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Depardieus Abgesang auf Putin

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Von: Stefan Brändle

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Selbst der französische Schauspieler Gérard Depardieu geht auf Distanz zum Kreml und zu Putin.

Es war eine Kehrtwende in letzter Minute – kurz bevor sich der Vorhang hob. Am Freitagabend ist Gérard Depardieu auf eine Pariser Bühne getreten, um Chansons der Sängerin Barbara zu singen. Die drei Soireen im Theater der Champs-Elysées galten als Event: Sie leben vom Kontrast eines gerne groben, 140 Kilo schweren Kinomonsters, der die zarten, hochsensiblen Lieder der 1997 verstorbenen Chansonière wiedergibt und dabei höchste Stimmlagen erreicht.

Einnahmen an Kriegsopfer

Am Vorabend sah sich Depardieu jedoch zu einer politischen Lagebereinigung veranlasst. Der Schulterklopffreund des Kremlherrschers verurteilte in einem Communique die „verrückten, inakzeptablen Abwege von Leadern wie Wladimir Putin“. Das russische Volk sei dafür „nicht verantwortlich“, so der 73-jährige Franzose, der von Putin einst persönlich die russische Staatsbürgerschaft erhalten hatte. Die Einnahmen aus den drei Konzerten werde er „vollumfänglich den ukrainischen Opfern dieses tragischen Bruderkrieges überweisen“, stellte er klar.

Das klingt ziemlich neu. Früher hatte das Enfant Terrible des französischen Films unter anderem erklärt, die Ukraine sei „ein Teil von Russland“. Vor einer Woche stellte er sich in der rechten Zeitschrift „Eléments“ noch dezidiert hinter den russischen Präsidenten. „Ich liebe Putin“, erklärte er in eifriger Übernahme russischer Propaganda: „Man sagt von ihm, dass er Söldner habe, die Gruppe Wagner. In den USA gibt es allerdings einen ganzen Haufen von Privatarmeen – und auch in der Ukraine, dort mit SS-Totenköpfen und Hakenkreuzen.“ Die amerikanischen „Cowboys“ hätten als Präsident eine „Mumie“, so Depardieu.

Dass er nun plötzlich an die Not leidenden Ukrainerinnen und Ukrainer denkt, klingt ein wenig nach einer PR-Agentur, die sich vor einem halbleeren Theatersaal fürchtet, weil der Hauptdarsteller einen Kriegstreiber unterstützt. Barbara sang dagegen in ihrem berühmtesten Chanson „Göttingen“ auf Deutsch: „Lasst diese Zeit nie wiederkehren, nie mehr Hass die Welt zerstören. Doch sollten wieder Waffen sprechen, würde es mir das Herz zerbrechen. Wer weiß, was dann noch übrig bliebe von Göttingen.“

Jetzt fragt sich Frankreich, ob Depardieu diese Ode an die deutsch-französische Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg auf die heutigen Kriegszeiten überträgt. Er könnte ja „Göttingen“ durch „Mariupol“ ersetzen.

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