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„Ich heiße Mark Zuckerberg“, sprach der Mann, „und ich habe etwas erfunden, das all Eure Probleme lösen wird.“

Satire

Der Face-Fänger von Hameln

Die Welt ist ein Ort, an dem das Böse die Oberhand zu gewinnen droht. In seinen „Gutenachtgeschichten für alle, die sich vor Populisten gruseln“ lässt Autor Stuart Heritage stets das Gute gewinnen. Ein Buchauszug.

Es war einmal ein Städtchen namens Hameln, das litt unter einer schrecklichen Plage. Es lebten nämlich unter den Bewohnern der Stadt Rassisten, Heuchler und Lügner sonder Zahl, doch wusste niemand, wer sie waren. Die Bürger der Stadt waren außer sich vor Sorge, ein jeder fürchtete, sein Nachbar könne insgeheim ein Faschist sein, und der Bürgermeister wusste auch nicht mehr weiter.

„Wenn man diese unliebsamen Elemente doch nur irgendwie ausrotten könnte“, rief er. Aber das war nicht möglich.

Der Bürgermeister hatte wahrlich alles versucht. Er hatte die Stadtbewohner rundheraus gefragt, wer von ihnen ein Rassist sei, aber das hatte nur die brave Mehrheit erzürnt. Er hatte es mit einem privaten Schulungszentrum versucht, damit die heimlichen Heuchler von ihren Vorurteilen abließen, aber auch das hatte keinen Erfolg gehabt.

Drohungen hatten nicht funktioniert. Bestechung hatte nicht funktioniert. Der Bürgermeister wusste sich keinen Rat mehr.

Da trug es sich zu, dass mit großem Lärm und Getöse ein wunderlicher Mann in die Stadt kam. „Hat hier jemand was von heimlichen Rassisten gesagt?“, fragte er.

Der Bürgermeister betrachtete den drolligen Burschen. Er hatte einen viel zu großen Kopf und trug ein unglaublich langweiliges graues T-Shirt. Obendrein sah er aus, als sei er noch nie einem echten Menschen begegnet. Der Bürgermeister wurde neugierig. „Was geht Euch das an, Fremder?“, fragte er den Mann. „Wer seid Ihr?“

„Ich heiße Mark Zuckerberg“, sprach der Mann, „und ich habe etwas erfunden, das all Eure Probleme lösen wird.“

Er zog den Reißverschluss seiner Reisetasche auf und nahm eine lange Metallpfeife heraus. „Seht nur!“, rief er. „Das ist die Faceflöte! Sobald ich auf diesem wundersamen Instrument spiele, sind die bösen Menschen in Eurer Stadt machtlos gegen meine Melodei. Sie erliegen dem Zauber meiner fabelhaften Faceflöte und zeigen sogleich ihr wahres Gesicht.“

Der Bürgermeister war noch argwöhnisch und sprach: „Fremder, diese Faceflöte scheint fürwahr fantastisch zu sein. Aber unsere Stadt ist arm, wir haben kein Geld, Euch zu entlohnen.“

„Ich bringe Euch eine freudige Botschaft!“, sprach der Fremde. „Meine Faceflöte ist kostenlos! Für meine Dienste verlange ich lediglich, dass jeder Bürger Eurer Stadt mir seinen Namen, sein Geschlecht, sein Geburtsdatum, seine E-Mail-Adresse und sechs bis zehn seiner Hauptinteressen mitteilt.“

Abermals zögerte der Bürgermeister. „Guter Mann“, rief er aus, „wir legen hier großen Wert auf Datenschutz, und es behagt uns nicht, solche Informationen einem Fremden preiszugeben.“

„Jetzt stellt Euch nicht so an“, sagte der Fremde. „Sehe ich etwa aus, als könnte man mir nicht trauen?“

„Nein“, sagte der Bürgermeister und behielt lieber für sich, dass er aussah wie ein vom Blitz getroffener Androide mit Betriebsstörung.

„Prima“, sagte der Fremde. „Dann fang ich mal an.“

Und so wandelte er durch die Gassen und spielte auf seiner Flöte eine gespenstische Melodie. Und wie er so an den Fenstern vorbeizog, konnte nicht einer der bigotten Heuchler in der Stadt ihrer Macht widerstehen. Sobald sie die Zauberklänge hörten, stürzten sie aus ihren Häusern und platzten mit all dem unerträglichen Mist heraus, den sie eigentlich partout verschweigen wollten.

Der Autor

Stuart Heritage ist Kolumnist und schreibt unter anderem für den „Guardian“, „Times“ und „Esquire“.

Nicht genug , dass der Facefänger von Hameln das Netz von Rassisten und Lügnern befreit. Trump wird ein Gutmensch, der Plastikmüll verschwindet aus dem Pazifik und Hänsel und Gretel erkennen, dass sie bei der Hexe einem antiquierten Frauenbild auf den Leim gegangen sind. Zudem wird Johnson von Bären gefressen und Putin scheitert mit Wahlmanipulationen. Die Leserinnen und Leser können beruhigt einschlafen, manches ist zu schön, um wahr zu sein und natürlich ist alles: Satire! FR

„Das Boot ist voll!“, schrie ein Mann, der dem Fremden hinterherjagte.

„Ich habe ja nichts gegen Muslime, aber warum steht hier eine Moschee?“, brüllte ein anderer.

Der Fremde wanderte kreuz und quer durch alle Straßen und Gassen der Stadt.

Stuart Heritage.

„IHR HABT VERLOREN, HÖRT ENDLICH AUF ZU HEULEN!“, kreischte eine Frau und reihte sich in den Pulk ein.

