Magazin der FR veröffentlicht wurde, schrieb Afrika-Korrespondent Johannes Dieterich, die Ereignisse in Ruanda seien als „eines der blutigsten Kapitel der Menschheit in die Weltgeschichte“ eingegangen. Was sich 20 Jahre zuvor in Ruanda zugetragen hatte, zeichnete Dieterich damals in folgenden Worten nach: „Innerhalb von hundert Tagen ermordeten von radikalen Einpeitschern aufgewiegelte Hutus mehr als 800 000 Menschen, vor allem Tutsis. Die meisten von ihnen wurden mit archaischen Waffen wie Macheten, Messern, Speeren oder Holzknüppeln getötet. Meist kannten die Killer ihre Opfer beim Namen: Farmer erschlugen ihre Nachbarn, Lehrer ihre Schüler, Männer ihre Schwiegerväter. Die Hutus waren so mit dem Morden beschäftigt, dass sie sich nicht auch noch um die aus dem Nachbarstaat Uganda ins Land eilenden Tutsi-Rebellen kümmern konnten. Diese marschierten durch den zentralafrikanischen Kleinstaat und trieben die Völkermörder mitsamt ihren Familien zur Flucht in den Nachbarstaat Kongo. Rund zwei Millionen Hutus flohen aus dem Land, nachdem sie zuvor fast eine Million Menschen getötet hatten. Im Juli 1994 glich Ruanda einem nur noch spärlich bevölkerten Leichenfeld.“ FR/boh

Ob man Rusesabagina für schuldig erklären wird, ist nicht abzusehen, aber wahrscheinlich. Zwei Anträge auf Kaution wurden bereits abgelehnt, zudem haben Rusesabaginas US-amerikanische Anwälte nur sporadisch Zugang zu ihm. Ruanda hat ihm Pflichtverteidiger zur Seite gestellt. Das sind keine guten Aussichten, zumal Rusesabagina inzwischen zugegeben hat – ob freiwillig oder erzwungen – die MRCD zu unterstützen. Er bestreitet jede Gewalt, er sagt, er engagiere sich für eine Oppositionsgruppe, nicht für Terroristen.

Nach seinem Umzug nach Belgien fuhr Rusesabagina Taxi, hielt Vorträge und lebte ansonsten zurückgezogen mit seiner Familie. Einer seiner Taxikunden war 2002 der irische Regisseur und Drehbuchautor Terry George. Die beiden Männer kamen ins Gespräch, Rusesabagina erzählte seine Geschichte und Terry George erkannte die Brillanz dieses Stoffes. Ein Jahr später fuhren beide für Recherchen nach Ruanda und trafen dort auf Überlebende aus dem Hotel, die Rusasebaginas Geschichte bestätigten und ihn als ihren Retter bezeichneten. Doch schon zur Premiere des Films in Ruanda reiste Rusesabagina nicht mit. Man hatte ihn gewarnt, er habe in Ruanda zu viele Neider seines Ruhms und solle besser nicht einreisen. Der Film wurde auch ohne ihn in Ruanda enthusiastisch gefeiert, in den USA gar für drei Oscars nominiert. Bis heute wird „Hotel Ruanda“ in Schulen gezeigt, wenn der Völkermord auf dem Lehrplan steht. Und nun soll also alles nur eine Hollywood-Erfindung sein? Wohl kaum.

Ob Paul Rusesabagina erst zum Kritiker des Präsidenten und dann zum Verräter und Lügner erklärt wurde, oder ob es umgekehrt war, lässt sich nicht mehr feststellen. Sicher ist, dass die Zahl der Berichte und Bücher, die seine Story als Erfindung bezeichneten, wuchs, je mehr Rusesabagina seine Bekanntheit für Politik nutzte, die gegen Kagame und seine Regierung gerichtet war. In diesen Büchern stand, Rusesabagina sei ein skrupelloser Komplize des Hutu-Mobs gewesen. Er habe 1994 nicht aus Mitgefühl, sondern aus Gier gehandelt, habe den Verzweifelten in dem Hotel den letzten Cent abgeknöpft und sie dann Schuldscheine unterschreiben lassen. Rusesabagina hat das stets bestritten und über Jahre beklagt, Opfer einer politischen Hetzkampagne zu sein. Nach einem Einbruch in sein Haus in Belgien trieb ihn die angebliche Angst um sein Leben nach St. Augustin im US-Bundesstaat Texas.

