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Vor einem Jahr hatte Venedig mit historischem Hochwasser zu kämpfen.

System „Mose“ legt Hafen lahm

Schutzsystem gegen Hochwasser richtet in Venedig Schaden an

  • vonDominik Straub
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Vor einem Jahr wurde Venedig überflutet, nun trotzen Barrieren den Wassermassen. Das System ist aber umstritten: Es bringt den Frachtverkehr zum Erliegen.

Venedig - Das Hochwasser vom 12. November 2019 ist in die Geschichtsbücher von Venedig eingegangen, und dies gleich aus zwei Gründen. Zum einen wurde vor einem Jahr mit 187 Zentimetern über Normalpegel das zweithöchste „Acqua Alta“ aller Zeiten gemessen – nur im Jahr 1966 waren die Fluten in der Lagune noch höher gestiegen. 80 Prozent der einzigartigen Kulturstadt standen vor einem Jahr unter Wasser, die Krypta der San-Marco-Basilika war komplett geflutet. Der Präsident der Region Venetien, Luca Zaia, sprach von einer „apokalyptischen, totalen Verwüstung“. Zwei Menschen starben, die Schäden bewegten sich in dreistelliger Millionenhöhe, die Regierung in Rom rief den Notstand aus.

Historisch war das Hochwasser aber auch, weil es vielleicht das letzte war, das in Venedig derartige Schäden anrichten konnte. Inzwischen funktioniert das milliardenteure System aus mobilen Barrieren, das die Lagune schützen soll. Als am 3. Oktober ein heftiger Wind Fluten des offenen Meeres in die Lagune zu treiben drohte, richteten sich erstmals bei einem Ernstfall die 78 Stahlkästen des „Mose“ auf und wehrten Fluten ab.

Weil es so teuer ist, wird „Mose“ erst bei einem Pegelstand über 130 Zentimetern aktiviert. Manchen ist das zu spät.

System „Mose“ soll Venedig vor Hochwasser beschützen

Außerhalb des mobilen Dammes stieg das Wasser auf 153 Zentimeter über Normalnull – doch die Stadt und der Markusplatz blieben trocken, vom Regenwasser einmal abgesehen. „Normalerweise“, sagte Claudio Vernier, der Präsident der Vereinigung der Bar- und Restaurantbesitzer an der weltberühmten Piazza, „hätte uns das Wasser wieder bis zu den Knien gestanden.“

Knapp zwei Wochen später, am 15. und 16. Oktober, stellte „Mose“ seine Verlässlichkeit bei erneuten Unwettern ein zweites und ein drittes Mal unter Beweis. Doch am 17. Oktober gab es für die Venezianerinnen und Venezianer ein böses Erwachen. Der Markusplatz und Teile der Altstadt Venedigs standen unter Wasser.

Venedigs Hochwasserschutz

Die Barrieren des „Mose“ hatten sich trotz Hochwasserwarnung nicht vom Meeresgrund erhoben. Der Grund war nicht technisches Versagen, sondern ein Entscheid von Cinzia Zincone, der Chefin des Konsortiums, das für den Betrieb des „Mose“ zuständig ist. Mit 105 Zentimetern über Normalpegel war das Hochwasser vor Venedig an diesem Tag schlicht nicht dramatisch genug gewesen.

System „Mose“ darf in Venedig nicht bei jedem Hochwasser zum Einsatz kommen

Laut dem mit der Zentralregierung in Rom vereinbarten Protokoll erfolgt der Einsatzbefehl für „Mose“ in Venedig erst, wenn ein „Acqua Alta“ von 130 Zentimetern oder mehr droht. Die Aktivierung des Hochwasserschutzes ist überaus teuer, so der Grund für diese Einschränkung. Jeder Einsatz des „Mose“ kostet rund 300.000 Euro. Vor allem aber wird der gesamte Hafen von Venedig/Mestre bei einem Einsatz von „Mose“ lahmgelegt.

Die Technik

Die Abkürzung „Mose“ steht für „Modulo Sperimentale Elettromeccanico“. Es handelt es sich um im Meeresgrund verankerte und mit Scharnieren befestigte Stahltanks, die bei drohendem Hochwasser mit Druckluft gefüllt werden und sich dank des Auftriebs aufrichten. Die Tanks befinden sich bei den drei Laguneneingängen Bocca di Lido, Bocca di Malamocco und Bocca di Chioggia. Dort sollen sie das Meerwasser am Eindringen hindern. Begonnen wurden die Arbeiten am 5,5 Milliarden Euro teuren Hochwasserschutz im Jahr 2003; der erste erfolgreiche Testlauf erfolgte im vergangenen Juli – mit vier Jahren Verspätung. Ob das Barrierensystem auch einem Rekordhochwasser 9 standhalten kann, muss sich noch zeigen. (Dominik Straub)

Durch die Schließung der Lagune werden die Schiffe blockiert, vor den Eingängen kommt es zu chaotischen Staus von Frachtern und Schleppern. Während die Hafenbetreiber an der 130-Zentimeter-Grenze festhalten wollen, drängen vor allem die Inhaberinnen und Inhaber von Geschäften der Altstadt Venedigs auf eine Senkung des Werts auf höchstens 110 Zentimeter.

Menschen in Venedig wünschen sich schlimmere Hochwasser, um Schutzsystem „Mose“ zu aktivieren

Bei dieser Höhe stehen „nur“ 12 Prozent von Venedigs Altstadt unter Wasser – bei einem Pegelstand, mit dem die Venezianerinnen und Venezianer in Jahrhunderten von ständig wiederkehrenden Hochwassern gelernt haben zu leben. Das letzte Wort in der Angelegenheit ist noch nicht gesprochen, zumal sich „Mose“ offiziell noch im Probebetrieb befindet und erst nächstes Jahr in den Normalbetrieb übergehen wird.

Zumindest heute kommt es in Venedig bei Hochwasserwarnungen zur paradoxen Situation, dass die Bewohnerinnen und Bewohner teils darauf hoffen, dass das „Acqua Alta“ möglichst hoch ausfällt, damit „Mose“ auch tatsächlich zum Einsatz kommt. „Nach dem jahrelangen Warten wollen die Menschen in Venedig verständlicherweise in Zukunft bei Hochwasser trockene Füße behalten – auf der anderen Seite tötet man den Hafen, wenn ,Mose‘ ständig in Betrieb ist“, bringt Bürgermeister Luigi Brugnaro das Dilemma auf den Punkt. Der Konflikt zwischen der Stadt und ihrem Hafen müsse jedenfalls irgendwie gelöst werden. (Dominik Straub)

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