„ICH HABE MICH ALS KLEINES MÄDCHEN NOCH ALS NEGERIN VERKLEIDET, ABER HEUTE GEHT DAS JA NICHT MEHR, KEIN WUNDER, DASS UNSER LAND DEN BACH RUNTERGEHT!“, schrie eine andere.

„MAKE AMERICA GREAT AGAIN“, brüllte eine dritte.

Bald schon hatte die Faceflöte alle garstigen Bürger der Stadt dazu gebracht, ihre geschmacklosen Gedanken laut herauszuposaunen. Sie rotteten sich zu einer riesigen, wütenden Menschenmenge zusammen und murmelten vor sich hin, dass Enoch Powell eben doch recht gehabt hatte.

Der Fremde führte die Menge zu einer Höhle, und während er weiter auf seiner Flöte spielte, spazierten die bigotten Heuchler einer nach dem anderen aus freien Stücken hinein. Als der Letzte in der Höhle verschwunden war, hörte der Fremde auf zu spielen und rollte einen großen Felsbrocken vor den Eingang. Endlich war die Stadt ihre Plage los.

Der Bürgermeister war außer sich vor Freude. „Ich danke Euch, ich danke Euch!“, rief er dem Fremden zu. „Eure Faceflöte ist wahrlich ein Wunderding. Endlich können wir wieder stolz auf unsere Stadt sein.“

„Wenn’s weiter nichts ist“, sagte der Fremde. „Doch nun verlange ich meinen vereinbarten Lohn. Gebt mir die Daten, die Ihr mir versprochen habt.“

„Ah, na ja, das ist so“, stammelte der Bürgermeister. „Wir haben da noch mal ein bisschen drüber nachgedacht, und eigentlich finden wir das nicht so richtig gut, diese ganzen persönlichen Daten einfach rauszugeben.“

Der Fremde wurde wütend. „Dann hat sich der Preis soeben erhöht“, knurrte er. „Jetzt verlange ich von euch allen Namen, Geschlecht, Geburtsdatum, E-Mail-Adresse, Interessen und dazu noch eine ständig aktualisierte Liste aller Dinge, die ihr jemals begehrt habt.“

„Das ist ja Wahnsinn!“, protestierte der Bürgermeister. „Kein vernünftiger Mensch würde jemals zustimmen …“

„Alle anderen haben schon zugestimmt!“, rief der Fremde. „Und weil Ihr mir meinen Lohn nicht zugestehen wollt, werdet Ihr einen hohen Preis zahlen! Wahrlich, einen SEHR hohen Preis!“

Abermals nahm der Fremde die Faceflöte und begann zu spielen. Doch dieses Mal klang seine Weise düster und schleppend.

„Was soll das denn jetzt?“, sagte der Bürgermeister. „Ihr habt uns von den Rassisten befreit, was wollt Ihr denn …“

Da zerstörte die Faceflöte mir nichts, dir nichts die Zeitungsindustrie der Stadt.

„Stopp! Aufhören!“, rief der Bürgermeister. Aber der Fremde dachte gar nicht daran aufzuhören. Er spielte so lange weiter, bis auch die Anzeigenblätter und die Grußkartenindustrie eingegangen waren.

Stuart Heritage: Gutenachtgeschichten für alle, die sich vor Populisten gruseln.

„Bitte! Genug! Habt Erbarmen!“, schrie der Bürgermeister.

Aber der Fremde hörte nicht auf ihn. Er spielte weiter, bis alle Bürger der Stadt eine generalisierte Angststörung bekamen, weil ihre Freunde und Verwandten ein glücklicheres und aufregenderes Leben zu führen schienen als sie selbst.

„Wir dachten, Eure Flöte sei zu Gutem geschaffen worden!“, schluchzte der Bürgermeister. „Aber jetzt erkennen wir, dass sie ein Instrument des Bösen ist.“

Der Fremde indessen spielte weiter. Er spielte so eindringlich, dass seine Melodie für jeden einzelnen Bürger einen hyperpersonalisierten Newsfeed generierte, der so lange unauffällig die bestehenden Meinungen der Leute verstärkte und alle gegenteiligen Ansichten unterdrückte, bis nicht der geringste vernünftige Konsens in der politischen Mitte mehr möglich war und nur noch zwei sich ständig bekämpfende Randgruppen übrig blieben. Der Bürgermeister wurde gefeuert. Donald Trump wurde als Nachfolger gewählt. Es war eine Katastrophe.

Aber dann geschah ein Wunder. Ganz aus eigenem Antrieb befreite sich ein Bürger nach dem anderen aus dem Bann der Faceflöte. Es passierte nicht mit einem Paukenschlag. Niemand kam zu Tode. Alle hatten einfach irgendwie nicht mehr so richtig Bock auf Faceflöte, genau wie sie früher nicht mehr so richtig Bock auf MyFlöte, Flötester und FlötenVZ gehabt hatten.

Schon bald hatte der Fremde die Macht über die Stadt fast ganz verloren. Er floh wie ein geprügelter Hund, und die Bürger sahen einander endlich wieder als das, was sie wirklich waren: Menschen aus Fleisch und Blut und nicht ein Haufen überspitzter digitaler Meinungen. Es entstand eine Gemeinschaft. Verhärtete Fronten lösten sich auf. Nach und nach wurde Hameln wieder eine normale Stadt.

Drei Monate später tauchte ein anderer Fremder auf. „Hi!“, rief er. „Ich heiße @Jack und ich zeige euch die Zauberkraft meines Twitter-Kazoo! Man muss nur einmal hineinblasen und schon …“

Da fesselten ihn die Bürger der Stadt und warfen ihn in einen See, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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