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Depeche Mode: „Aus jedem Tag das Maximale herausholen“

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Von: Dagmar Leischow

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„Just Can’t Get Enough“: Dave Gahan (rechts) und Martin Gore am Dienstag bei ihrer Pressekonferenz in Berlin.
„Just Can’t Get Enough“: Dave Gahan (rechts) und Martin Gore am Dienstag bei ihrer Pressekonferenz in Berlin. © John MacDougall/afp

Nach dem Tod von Keyboarder Andrew Fletcher arbeitet die Band jetzt am neuen Album „Memento Mori“. Auch eine Tour ist geplant.

Von Dagmar Leischow

Ein sonniger Vormittag in Berlin. In dem kleinen Park vis-à-vis des Berliner Ensembles ist es brechend voll. Nicht etwa Theaterbesucher:innen tummeln sich dort, sondern Depeche-Mode-Fans aus ganz Deutschland. Die meisten sind in Schwarz gekleidet. So wie in den Achtzigerjahren. Denn diese Band hat eine loyale Anhängerschaft, die ihr über Jahrzehnte die Treue gehalten hat. Vor allem hierzulande. Das weiß jeder: die Musiker, die Plattenfirma, der Tourneeveranstalter. Darum gibt es gelegentlich Goodies für die Gefolgschaft. Mehr als 200 Depeche-Mode-Liebhaber:innen konnten bei einigen Radiostationen oder auf einer Fan-Webseite eines der heißbegehrten Bändchen gewinnen, mit denen sie neben Medienleuten aus aller Welt Zugang zur Pressekonferenz bekommen. Diese Veranstaltung ist so besonders, weil sich Dave Gahan und Martin Goren nach dem Tod ihres Keyboarders Andrew Fletcher im Mai erstmals wieder gemeinsam bei einem öffentlichen Termin präsentieren. Um in dem pompösen Saal mit verschnörkelten Goldornamenten und einem Kristallleuchter über die Zukunft ihrer Band zu sprechen.

Depeche Mode nehmen wieder Songs auf

Als schließlich alle auf einem der Sitze mit rotem Samtbezug Platz genommen haben, mahnt der Konzertveranstalter, man dürfe keine Fotos mit Blitz machen. Das Licht geht aus. Bilder aus dem Studio werden eingeblendet – von Dave, von Martin, von ihren Instrumenten. Das ist im Grunde nichts Neues, es ist Teil einer wohldurchdachten Inszenierung, die im Theater den passenden Rahmen findet. Ähnliche Schnappschüsse wie jene, die hier zum Vorschein kommen, hat die Band nämlich zuvor schon in den sozialen Medien gepostet. Man ahnte bereits seit einer Weile: Depeche Mode nehmen wieder Songs auf.

„It’s No Good“: Andrew Fletcher, Juli 2009. Er starb im Mai 2022. M
„It’s No Good“: Andrew Fletcher, Juli 2009. Er starb im Mai 2022. © Malcolm Taylor/afp

Das bestätigt das Duo, als es auf die Bühne kommt. Dave Gahan trägt einen anthrazitfarbenen Anzug mit rotem Einstecktuch, dazu eine Sonnenbrille. Martin Gore zieht den Hipster-Look vor – coole Boots zur Bomberjacke. Genau das richtige Outfit für Berlin. Diese Stadt kennt der britische Musiker gut. Er lebte von 1985 bis 1987 mit seiner deutschen Freundin in West-Berlin. Dort mischten Depeche Mode 1983 in den Hansa Studios in Kreuzberg ihr drittes Album „Construction Time Again“ ab, Stücke wie „Everything Counts“ saugten den Sound der Mauerstadt auf. Die nachfolgenden Platten „Some Great Reward“ und „Black Celebration“ produzierte die Band komplett in Berlin.

