Wer im Alter keine finanziellen Sorgen hat, kann sich engagieren. Aber „am politischen Leben“, sagt Richter, „müssen auch die Seniorinnen und Senioren teilhaben können, die nicht so gut gestellt sind“.
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Wer im Alter keine finanziellen Sorgen hat, kann sich engagieren. Aber „am politischen Leben“, sagt Richter, „müssen auch die Seniorinnen und Senioren teilhaben können, die nicht so gut gestellt sind“.

Solidarische Gesellschaft

„Demokratie statt Demenz“

  • Karin Dalka
    vonKarin Dalka
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Der Politologe Emanuel Richter über Generationenkonflikte, den sozialen Spaltpilz in der Gesellschaft und seine Vision eines solidarischeren Miteinanders durch ein stärkeres Engagement älterer Menschen.

Die Gesellschaft überaltert, das Ungleichgewicht zwischen den Generationen wird immer größer. Herr Richter, was sind die Folgen für die Politik? Steht uns eine Herrschaft der Greise bevor?

Das könnte passieren. Und zwar dann, wenn sich die Jungen weniger für Politik interessieren. Wir sehen ja diesen Trend. Dann könnten einige Senioren gewissermaßen im Modus der Wutbürger das Zepter an sich reißen, empörte Zeitgenossen, die sich für ihre Interessen einsetzen. Dann entstünde ein politisches Ungleichgewicht zwischen den Generationen. Allerdings auch eine Spaltung im Kreise der Seniorinnen und Senioren selbst …

Bevor Sie das ausführen: Einspruch! Gibt es diesen Trend bei den Jungen tatsächlich? Durch die Fridays for Future ist eher der Eindruck entstanden, die Jugend sei aktiver geworden.

Das muss man differenziert betrachten. Auf der einen Seite ist das unkonventionelle politische Engagement stärker geworden, auf Protest ausgerichtete Formen und spontane Aktionen nehmen deutlich zu. Auf der anderen Seite ist das Interesse von jungen Leuten an einer Parteimitgliedschaft geringer als in anderen Altersgruppen. Ihre Wahlbeteiligung ist zwar stabil, aber die Erstwählerinnen und Erstwähler nehmen nur in erstaunlich geringem Maß ihr Wahlrecht wahr. Außerdem sind die Arbeitsverhältnisse der Jungen zunehmend prekär. Wer mit seiner Daseinsvorsorge ausgelastet ist, hat keine Zeit, politisch aktiv zu werden. Und diesen sozialen Spaltpilz gibt es natürlich auch in der Gruppe der Alten selbst.

Emanuel Richter.

Vermutlich klingt deshalb in meinen Ohren der Titel Ihres Buches „Seniorendemokratie“ so bedrohlich. Ich stelle mir eine Gesellschaft vor, in der gutsituierte Alte dominieren, die sich mit viel Zeit und Selbstbewusstsein vornehmlich für ihre eigenen Belange engagieren. Menschen, die dann zum Beispiel in der Nachbarschaft einen Spielplatz verhindern.

Zur Person

Emanuel Richter ist Politikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Vergleichende System-forschung und Demokratietheorie. Er lehrte bis zum Sommer 2020 als Professor an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. In seinem Buch „Senioren-demokratie“ erörtert er die Chancen für eine erweiterte politische Partizipation von Senior:innen, die allen Generationen zugute kommt. FR

Ich teile Ihre Befürchtungen. „Wutbürger“ ist die Metapher für eine Gruppe von Menschen, die wohlsituiert und gut gebildet sind, sehr selbstsicher auftreten und zum Wohl einer Betroffenengruppe oder ihrer Altersgruppe handeln. Das ist ein empirisches Phänomen. Gottseidank gibt es aber auch das Gegenteil: Reflektierte Bildungsbürgerinnen und -bürger, die das durchschaut haben und sich für das Gemeinwohl engagieren, wie die „Parents for Future“ und die „Grandparents for Future“. Solche Gruppen finden Sie überall. In Spanien etwa demonstriert eine Protestgruppe, die sich „Yayoflautas“ nennt, Opa-Flöten, für Arbeitslose, die selbst nicht auf die Straße gehen können. Das sind doch ermutigende Beispiele.

Eine solche solidarische „Seniorendemokratie“ ist aber vorerst eine schöne Vision, oder?

Ja, in diesem Sinne ist mein Buch ein Appell an die privilegierten Seniorinnen und Senioren: Führt euch die Probleme der Generationengerechtigkeit vor Augen, schaut über den Tellerrand eurer eigenen altersspezifizischen Interessen und engagiert euch zum Wohl einer Gesamtheit. Mit der Alterung der Gesellschaft können es immer mehr werden, die so handeln.

Wahlbeteiligung

Welche Voraussetzungen braucht es für eine solche Entwicklung?

