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Schon als Wrestler sahen seine Fans in ihm eine Botschaft: Ladybeard mit seinen beiden Co-Sängerinnen
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Schon als Wrestler sahen seine Fans in ihm eine Botschaft: Ladybeard mit seinen beiden Co-Sängerinnen.

Japanische Band „Babybeard“

Der Brüller

  • vonFelix Lill
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In Japan sind Männer harte Kerle, Frauen grazil. Der Australier Richard Margarey vermischt diese Rollen. Nach einer Wrestling-Karriere feiert er nun mit seiner Popgruppe „Babybeard“ erste Erfolge.

Er hat zwei dicke Bizepse, einen dichten Vollbart und reichlich Brustbehaarung, die er gern in einem pinken Bikini zeigt. Seine langen Haare flicht er mal zu Zöpfen, mal garniert er sie mit rosa Schleifen. Mit seinem Lidschatten, dem Lippenstift und der Wimperntusche schaut er Momente lang unschuldig in die Gegend, bis er so zu brüllen beginnt, dass fast die Lautsprecher kollabieren. Er? Oder sie? Beziehungsweise: Wer will diese Person sein?

Zu Beginn des Videoclips stellt sich diese Frage mit aller Deutlichkeit. Dieser bärtige Bulle im Rüschenkleid schreit in die Kamera, um ihn herum hüpfen zwei schmale, niedlich kokettierende Sängerinnen durch ein Kinderzimmer. Alles ist bunt, ausgelassen, anarchisch. Die Kamera wackelt. Und die drei schrillen Darsteller:innen grinsen, winken und singen: „Nihon kara konnichiha!“ – hallo aus Japan!

So heißt die erste Single der gerade gegründeten Popgruppe „Babybeard“. Und zumindest im ostasiatischen Gründungsland dürfte diese Gruppe schon bald einige Wellen schlagen. Denn der Frontmann – oder Frontfrau? – hat schon jetzt einen Namen. Ladybeard heißt diese Figur, die alle Fragen zu ihrem Geschlecht offenlässt und vermutlich deshalb populär ist. Um die 110 000 Personen folgen ihr auf Twitter, 66 000 bei Youtube und 52 000 über Instagram. Hier werden laszive, haarige Bilder eines halbbedeckten Körpers auf dem Bett gepostet, da ein Video eines scheinbar gefährlichen Wrestlingduells. Und Japan liebt diesen Typen.

Im wahren Leben heißt er Richard Margarey, kommt aus dem australischen Adelaide und ist seit gut 20 Jahren Crossdresser. „Als 14jähriger hab ich die Schulkleider meiner großen Schwester angezogen“, erzählt Margarey mit ruhiger Stimme und kratzt sich an seinem Vollbart. „Als ich einmal damit auf eine Schulparty ging, war das der Hit. Dann wurde Crossdressing zu meinem Hobby.“ Dass dies zur wohl wichtigsten Zutat seines Berufs werden würde, ahnte der ausgebildete Schauspieler und Stuntman damals noch nicht.

Vor knapp zehn Jahren lebte Margarey in Hongkong, kam in Kontakt mit einem Wrestlingklub. Durch seine Ausbildung erlernte er bald die nötigen Fertigkeiten. „Als dann mein erstes Match anstand, dachte ich mir: ich zieh einfach einen Bikini an und nenne mich Ladybeard. Und über Nacht war ich der beliebteste Wrestler Hongkongs.“ Warum, das kann er sich heute selbst erklären. „Wrestling ist meistens ein Wettkampf darum, wer der taffste, männlichste ist, wer am härtesten schlagen kann. Und wenn dann ein ziemlich männlich gebauter Typ im Bikini angelaufen kommt, pustet das ein bisschen frischen Wind in diese Welt.“

Kurz darauf hauchte er diesen Wind einer weiteren Welt ein. Als sich Margarey im Herbst 2013 in der deutlich größeren professionellen Wrestlingszene Japans präsentierte, wurde Ladybeard dort schnell zu einem Namen. Bald wurde er in TV-Shows eingeladen und gewann Championtitel. Heute kann man Ladybeard nicht nur im Ring verfolgen, sondern Merchandise wie T-Shirts, Sticker und Mousepads mit seinem Gesicht kaufen, auch Kochshows hat er schon gegeben. Denn zu seinen Fans gehören längst auch Leute, die mit Wrestling nichts anfangen können, in ihm aber eine Botschaft sehen.

In keinem Industriestaat wird so deutlich nach Geschlechterrollen unterschieden wie in Japan. Bei internationalen Vergleichen der Geschlechtergleichstellung schneidet das Land auch deshalb immer ganz hinten ab, weil die Rollenbilder weiterhin konservativ sind: Männer müssen bis spät abends arbeiten, Frauen bleiben eher daheim und organisieren Haushalt und Kindererziehung. Die Geschlechterteilung geht so weit, dass einige Verben und Adjektive nur aus dem Mund einer Frau natürlich klingen, andere wiederum Männern vorbehalten sind.

Geht es nur um Musik?

Ladybeard benutzt vor allem Vokabeln, die eigentlich nur Frauen benutzen. „Suteki dayone!“, ruft er seinen zwei Co-Sängerinnen zu und schlägt die Hände vorm Gesicht zusammen: „Das ist doch echt toll!“ Er spricht auf den ersten Song an, den er den beiden Sängerinnen Suzu und Kotomi kreiert hat. Die beiden nicken und kichern, wie es im quietschigen J-Pop-Genre üblich ist. Dabei sorgt „Babybeard“ auch hier für einen Stilbruch: Die Lieder dieser Gruppe kombinieren die typischen seichten Klänge aus dem J-Pop mit dem vermeintlich bedrohlichen Lärm des Heavy Metal.

Wer das hören will? Nun, dieses „Kawaii Metal“ genannte Genre – Kawaii ist das japanische Wort für „niedlich“ – hat sich vor einigen Jahren bereits durch die Gruppe „Babymetal“ etabliert. In der Metalszene schaffte es diese aus drei Teenagern bestehende Band schnell zu Beliebtheit. Allerdings klingen deren Lieder jenseits der schnellen Metalrhythmen doch eher wie typischer J-Pop. „Bei uns gibt es auch das im Metal nötige Gebrüll“, erklärt Richard Margarey, bangt kurz mit seinem Kopf und ordnet sich sofort wieder sein eigentlich glattgekämmtes Haar.

Zudem könnte sein, dass es bei dieser neuen Band der japanischen Poplandschaft ohnehin nicht nur um Musik geht. Der krasse Kontrast zwischen den sehr genderrollenkonformen Suzu und Kotomi und dem „Gender Bender“ Ladybeard macht das Dreiergespann vielmehr zu einem Performancekunstwerk, das die Popbranche zu parodieren scheint.

„Japan ist im Grunde eine konservative Gesellschaft“, sagt Richard Margarey, diesmal ohne zu grinsen. „Aber ich glaube, viele Menschen haben den Wunsch, sich irgendwie selbst zu verwirklichen. Und indem sie eine Figur wie Ladybeard verfolgen, können sie das schonmal indirekt tun.“ Er zeige nämlich, was alles möglich sei. Was wiederum nicht nur in Japan fruchtbar sein könnte.

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