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Troller, 2014.
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Troller, 2014.

Jahrhundertreporter

Denen am Rand ganz nah

  • Boris Halva
    VonBoris Halva
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Georg Stefan Troller sieht schon immer genau hin.Jetzt hat der Fotograf, Erzähler, Interviewer und Menschenfreund seinen 100. Geburtstag gefeiert

Er nennt sich selbst „der Bildchronist der kleinen Dinge“. Tatsächlich hat Georg Stefan Troller die kleinen Dinge auch nie aus dem Blick verloren. Und weil all die kleinen Dinge bis heute das große Ganze zusammenhalten, hat Troller also auch immer die Welt im Blick gehabt. Und die Menschen, die diese Welt bewohnen.

Seine Welt, das ist vor allem: Paris. Dort ist er in den Sechziger Jahren durch die engen Gassen gestreunt, so wie es Katzen machen, die bekanntlich seine Lieblingstiere sind. Er ist mit wachem Blick und warmem Herzen durch die Viertel gezogen, die nach und nach dem Untergang geweiht worden waren, weil die rissigen Fassaden, die morschen Treppenhäuser und undichten Dächer den sogenannten Stadtvätern ein Dorn im Auge waren. Das Marode stand für die Vergangenheit, und das vermeitliche Elend der Menschen, die dort lebten, stand für die schmerzliche Einsicht, dass die Moderne noch lange nicht in jeden Winkel der Seine-Metropole gesickert war.

Und so stand Georg Stefan Troller mit seiner Leica in den Gassen, blickte hinauf zu den Dächern, unter denen seit Jahrzehnten immer wieder und immer noch Menschen lebten, die sich ein Leben eben nur dort leisten konnten, in den Armenvierteln, Vierteln wie Ménilmontant. Dort war Troller tags wie nachts mit seiner Kamera unterwegs, um sich den Menschen zu nähern, um die kleinen Dinge und die besonderen Momente einzufangen. Wer Trollers Paris-Fotos sieht, die in den Sechziger und Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden sind, erkennt darauf ganz deutlich, wie oft die kleinen Dinge und der besondere Moment ein und dasselbe sind.

Troller ist immer nah dran, weil ihn das Morbide, das vermeintlich Abstoßende unwiderstehlich anzieht. Dort, wo die Abgehängten hausen, die Clochards, die Huren und die Trinker, da will er schauen, was hinter den Vorhängen los ist. Er mischt sich unter die Flohmarkthändler und die Marktfrauen, er lässt sich durchs Pariser Nachtleben in den wilden Sechzigern treiben und entdeckt im wahrsten Sinne an jeder Ecke die nächste Geschichte.

Er will verstehen, was die Menschen antreibt – und sei das, was sie tun, noch so profan. Den jungen Männern, die mit ihren Mopeds und kleinen Cabrios unermüdlich ihre Runden an einem kleinen Platz drehen, belustigt und zugleich innig beäugt von jungen Frauen, die in den Cafés ringsum den kleinen Platz sitzen, widmet Troller eine ganze Sendung seines „Pariser Journals“, das er von 1962 bis 1971 für die ARD gedreht hat. Auch die Obdachlosen, die unter der Tournellebrücke gemeinsam Heiligabend feiern, jenseits des Glanzes der vorweihnachtlich schimmernden Metropole, besucht er, um ihre Geschichten zu hören.

Es scheint, als ziehe Troller – selbst eine eher exzentrische Erscheinung mit markantem Schnurrbart, sanftem und doch wissbegierigen Blick – seine Kraft und Inspiration immer wieder neu aus dem Anblick des Verfallenden, aus der Zuneigung für die, um die sich keiner schert. Und es scheint, als speise sich sein Mut, sich all diesen Menschen und dem Elend, in dem sie mitunter leben, zu nähern, aus der Gewissheit, dass alles endet, irgendwann. Aber eben erst irgendwann. Hier und jetzt will er den Moment nutzen und das, was da ist, bewahren.

Unendlich viel Glück gehabt

Denn Georg Stefan Troller ist nicht nur der anfangs zitierte Bildchronist der kleinen Dinge, sondern „der Bildchronist der kleinen, läppischen, aussterbenden Dinge“, wie er in seinem 2017 veröffentlichten Buch „Ein Traum von Paris“ schreibt. In diesem Buch bündelt er seine lange Jahre verschollen geglaubten Paris-Fotos. Und erzählt noch einmal die Geschichte, wie sehr er mit der Stadt, in der er heute noch lebt, gerungen hat; wie lange es gedauert hat, bis er sich dort zuhause gefühlt hat. Paris, mon amour? Mitnichten! Troller brauchte Jahrzehnte, sich mit der Stadt, die zum Mittelpunkt seines Lebens werden sollte, auszusöhnen. Lange Jahre empfindet er Paris als „Stadt, die mich mißbilligte“, die ihm damals „unheimlich bis verdächtig“ erschien, „wahrscheinlich von der Besatzungzeit, die ich ja miterlebt hatte“.