Die Altersgruppe der Seniorinnen und Senioren ist zwar zahlenmäßig stark, tritt aber im politischen Raum nicht entsprechend ihrer Stärke in Erscheinung. Dabei gibt es auf der lokalen Ebene schon jetzt ein sehr großes Angebot, sich zu engagieren – etwa in Bürgerräten oder Seniorenbüros. Die finden Sie in jeder Stadt. Allerdings geht es da vielfach um wohlfahrtsstaatliche Selbsthilfe: Krankheitsvorsorge, Freizeitgestaltung, seniorengerechte Infrastruktur etc. Mir ist aber vor allem die politische Partizipation wichtig, die über Lösungen für altersspezifische Probleme hinausgeht. Und am politischen Leben müssen auch die Seniorinnen und Senioren teilhaben können, die nicht so gut gestellt sind. Menschen, die früher prekär beschäftigt waren und im Alter dazuverdienen müssen, Menschen, die an der Tafel für Essen anstehen. Der erste entscheidende Schritt hin zu einer Seniorendemokratie müsste deshalb eine entschlossene Gleichheitspolitik sein, die diese soziale Schieflage beseitigt.

Ja, und in dieser Gruppe ganz besonders die Frauen mit Migrationshintergrund und geflüchtete Frauen. Sie sind besonders armutsgefährdet. Es gibt eine Reihe von strukturellen Problemen. Menschen mit Migrationshintergrund nehmen weniger am politischen Leben teil. Nur spezifische Projekte können sie aktivieren. Es gibt sie und sie sind teilweise sehr erfolgreich, locken die Menschen aus ihrer sozialen Isolation.

Dann verbinden sich im besten Fall der Gewinn für die Demokratie mit dem Gewinn für die Einzelnen – was Sie zu dem plakativen Slogan verführt hat: „Demokratie statt Demenz“ .

Wer in seiner Privatheit versinkt und sich isoliert, hat eher gesundheitliche Probleme. Das ist ein medizinischer Allgemeinplatz. Dagegen stärken soziale Kontakte und ein aktives Leben die Gesundheit. Das darf man dann auch auf diese überspitzte Formel bringen.

Alterspyramide

Wie werden sich nach Ihrer Einschätzung die Generationenkonflikte entwickeln, die sich am Klimawandel oder auch am Brexit entzünden? Da steht der Vorwurf im Raum, dass die Älteren mit ihrer Art zu konsumieren und zu wirtschaften den Planeten zerstören. Junge Brit:innen sehen sich um eine Zukunft in Europa betrogen. Wird die Überalterung der Gesellschaft diese Spannungen verstärken?

Das hängt sehr stark davon ab, wie sich die Jungen verhalten. In der Klimafrage setzen sie derzeit alle Generationen unter Druck: Was habt ihr gemacht, um die Nachhaltigkeit zu sichern? Das wird in der Öffentlichkeit scharf und kontrovers diskutiert. Ich finde das gut, denn es verlangt, dass wir uns über unser generationenspezifisches Rollenverständnis klar werden. In den 90er Jahren sprach man von einem „Krieg der Generationen“.

Ist diese Formulierung nicht überzogen? Werden da nicht mit falschen Verallgemeinerungen die Generationen aufeinander gehetzt?

Emanuel Richer: Seniorendemokratie

In den USA hatte man damals das Gefühl: Die Alten regieren die Welt. Das bedeutete das Wort von der „Tyranny of America’s Old“. Und schauen Sie heute auf den US-Präsidentschaftswahlkampf und die Dominanz der Über-Siebzigjährigen! Das Problem des Ungleichgewichts der Altersgruppen in den politischen Ämtern muss man jedenfalls sehr ernst nehmen. Aber zurück zur Klimafrage: Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist ein wesentliches Element des Generationenvertrags. Und das haben auch viele Ältere verstanden. Letztlich geht es in allen Generationenkonflikten darum, Jung und Alt miteinander ins Gespräch zu bringen, ein Bewusstsein für die Lage der jeweils Anderen zu schaffen, die Probleme wahrzunehmen, um sie dann zu bearbeiten.

Wie ordnen Sie vor diesem Hintergrund die Corona-Krise ein? Ist das überhaupt ein Generationenkonflikt: junges Partyvolk versus Risikogruppe?

Das ist unterkomplex. Denn nicht alle Alten gehören zur Risikogruppe. Wenn wir darüber reden, wer wie stark betroffen ist, sollten wir also nicht nur über Altersgruppen reden, wir müssen viel stärker auf die sozialen Gruppen schauen: Die Überlebenschance eines gutsituierten Seniors ist jedenfalls sehr viel höher als die eines prekär lebenden Seniors. Auch da zeigt sich wieder der Spaltpilz, auch da stellt sich wieder die soziale Frage.

Interview: Karin Dalka

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