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Johannes Bündgens (3.v.l.) auf dem Weg zur Verleihung des Internationalen Karlspreises 2019 im Krönungssaal des Rathauses in Aachen. imago images
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Johannes Bündgens (3.v.l.) auf dem Weg zur Verleihung des Internationalen Karlspreises 2019 im Krönungssaal des Rathauses in Aachen. imago images

Untreue

Der Bischof und die fromme Witwe

  • VonHarald Biskup
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Heute beginnt der Prozess gegen den Aachener Weihbischof Johannes Bündgens, der sich am Vermögen einer älteren Dame bedient haben soll. Der Angeklagte selbst wurde schon länger nicht gesehen

Gemessen am Finanzskandal, der zurzeit den Vatikan erschüttert, geht es am heutigen Dienstag vor dem Amtsgericht Kerpen um Peanuts. Auch was die in Rede stehenden Geldsummen angeht. Gleichwohl hat der „Fall Bündgens“, seit er im Dezember 2019 publik wurde, im Bistum Aachen hohe Wellen geschlagen – und zu einem weiteren Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche geführt.

Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass sich ein hoher katholischer Würdenträger als Angeklagter vor einem weltlichen Gericht verantworten muss. Weihbischof Johannes Bündgens (65) wird von der Staatsanwaltschaft Köln beschuldigt, die Vollmacht und das Vertrauen einer möglicherweise bereits dementen Seniorin missbraucht und insgesamt 143 000 Euro auf sein Privatkonto überwiesen zu haben. Angeklagt ist Bündgens wegen Untreue. Sollte er schuldig gesprochen werden, erwartet ihn eine Geldstrafe. Theoretisch reicht der Strafrahmen bis hin zu fünf Jahre Haft.

Wie der damalige Kerpener Amtsgerichtsdirektor Joachim Rau mitteilte, soll sich Bündgens das Geld der frommen und vermögenden Witwe Marga K. zwischen Dezember 2017 und Januar 2018 in mehreren „Tranchen“ auf sein Konto überwiesen haben. Offenbar setzte er es zum Kauf eines Mehrfamilienhauses im noblen Aachener Süden ein. Im Gegenzug habe er Frau K. ein lebenslanges Wohnrecht in dem Haus eingeräumt, ließ der Weihbischof, der seit gut anderthalb Jahren sämtliche Ämter, darunter auch seinen Vorsitz beim Diözesan-Caritasverband, ruhen lässt, über seine Anwälte wissen. Doch ein normalerweise in solchen Fällen üblicher Eintrag im Grundbuch fehlt. Den „zinslosen Kredit“, wie manche spotteten, hat Bündgens aber komplett zurückgezahlt.

Beim Ortstermin in der Eupener Straße in Aachen-Burtscheid ist bei den Bewohner:innen der schicken, weiß verputzten Mehrfamilienhaushälfte nicht viel über den zwischenzeitlichen Besitzer Bündgens zu erfahren. Auch von einer angeblich von Bündgens geplanten „Senioren-WG“, zu der auch Marga K. gehören sollte, haben sie nie etwas gehört. Wie Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeigers“ ergeben haben, soll Bündgens das Haus von der Erbengemeinschaft eines früheren leitenden Mitarbeiters im Aachener Generalvikariat gekauft haben. Das Haus soll damals für 600 000 Euro den Besitzer gewechselt haben, natürlich still und heimlich.

Sicher dürfte sein: Mit seinem Gehalt von geschätzt 8000 Euro brutto allein und einem Darlehen der kirchennahen Pax-Bank, die nach eigener Darstellung „ökonomisches Handeln mit ethischer Zielsetzung“ verbindet, hätte sich das Projekt nicht stemmen lassen. Möglicherweise eröffneten sich über das Konto von Marga K. gewisse finanzielle Spielräume.

Und so wie die Immobilie damals ohne viel Aufhebens den Besitzer gewechselt hatte, so hatten Bündgens und seine juristischen Berater offenbar darauf gesetzt, die Causa ebenso still und heimlich aus der Welt schaffen zu können. Aufgeflogen waren die Transaktionen, als einem vom Gericht wegen fortschreitender Demenz der Witwe eingesetzten Betreuer die Kontobewegungen aufgefallen waren und er Anzeige erstattete.