Als Österreicher mit jüdischen Wurzeln verlässt er mit 17 seine Geburtsstadt Wien, flieht über die Tschechoslowakei nach Frankreich. Als die Deutschen einmarschieren, hat Troller 1941 das Glück, ein Ausreisevisum für die USA zu bekommen. Als US-Soldat kehrt er 1945 nach Deutschland zurück, dokumentiert die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau als Fotograf. verhört als Muttersprachler deutsche Kriegsgefangene. Aber diese Zeit ist nicht die erste Zeit seines Lebens, in der Troller dem Abgrund nahe ist. Schon als Junge erlebt er als Jude Hänseleien, Beschimpfungen, Ausgrenzung.

Troller erkennt schon bald, wie sehr die eigenen Ausgrenzungserfahrungen und die Gräuel des Krieges – hier vor allem die Toten in Dachau – seine Arbeit prägen. Dem NDR sagte er dieser Tage im Interview: „Die ganzen Toten lagen herum, dann habe ich mein Gesicht in den Toten gesucht. Ich hätte es sein können, der da lag, wenn ich nicht so unendlich viel Glück gehabt hätte.“

Glück hatte er wohl, und auch der Zufall spielt dem jungen Troller in die Karten, bringt ihn nach dem Studium in den USA und der Rückkehr nach Deutschland erst zum Radio, dann zur Zeitung, dann zum Fernsehen, für das er nach Paris geht. Den Journalismus nennt er später „ein Mittel der Selbstheilung und Lebensrettung“. Heilsam ist für ihn wohl vor allem. dass er den Menschen, ob nun berühmt oder nicht, „zeitlose Fragen“ stellen konnte, wobei Troller unter zeitlosen Fragen jene Fragen versteht, die er an sich selbst habe, wie es bei Wikipedia heißt.

Heilsam war für ihn wohl auch, zu erkennen, dass er immer wieder Glück hatte. Und dass Glück eben auch ein Talent ist, wie James Krüss einmal schrieb, erkennt auch Troller – und weiß dieses Prinzip für sich zu nutzen, um den Zauber des Augenblicks auf seine Weise einzufangen. So schreibt er in seinem Paris-Buch: „Manchmal, wenn ich solchen Straßenbrocken und Häuserfragmenten gegenüberstehe, überfällt mich fast eine Art Trance: Dann weiß ich nachtwandlerisch das richtige Mauertrumm im richtigen Licht aufzuspüren. Und, wie von meinem Unbewussten materialisiert, tauchen zu richtigen Sekunde der Bettler, das ballspielende Kind oder die haubengeschmückte Nonne auf, die diese Bühnenkulisse erst zum fertigen Bild machen.“

Troller, 1984. imago images

Seine Interviews polarisieren

Georg Stefan Troller hat viele Bilder eingefangen von den kleinen, läppischen und aussterbenden Dingen. Unzählige Filme hat er gedreht, Bücher geschrieben, bis heute ist er Beobachter, Geschichtenerzähler und Dokumentar. Und bis heute bleibt er auf seine Art immer auch irgendwie Teil dessen, um was es geht. Es gab immer wieder Stimmen, die Troller für eben genau diese fehlende Distanz kritisierten. Eine fehlende Distanz, die Troller auch nicht aufgab, wenn er Weltstars wie Romy Schneider, Woody Allen oder Boxlegende Muhammad Ali zum Interview traf. Sie alle „umschnurrte“ er, wie Ilja Richter in seiner Hommage in der „taz“ schreibt, umschnurrte sie „wie ein verführerischer, lebensschlauer Kater“. Ein selbstbewusster obendrein, denn außer Troller haben es nicht viele gewagt, gefürchtete Interviewpartner wie Alain Delon zu fragen, ob er denn wirklich einen so scheußlichen Charakter habe, wie es immer heiße ...

Aber warum sollte einer wie Troller, der dem Tod ein Schnippchen geschlagen hat und dem Grauen dennoch ins Auge blicken musste, vor launischen Stars Angst haben? Und warum sollte er seinen Interviewstil (der, mit Verlaub, in der Tat Fremdschäm-Momente zu erzeugen vermag) verändern, nur weil sich manche daran reiben? Wobei es da einen feinen Unterschied gibt, der hin und wieder verwischt wird: In seinen Reportagen für das „Pariser Journal“ ist Troller stets souverän auf dem schmalen Grat gewandelt, der Neugier von Voyeurismus trennt. Für seine Interviews hingegen hat er diese feine Trennlinie immer wieder ganz bewusst übertreten. Nach rund 1500 Interviews, die er im vergangenen Jahrhundert geführt hat, gilt sein Stil als legendär.

Und wenn ein Mann wie Troller, der am 10. Dezember seinen 100. Geburtstag gefeiert hat und nach wie vor die Selbstironie aufs feinsinnigste kultiviert, mit 99 Jahren ein Buch mit dem Titel „Mein erstes Jahrhundert“ vorlegt, dann bleibt hier nur zu sagen: Wir sind gespannt auf Ihr zweites Jahrhundert, Herr Troller.

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