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„Den Zeitpunkt zum Erwachsenwerden habe ich verpasst“

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Von: Dagmar Leischow

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Ein bisschen reifer sei er trotzdem geworden, sagt Cro. Ein Gespräch mit einem der erfolgreichsten Musiker Deutschlands über Hummeln im Hintern, voreilige Entscheidungen und wie er auf Bali Ruhe findet

Mit der Pünktlichkeit nimmt es Cro nicht so genau. Der Musiker, der eigentlich Carlo Waibel heißt, kommt gut 45 Minuten zu spät zum Interview bei seiner Berliner Plattenfirma. Wirklich böse sein kann man ihm nicht, dafür ist er zu nett. Der 32-Jährige beschließt, sich in einem Konferenzraum aufs Sofa zu legen – wie auf eine Therapiecouch. Während im Hintergrund ein Windspiel sanft klimpert, redet der gebürtige Schwabe ganz entspannt über sich und seine Karriere. Mit dem Ziel, sein fünftes Album „11:11“ zu promoten. Es verbindet Pop mit groovigen Beats, manchmal mogelt sich ein Pink-Floyd-Riff unter die Musik. Die meisten Songs drehen sich um Liebe. Einige sind nachdenklich, andere klingen herrlich unbeschwert.

Cro, ein Lied Ihres Albums „11:11“ heißt „Freiheit“. Spiegelt die Zeile „Ich bin frei, aber irgendwie klein“ Ihr Lebensgefühl wider?

Manchmal fühle ich mich riesengroß, manchmal ganz klein – obwohl ich eigentlich alles habe. Nach einem Höhenflug merke ich halt: Im Grunde bin ich doch nur der kleine Carlito.

… der schon einiges erreicht hat?

Voll. In Deutschland habe ich das Game durchgespielt, denke ich. Ich habe sämtliche Preise gewonnen und alles gemacht, was man im Musikbereich so tun kann. Nun sollte entweder etwas ganz Neues kommen, oder ich müsste meine Karriere auf das nächste Level bringen und international durchstarten.

Trotz Ihres Erfolgs kennen Ihre Fans Ihr Gesicht nicht. Warum haben Sie sich entschieden, eine Maske zu tragen?

Die Maske gibt mir Freiheit. Viele Leute fragen mich: Warum zeigst du dich denn nicht? Warum musst du dich maskieren, jemand anderes sein? Ich denke mir dann immer, dass ich eigentlich durch die Maske gerade der Einzige in dem Raum bin, der so sein kann, wie er ist. Weil ich mich nicht verstellen muss. Außerdem nimmt die Maske auch so ein bisschen den Gossip raus. Ich ziehe durch sie eine Grenze zu meinem Privatleben. Allen ist klar, dass es um die Kunst geht – das ist mir wichtig.

Mit Ihrer Kunst dürften Sie mittlerweile ziemlich gut verdient haben. Geben Sie Ihr Geld sofort wieder aus?

Ich war ziemlich lange sehr sparsam. Nachdem ich ein, zwei Jahre als Cro in Deutschland unterwegs gewesen war, hatte ich meine Basis wieder für zwölf Monate bei meiner Mum. In dieser Zeit habe ich praktisch überhaupt keine Ausgaben gehabt. Dann habe ich aber angefangen, richtig zu investieren und mir die richtigen Gedanken zu machen.

Sind Sie inzwischen ein guter Geschäftsmann geworden?

Zahlen und Verträge sind nicht unbedingt mein Thema – da vertraue ich auf mein Team. Immerhin bringe ich mich heute viel mehr ein als früher. Zu Beginn meiner Karriere habe ich mal einen Vertrag mit Chimperator unterschrieben, ohne ihn zu lesen. Weil ich dachte: Ich bleibe doch eh bei diesem Label. Natürlich war das nicht so klug, man kann ja jeden Vertrag verbessern ... Aber ich war 19, hatte null Geld und dachte: Let’s go! Wenn ich gucke, wo ich jetzt stehe, kann ich zum Glück sagen: Im Grunde war mein voreiliges Handeln die richtige Entscheidung.