„I Feel You“: Die drei vereint, vor sechs Jahren in Mailand. GIUSEPPE CACACE/AFP
„I Feel You“: Die drei vereint, vor sechs Jahren in Mailand. © Giuseppe Cacace/afp

Dieser Metropole sind Depeche Mode also von jeher verbunden. Deswegen halten Dave Gahan und Martin Gore nun im Berliner Ensemble Hof. Ihr Gegenüber heißt Barbara Charone. Einst war die US-Amerikanerin mit Wohnsitz in England als Musikjournalistin tätig, heute gilt sie als versierte PR-Spezialistin. Sie kurbelte Madonnas Karriere wieder an und hievte Duffy oder Mark Ronson ins Rampenlicht, sie schrieb eine Keith-Richards-Biografie. Klar, auch Depeche Mode zählten zu ihren Klienten. Umso erstaunlicher, dass sie im Gespräch mit der Band überhaupt nicht in die Tiefe geht.

Zumindest erfährt man: Depeche Mode lösen sich nicht auf, im Gegenteil. Ein neues Album namens „Memento Mori“ soll Ende März erscheinen. Eine Tournee im kommenden Jahr ist ebenfalls geplant. Auftakt ist am 23. März in den USA, allerdings mit nur wenigen Terminen in New York, Los Angeles oder Chicago. Danach geht es nach Europa. In Deutschland wird es insgesamt sechs Auftritte geben, einen in Frankfurt. Manchmal, sagt Sänger Dave Gahan, sei es seltsam, auf die Bühne zu gehen. Gerade in diesen Zeiten. Dennoch weiß er genau, warum er sich immer wieder vor Publikum stellt: „Um Freude zu bringen und das Zusammensein zu zelebrieren.“

„Never Let Me Down Again“: Gahan und Gore in New York, 2013. Dave Kotinsky/AFP
„Never Let Me Down Again“: Gahan und Gore in New York, 2013. © Dave Kotinsky/afp

Momentan haben die Live-Gigs, bei denen Depeche Mode wie üblich vom Schlagzeuger Christian Eigner und vom Keyboarder Peter Gordeno – die beiden sitzen im Auditorium, anschließend posieren sie bereitwillig für Fotos mit den Fans – unterstützt werden, allerdings noch keine absolute Priorität. Nach ihrer Berlin-Reise fliegen die Musiker direkt nach New York, um ihre Songs zu mixen. Eingespielt haben sie sie größtenteils im Studio in Martin Gores Haus in Santa Barbara, ein paar Tage waren sie auch im Studio des Produzenten Rick Rubin. All das ohne Andrew Fletcher zu machen, das fühlte sich natürlich ungewohnt an. „Wir haben Fletch und seine Kommentare vermisst“, bekennt Dave Gahan. Nicht ohne Grund heißt die Platte jetzt „Memento Mori“. „Der Albumtitel soll daran erinnern, dass wir alle sterben müssen“, erläutert Martin Gore. „Darum muss man aus jedem Tag das Maximale herausholen.“

„Vielleicht machen wir ein bisschen was mit Andys Lieblingsliedern“, stellt Dave Gahan in Aussicht

Immerhin: Die meisten Stücke, von denen ein paar Schnipsel mit einem kraftvoll-melodischen Sound im typischen Depeche-Mode-Stil vor dem Beginn der Pressekonferenz kurz eingespielt wurden, entstanden bereits, bevor Andrew Fletchers starb. „Wir haben früh in der Pandemie mit der Arbeit an diesem Projekt begonnen, seine Themen wurden direkt von dieser Zeit inspiriert“, erzählt Martin Gore. „Nach Fletchs Tod haben wir uns entschieden, weiterzumachen. Da wir sicher sind, dass er das gewollt hätte.“ Das habe dem Werk wirklich eine zusätzliche Bedeutung verliehen. Wird die Band darüber hinaus bei ihren Konzerten irgendwie an Andrew Fletcher erinnern? „Vielleicht machen wir ein bisschen was mit Andys Lieblingsliedern“, stellt Dave Gahan in Aussicht. „Auf jeden Fall ist seine Energie bei uns. Er wird das, was wir tun, sicher beurteilen.“

Depeche Mode treten am 26. Juni 2023 in Frankfurt auf. Weitere Termine: www.depechemode.de

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