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„Der Dummheit kommt man nur schwer bei“

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Von: Andreas Sieler

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Preisträger 2021: der Sturm aufs US-Kapitol.
Preisträger 2021: der Sturm aufs US-Kapitol. © Imago Images

Im Gleimhaus in Halberstadt versucht man es trotzdem und kürt die „Dummheit des Jahres“. Ein Gespräch mit Kunsthistoriker Reimar Lacher über Vernunft und Erkenntnis – und warum Torheit eine Frage der Perspektive ist.

Das Literaturmuseum Gleimhaus in Halberstadt hat im Vorjahr erstmals die „Dummheit des Jahres“ gekürt – die Auszeichnung ging für 2021 an den Sturm aufs US-Kapitol. Das Gleimhaus versteht sich als Museum der deutschen Aufklärung. Vorschläge für die „Dummheit des Jahres“ 2022 können mit kurzer Erläuterung bis zum 29. Januar per Mail an gleimhaus@halberstadt.de eingereicht werden. Über die Vergabe entscheidet die österreichische Psychiaterin, Expertin für Forensische Psychiatrie und Autorin („Dummheit“) Heidi Kastner. Ein Gespräch über die Aktion mit Reimar Lacher, dem Kunsthistoriker des Gleimhauses.

Herr Lacher, Dummheit ist ein viel verwendeter Begriff. Wie definieren Sie Dummheit im wissenschaftlichen Sinne?

Der Begriff scheint im ersten Moment klar zu sein, entzieht sich aber einer klaren Definition. Viele Menschen haben sich daran die Zähne ausgebissen. Es gibt umfangreiche Literatur, auch von bedeutenden Köpfen – von Erasmus von Rotterdam bis zu Robert Musil. Auch Heidi Kastner hat sich als Autorin der Dummheit gewidmet und die bisher letzte größere Abhandlung zu dem Thema verfasst. Im landläufigen Sinne ist Dummheit ein Mangel an Vernunft.

Wie äußert sich dieser Mangel?

Vernunft ist entweder nicht genügend vorhanden oder Störfaktoren verhindern, dass sich die Vernunft durchsetzt. Das heißt, die Vernunft hat einen Gegenspieler: nennen wir ihn den affektiven Apparat. Wenn die Vernunft sich nicht durchsetzt, folgen Handlungen, Äußerungen oder Annahmen, die von Dummheit geprägt sind. Charakteristisch für die Dummheit ist auch eine gewisse Denkfaulheit. Gleim hat zur Frage, warum es so wenige Weise gibt, kurz und bündig gedichtet: „Warum ist auf der Welt die Zahl der Weisen so klein? Weil es so bequem ist, dumm zu sein.“

Sie haben eben den affektiven Apparat erwähnt. Was ist das?

Dazu gehören der Hang zur Gier, Wichtigtuerei, Neid und die Selbstüberschätzung – sich für klug und die anderen für dumm zu halten. Hinzu kommen selbstwertdienliche Verzerrungen, zum Beispiel die Neigung, Interpretationen so auszuwählen, dass sie die eigenen Erwartungen bestätigen. Oder die Tendenz, Aussagen einen größeren Wahrheitsgehalt beizumessen, wenn man sie mehrmals hört. Auch die Neigung, eine Emotion als Beweis für eine Annahme zu betrachten. Das sind alles Dinge, die unsere Wahrnehmung und unser Urteil verzerren.

Davon kann sich wohl niemand befreien.

Überhaupt nicht, das gilt ganz generell. Aber zu ganz verschiedenen Anteilen und Graden. Das sind allgemeine menschliche Prinzipien, wie unsere Wahrnehmung funktioniert.

Mit der „Dummheit des Jahres“ vergeben Sie einen Negativpreis, hinzu kommt, dass Dummheit eigentlich eine Beleidung ist. Stößt man die Preisträger damit nicht vor den Kopf, anstatt sie zum Nachdenken anzuregen?

Sicherlich ist es eine Beleidigung. Dennoch ist es so, dass wir die Aktion als Prozess der Reflektion und der selbstkritischen Beobachtung unserer Zeit verstanden haben wollen. Wir wollen einen Erkenntnisprozess befördern, der möglicherweise für Abhilfe sorgt. Wobei man sich dabei keinen Illusionen hingeben darf – wir wissen alle: gegen die Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Dabei könnten wir es bewenden lassen, aber man muss es ja dennoch immer wieder versuchen.