Waren Sie als junger Musiker naiv?

Total. Ich kannte so gut wie nichts. Ich kam aus Stuttgart und bin lange nicht aus diesem Kosmos rausgegangen. Anfangs war ich nur in Deutschland unterwegs, mittlerweile habe ich die halbe Welt bereist. Ich bin irgendwie schneller und smarter geworden.

neues album

Das neue Album von Cro heißt „11:11“ und ist seit 12. August im Handel.

Fühlen Sie sich nun erwachsen?

Ich glaube, den Zeitpunkt zum Erwachsenwerden habe ich verpasst. Trotzdem ist mein Mindset viel reifer als vor zehn Jahren. Mit 22 war ich noch ein Baby.

Und ein Workaholic?

Ja. Sieben, acht Jahre habe ich praktisch Tag und Nacht gearbeitet. Die Leute fragten sich: Wie schafft der das bloß? Die Antwort ist ganz simpel: Wenn dir etwas Spaß bringt, dann denkst du nicht lange nach, sondern machst es einfach. Während der Pandemie habe ich allerdings gelernt, auch mal ein bisschen zu chillen.

Sie haben sich in dieser Zeit nach Bali zurückgezogen. Haben Sie oft am Strand relaxt?

Ganz selten. Ich habe Hummeln im Hintern. Selbst wenn ich mit meinen Homies chille, machen wir irgendwas. Außerdem habe ich mir auf Bali ein Studio gebaut. Da muss alles sitzen, jede Verkabelung muss stimmen.

Haben Sie in Indonesien auch mit dem Malen begonnen?

Gemalt habe ich schon immer. Bloß sind meine Bilder direkt ins Lager gewandert. Bis man mich ermunterte, mehr aus meiner Kunst herauszuholen. Ich habe gemalt und gemalt. Was krass war: Vor meiner ersten Ausstellung in Düsseldorf habe ich drei Bilder verkauft, bevor sie überhaupt an der Wand hingen. Dabei hatte ich eine so große Summe verlangt, dass ich dachte: Das wird eh keiner bezahlen ...

Ihr allererstes Bild soll dagegen lediglich 99 Cent gekostet haben.

Genau. Ein Kunstberater schlug mir vor, ein Bild zu verkaufen. Er empfahl mir auch, einen bestimmten Preis dafür vorzuschlagen. Aber das hat sich für mich irgendwie nicht richtig angefühlt. Also habe ich gesagt: „Ich verkaufe das Bild für 99 Cent.“ Die Galerie hat sich tatsächlich darauf eingelassen und sogar noch den Versand übernommen. Cooler Move!

Warum nennen Sie sich als Maler Carlito und nicht Cro?

Egal ob ich male oder Musik mache: Hinter allem steckt im Prinzip Carlo. Wenn ich ein Cro-Video drehe, bin ich trotzdem Carlo. Manchmal fließen dabei auch Carlito-Sachen ein. Ich bin zwar komplett eins, will das aber nach außen trennen. Damit die Leute nicht durcheinanderkommen. Sicher könnte ich mich als Cro, das Multitalent, vermarkten. Auf diese Weise hätte ich wahrscheinlich für meine Kunst schon eine viel größere Followerschaft. Doch ich suche die Challenge. Es reizt mich, als Carlito wieder ganz frisch anzufangen.

Brauchen Sie dauernd neue Herausforderungen?

Ich habe jetzt die Work-Life-Balance für mich entdeckt. Auf Bali habe ich einen Garten mit Palmen und Orchideen, da setze ich gern neue Pflanzen. Als Nächstes möchte ich einen Palo-Santo-Baum haben.

Interview: Dagmar Leischow

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