Schon zweimal ist der Prozessbeginn verschoben worden, wegen ärztlich attestierter Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten. Ob Bündgens heute persönlich erscheinen wird, war bis zuletzt ungewiss. Falls nicht, könnte der Richter einen medizinischen Sachverständigen beauftragen. Denkbar wäre auch, das Verfahren über den Weg eines Strafbefehls ohne Hauptverhandlung abzukürzen.

Nach Bekanntwerden der gegen ihn erhobenen Vorwürfe ist der seit 2006 amtierende Weihbischof „wie vom Erdboden verschluckt“, sagt eine Bistumsangestellte. Es gibt die Vermutung, dass er sich in Köln aufhält, möglicherweise bei seinem Bruder. Der ist Anwalt in einer renommierten Kanzlei, der auch Christof Püschel angehört, einer der beiden Verteidiger des Bischofs.

In seinem Sprengel genießt Bündgens nach wie vor Vertrauen und Sympathie. Jene, die zu ihm halten, beschreiben ihn als zurückhaltend, zugewandt, empathisch und „eigentlich bescheiden“. Er sei „da in eine dumme Sache reingestolpert“. Naiv und unverzeihlich sei das, auch ohne Prozess sei er durch die Aufmerksamkeit für seinen Fall gestraft genug. Sollte er verurteilt werden, käme auch ein kirchenrechtliches Verfahren auf ihn zu. Rom müsste dann entscheiden, wie es weiterginge – wohl kaum in seinen bisherigen Funktionen.

Kirchliche Angestellte und Gläubige, die dem Weihbischof wohlgesinnt sind, loben das Engagement, mit dem Bündgens Partnerschaftsprojekte in Kolumbien und Tansania fördert und begleitet. Bei Besuchen in Gemeinden wirkt er liebenswürdig und tritt ohne klerikalen Dünkel auf. Und Bündgens ist ein ausgesprochen sportlicher Kirchenmann: Tennis, Basketball, Laufen, Radfahren. Von manchen wird er als „Filou“ geschildert. Sein langjähriger Fahrer gab 2016 in der Aachener Bistumszeitung zum Besten, sein Chef habe es „faustdick hinter den Ohren“.

So eine Äußerung liest sich heute freilich in einem ganz anderen Licht. Und auch das Motto, das Aachener Kirchenobere lange vor Bekanntwerden des umstrittenen privaten Immobilienkaufs für eine Aktion zu mehr Beteiligung der Gläubigen kreiert haben („Heute bei dir“), wirkt unfreiwillig komisch. Und wird von jenen, die Bündgens nicht wohlgesinnt sind, auf dessen Verhältnis zu Marga K. umgemünzt. Sie selbst kann sich zu dem Fall nicht mehr äußern. Frau K. starb im März 2020 mit 79 Jahren. Gut möglich, dass die Fernanalyse eines Geistlichen aus dem Aachener Umland zutrifft, wonach Marga K. den gar nicht so seltenen Typus der „Priester-Anbeterin“ verkörpert habe und Bündgens ihrer Bewunderung für ihn als Seelsorger zumindest zeitweise erlegen sei.

Kennengelernt haben sollen sich Bündgens und Marga K. in Sievernich im Kreis Düren, wo seit mehr als 20 Jahren die „Seherin“ Manuela Strack etliche Gläubige um sich schart. Sie behauptet, die Muttergottes habe ihr aufgetragen, in dem 450-Seelen-Örtchen ein „spirituelles Zentrum“ zu errichten. Von diesem Kreis, der sich „Blaue Oase“ nennt und dessen Wirken von der Amtskirche äußerst skeptisch registriert wird, fühlte sich auch die Kerpenerin Marga K. angezogen. Mit großem Eifer und wohl auch mit großen Summen unterstützte sie den „Förderverein Gebets- und Begegnungsstätte Sievernich“.

Regelmäßige Besucherinnen wie Annegret B. aus Euskirchen erinnern sich gut an die „lustige Witwe“ – und an Bündgens „in ihrem Schlepptau“. Er war seinerzeit Pastor im Eifelort Heimbach – und vom Aachener Oberhirten Heinrich Mussinghoff als „geistlicher Führer“ des Mediums Manuela bestimmt worden. Durch seine regelmäßigen Besuche in Sievernich, die er als Weihbischof fortsetzte, lernte Bündgens fast zwangsläufig Marga K. kennen. In der Folgezeit soll es regelmäßige Treffen in deren großem Haus in Kerpen gegeben haben. Auf ihr Drängen, heißt es.

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