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„Das hier ist eine Beleidigung des Volkes“, wettert Präsident López Obrador.

Präsidentenflugzeug

Der Alptraum-Dreamliner: Symbol für Mexikos Ungleichheit

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
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Mexikos Staatsoberhaupt López Obrador verlost das Präsidentenflugzeug für einen guten Zweck. Dabei ist der Luxusflieger ein Symbol für alles, was falsch läuft.

  • Das Flugzeug des Präsidenten ist ein Sinnbild für die Unterschiede in der mexikanischen Bevölkerung.
  • Präsident López Obrador hat das Flugzeug jetzt verlosen lassen.
  • Die Erlöse sollen für einen guten Zweck in Mexiko eingesetzt werden.

Mexiko – Es ist das vorerst letzte Kapitel einer schier unendlichen Geschichte um ein millionenschweres Präsidentenflugzeug, das zum Ladenhüter verkommen ist. Der als „Palast der Lüfte“ verspottete „Dreamliner“ wurde jetzt über die mexikanische Lotterie „verlost“. Pünktlich zu Mexikos Nationalfeiertag wurden die Gewinner unter denjenigen gezogen, die in den vergangenen Monaten ein „Cachito“ (Stückchen), also ein Los gekauft hatten.

Natürlich wurde nicht der Luxusflieger, sondern Bargeld verlost. Immerhin winkten mehrere Hauptgewinne zu umgerechnet je einer Million Euro. Unter den Siegerinnen und Siegern waren am Dienstagabend dann überraschend auch viele Krankenhäuser und Kindergärten. Aber dazu gleich.

Nobles Örtchen. Daniel Becerril/rtr

Insgesamt sechs Millionen Lose zum Preis von je 500 Peso pro Anteilsschein – das entspricht gut 20 Euro – sollten eigentlich innerhalb eines halben Jahres verkauft werden. Aber bis Ende August war kaum die Hälfte der Lose an den Mann und die Frau gebracht. Kaum jemand in Mexiko konnte während der Pandemie Geld für solche Kaprizen erübrigen. Also stieg Linkspräsident Andrés Manuel López Obrador zum ersten und wohl einzigen Mal an Bord der ungeliebten Boeing 787-8, um Werbung für ihre Verlosung zu machen.

Mexiko: Erlöse aus dem ungeliebten Flugzeug sollen für den guten Zweck verwendet werden

„Das hier ist eine Beleidigung des Volkes, das Flugzeug werden wir verlosen, mit den Erlösen kaufen wir Medizingüter und dienen den Menschen.“ Und in der Folge kauften vor allem staatliche Institutionen Tausende Lose – oder wurden von López Obrador dazu aufgefordert. So erklärt sich auch, dass viele Hauptgewinne an Hospitäler und staatliche Einrichtungen gehen.

Bereits vor seiner Wahl im Juli 2018 hatte López Obrador gegen das von seinen Vorgängern angeschaffte und genutzte Flugzeug gewettert. Denn für ihn vereint es die beiden größten Geißeln des Landes: Korruption und Verschwendungssucht der Mächtigen. Für beides stehe nichts so sehr wie dieses Flugzeug, das Präsident Felipe Calderón (2006 bis 2012) bestellte und Enrique Peña Nieto (2012 bis 2018) weidlich für Staatsreisen mit großer Entourage und erweiterte Familienausflüge inklusive des Frisörs seiner Frau nutzte. Die Boeing kostete einst umgerechnet 200 Millionen Euro und stellt sogar die „Air Force One“ der US-Präsidenten in den Schatten.

Mamorbad im Flugzeug: Symbol für Korruption und Verschwendungssucht der mexikanischen Elite

Das in der kommerziellen Version für rund 240 Passagiere ausgelegte Flugzeug hat in der Ausgabe als mexikanischer Präsidentenflieger gerade einmal Platz für 80 Mitreisende. Dafür verfügt es über eine kleine Wohnung, ein Marmorbad und einen riesigen Besprechungssaal. Ursprünglich sollte die symbolische Verlosung vor allem die Leasingraten des Fliegers decken. Denn die Anschaffung aus dem Jahr 2012 belastet den Fiskus noch knapp zehn Jahre.

An der Ausstattung wurde nicht gespart.

Für die Bevölkerung war der Flieger ein Symbol dafür, was in dem zweitgrößten Land Lateinamerikas alles falsch läuft. Eine abgehobene Elite lebt in Saus und Braus, während fast die Hälfte der insgesamt 120 Millionen Mexikanerinnen und Mexikaner mit wenigen Peso täglich auskommen muss.

Ein Jahr lang bot man die Boeing in Kalifornien auf einem Privatflugplatz feil, doch niemand wollte den Flieger kaufen. Nun steht er in einem Hangar in Mexiko und verschlingt weiter Millionen an Unterhaltungskosten. Und weiterhin sind keine Kaufinteressenten in Sicht. (Von Klaus Ehringfeld)

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