Ruanda

Man könnte die Entführung und Festnahme von Paul Rusesabagina als Beweis dafür sehen, dass das, was Hollywood als wahre Begebenheit erzählt, eben noch lange nicht wahr ist. So möchte es die ruandische Regierung. Man könnte auch vermuten, der ruandischen Regierung sei jedes Mittel recht, um ihre Kritiker zu Fall zu bringen. Doch die eigentliche Geschichte, deren Protagonist Rusasebagina plötzlich wurde, ist die eines Völkermordes, der nie wirklich aufhörte, sondern sich nur verlagerte: In den benachbarten Ostkongo, wohin nach der siegreichen Eroberung des Landes durch Kagames Armee all jene flohen, die an dem Genozid beteiligt waren – Hunderttausende von Menschen, die die Rache der Sieger fürchteten. Dort, wo sich seither immer wieder neue Rebellengruppen formieren, die Dörfer überfallen, plündern, brandschatzen, vergewaltigen, morden. Dort, wo die drei Länder Ruanda, die Demokratische Republik Kongo und Uganda aneinandergrenzen, in den dichten Wäldern des Virunga-Nationalparks und in anderen Gebieten, besteht nicht nur die mörderische Feindschaft zwischen Hutu und Tutsi weiter fort, sondern auch die Kultur der Lügen, der politischen Intrigen und des Verrats. Aus den Fäden der ethnischen Klassifizierung, die in der Kolonialzeit gesponnen worden waren, ist inzwischen ein unentwirrbares Netz geworden, in dem sich Täter, Opfer und Unbeteiligte gleichermaßen verfangen – sowie all jene, die sich gegen die autokratische Regierung von Paul Kagame stellen.

Im dunklen Nachspiel des Völkermordes ist eine Schwarz-Weiß-Wahrnehmung entstanden, in der es nur Freund oder Feind gibt und Allianzen in atemberaubender Folge wechseln. Wer gestern noch Weggefährte war, ist heute ein Landesverräter, ein Terrorist oder fällt einem Attentat zum Opfer. Die Zahl der ehemaligen Weggefährten Kagames, die ins Exil gingen oder heute in Ruanda wegen Terrorismus gesucht werden, ist groß: Sie reicht von Rose Kabuye, einst ranghöchste Frau in Kagames Militär und später Ministerin, über Generäle, Geheimdienstchefs bis hin zu Botschaftern. Selbst der Friedensnobelpreisträger von 2018, der kongolesische Frauenarzt Denis Mukwege, wird von Ruanda der terroristischen Agitation beschuldigt. Manche der Gegner Kagames verschwanden unbemerkt, andere wurden laut und begründeten Oppositionsgruppen im Exil wie den Ruandischen Nationalkongress in den USA oder die MRCD, deren Begründer und Kopf Paul Rusesabagina sein soll.

Die Wahrheit ist über all diese Gewalt allmählich verloren gegangen. Geblieben ist ein Kampf um Deutungshoheit. Bislang obliegt diese auch im Fall Ruanda den Siegern, die sich – zu Recht – als Befreier des Landes und als Architekten eines gelungenen Wiederaufbaus und einer landesweiten Versöhnung sehen. Gegen jede andere Darstellung geht man in Ruanda mit aller Härte vor. Doch in einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2010 werden ruandische Soldaten der Massenvergewaltigung und des Mordes an Zehntausenden Zivilisten sowie der Rekrutierung von Kindersoldaten im Ostkongo bezichtigt. Zudem wurde in den vergangenen Jahren die Theorie des doppelten Genozids begründet, derzufolge Kagame und seine Armee Rachemassaker anrichteten. Genährt wurde diese These durch das Buch „Praise of blood“ der kanadischen Journalistin Judi Revers.

Ruanda hat all diese Berichte stets als Lüge bezeichnet, hat der internationalen Gemeinschaft das moralische Recht abgesprochen, über Ruandas Politik zu richten. Schließlich sei sie es gewesen, die dem Morden ohne Eingreifen zusah. Das Narrativ von Kagame als Befreier und unermüdlichem Kämpfer für Gerechtigkeit hat zwar in den vergangenen Jahren Gegennarrative erfahren, doch im Land selber wagt kaum noch jemand, seine Stimme gegen den Präsidenten zu erheben. Und immer, wenn wieder ein vermuteter Beteiligter des Völkermordes oder ein Mitglied einer von Ruanda als terroristisch eingestuften Organisation nach Ruanda ausgeliefert wird, ist die ruandische Presse hautnah dabei und äußert Beschuldigungen ohne Beweise, dafür aber mit großer Schadenfreude. Im Fall Paul Rusesabagina überschlug sie sich geradezu vor Begeisterung über den Coup der Entführung und die anschließende Verhaftung. Die Häme galt auch dem Westen, der den Helden von Kigali verehrt und vielfach auszeichnet hatte. Ganz so, als sei Rusesabagina der Beweis, dass allein die ruandische Sicht richtig und alle Kritik des Westens ebenso eine Lüge sei wie der Film.

Dass Paul Rusesabagina ein fairer Prozess erwartet, ist unwahrscheinlich. Nicht nur, weil ihm die eigenen Anwälte fehlen, sondern auch, weil er in der Öffentlichkeit bereits jetzt als schuldig dargestellt wird. Bei seinen Auftritten vor Gericht trug er die rosafarbene Häftlingskleidung der Völkermörder. Er versucht nun, die einzige Chance zu ergreifen, die ihm bleibt: Er präsentiert sich als belgischer Staatsbürger und verlangt seine Überstellung zurück nach Europa.

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