Nun liegt die Dummheit bekanntlich im Auge des Betrachters, womit sich die eigene Dummheit der eigenen Wahrnehmung entzieht. Zudem ist es ein starkes Wort, bezeichnet man jemanden als Dumm, ist das Gespräch womöglich schnell beendet. Wie würden Sie jemandem empfehlen, andere auf deren Dummheit aufmerksam zu machen?

Man muss geschickt vorgehen. Der richtige Weg ist sicherlich, eine Reflektion anzuregen. Der erste Schritt dazu ist die Frage nach dem Warum und nach einem Sinn, der möglicherweise hinter einer Dummheit steckt. Entweder kommt man dann darauf, dass etwas doch schlau oder sinnvoll ist – oder man kommt darauf, dass irgendwelche Affekte am Wirken sind, die die Vernunft beeinträchtigen und in der Folge auch Schaden anrichten können.

Zur Person

Reimar Lacher (53) , ist Kunsthistoriker und als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Gleimhauses in Halberstadt dort unter anderem zuständig für die Kunstsammlungen, Projekte und Kommunikation. Das Gleimhaus beherbergt den Nachlass des Dichters und Sammlers Johann Wilhelm Ludwig Gleim. ansi

Zurück zum Preis: Nach welchem Kriterium wird die Dummheit des Jahres ausgewählt?

Ausgewählt wird der oder die Preisträgerin von Heidi Kastner. Das Urteil wird zwangsläufig subjektiv ausfallen, wobei es durch die Person von Heidi Kastner eine gewisse Gewähr dafür gibt, dass ein ausgewogenes Urteil erfolgt. Ein Kriterium ist sicherlich die Signifikanz, inwieweit die Dummheit bezeichnend für unsere Zeit ist. Ein Kriterium ist möglicherweise auch das Ausmaß des Schadens, den die Dummheit anrichtet. Frau Kastner schrieb sogar, dass Dummheit mehr Schaden angerichtet hat als Waffen, Viren und Bakterien zusammen.

Was sind denn die heißen Kandidaten für die Dummheit des Jahres 2022?

Ich möchte nicht viel über die bisherigen Vorschläge verraten. Selbstverständlich ist der Krieg gegen die Ukraine ein Kandidat. Wobei viele Facetten dieses Angriffs als Dummheit genannt worden sind. Es zeichnet sich ab, dass die Vorschläge einander widersprechen. Auch im Vorjahr sind ganz konträre Vorschläge eingegangen: Die Impfverweigerung wurde als dumm bezeichnet, auch die Impfbefürwortung. Der Atomausstieg wie auch die Fortsetzung der Atomenergie. Die Vernachlässigung des Klimaschutzes und ebenso der Klimaschutz. Es ist immer eine Frage der Perspektive und es liegt im Auge des Betrachters. Das ist das Interessante an diesem Thema: das immer nur der andere dumm ist, aber sobald ich anfange, darüber nachzudenken, kann ich mir nicht mehr sicher sein, ob es nicht doch die Unzulänglichkeit meines eigenen Verstandes ist, dass ich den Sinn hinter einer vermeintlichen Dummheit nicht verstehe. Platon hat gesagt: „Wer in Dummheit befangen ist, hält denjenigen für einen Narren, der ihn der Dummheit bezichtigt.“ Das heißt, auch die Selbstüberschätzung spielt mit hinein und gehört im Prinzip auch zur Definition und zum Wesen der Dummheit.

Unumstößlich sind aber doch zum Beispiel wissenschaftliche Fakten – die kann man als Kriterium doch immer einbeziehen …

Absolut. Das wird auch im Urteil von Frau Kastner eine wichtige Rolle spielen. Inwieweit Ignoranz, Faktenleugnung und alternative Wahrheiten eine Rolle spielen.

2021 haben Sie den Sturm aufs Kapitol ausgezeichnet. Im weiteren Sinne spielen bei dem Thema Alternative Fakten eine Rolle. Kann man sagen: wer angibt, an Alternative Fakten zu glauben, verneint die Realität wider besseren Wissens? Und: Ist das schon Dummheit?

Auf alle Fälle. Doch wer an Alternative Fakten glaubt, ignoriert die Wirklichkeit nicht bewusst. Das Problem ist im Bewusstsein angesiedelt: was gelangt zum Bewusstsein und was nicht? Es ist auf jeden Fall eine Dummheit. Wer diese Fakten annimmt ist sich keiner Schuld und keiner Dummheit bewusst, sondern felsenfest davon überzeugt, es besser zu wissen als die anderen. Da kommen wir wieder zu dem affektiven Apparat, der den Verstand begrenzt: Was meiner Weltsicht und meinem Selbstwert dient, das nehme ich mir raus. Dazu sind eben auch Alternative Fakten gut. Da kommt es nicht darauf an, ob „Fakten“ wissenschaftlich belegt oder sinnlich erfahrbar sind oder nicht, sondern es kommt darauf an, ob sie mir dienlich sind. Das ist etwas, das wir in den vergangenen Jahren massiv beobachten und das uns auch ein bisschen zu unserer Aktion bewegt hat: Faktenleugnung in verschiedenen und gravierenden, folgeträchtigen Bereichen. Wofür man leicht Bestätigung findet, wenn man diese sucht. Man nennt das in der Psychologie „kognitive Verzerrung“. Wenn ich etwas mehrmals lese oder höre, neige ich eher dazu, es für wahr und zutreffend zu halten, als wenn ich etwas nur einmal höre. Das widerspricht der Vorstellung von Mündigkeit und selbständigem kritischem Denken, das wir aus der Aufklärung kennen.

Aufklärung ist das große Thema Ihrer Arbeit im Gleimhaus.

Wir sind das Museum der deutschen Aufklärung, das Haus des Dichters und Sammlers Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Was er gesammelt hat sind Porträts und Schriften der Dichter und Denker der Zeit der Aufklärung. Deswegen verstehen wir uns als Museum nicht nur zu einer kulturhistorischen Figur, sondern zur Epoche der Aufklärung. Auf die Aktion Dummheit des Jahres sind wir durch eine Bilderserie des Kupferstechers Daniel Chodowiecki aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gekommen. Das sind zwölf Kupferstiche mit dem Titel „Modetorheiten“. Also Dummheiten, die in der Zeit liegen – etwa ein Sektengründer, ein Wunderheiler, ein Kartenleser; Leute, die in der damaligen Zeit viel Zulauf hatten. Der Künstler stellt sie dar, um zu zeigen: „Leute, soweit ist es ja noch gar nicht her mit der Aufklärung, wenn selbst in Berlin, das sich so aufgeklärt dünkt, solcher Aberglaube und solche Torheiten noch verbreitet sind.“ Das ist im Prinzip das Verständnis von Aufklärung als Prozess, der fortzusetzen ist. Aufklärung als aktuelles und unabgeschlossenes Prinzip. Die Kupferstichserie führte uns zur Frage, ob die Vernunft seither entscheidende Fortschritte gemacht hat. Das war in der Zeit der Pandemie, der Impffragen, der Verschwörungstheorien, die grassierten. Donald Trump war US-Präsident. Insofern ist die Antwort auf die Frage, ob die Aufklärung seither entscheidende Fortschritte gemacht hat, nicht eindeutig positiv ausgefallen.

Wie könnte man den Fortschritt in unserer Gesellschaft besser voranbringen?

Deutlich wird bei dem Thema, dass die Dummheit ein Gegner der Aufklärung ist. Es ist hilfreich, seine Gegner zu kennen – also der Dummheit ins Auge zu blicken. Deshalb auch unsere Aktion. Die Dummheit hat, wie gesagt, zwei Aspekte: die Vernunft und der affektive Apparat. Also haben wir zwei Möglichkeiten, anzusetzen: Bei der Vernunft etwa mit Bildung und Stärkung der Urteilsfähigkeit. Beim affektiven Apparat könnte man es auch versuchen. Das müsste auf emotionale Empathie hinauslaufen, abhängig von Ethik und einem Wertesystem. Das geht nur in kleinen Schritten, müsste jedoch stärker in Betracht gezogen werden. Aber man kommt der Dummheit nur schwer bei.

Interview: Andreas Sieler

Reimar Lacher.
Reimar Lacher. © Privat

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