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Apartheid

Roma in Rumänien: Eine junge Frau im Kampf gegen das Elend

  • vonSascha Montag
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Seit Jahrhunderten werden Roma in Europa ausgegrenzt. Als Jenny Rasche 2003 durch Rumänien reist, sieht sie, wohin das führt – und beschließt, die Mauern der Apartheid einzureißen.

  • Roma-Slums in Rumänien werden systematisch ausgegrenzt.
  • Jenny Rasche sorgt mit ihrem Hilfsverein für einen Wandel in den Siedlungen der Roma.
  • Um erfolgreich gegen die Apartheid anzukämpfen, darf sie sich nicht einschüchtern lassen.

Ein verbeulter schwarzer Kleinbus hält am Rand der Ortschaft Altâna in Siebenbürgen in Rumänien. Eine junge Frau öffnet die Tür. Die Haare rot gefärbt, die Arme tätowiert, ein Piercing in der Unterlippe: Wer Jenny Rasche, 37, so sieht, könnte meinen, sie hätte sich auf dem Weg zu einem Rockfestival verfahren. Im nächsten Moment fällt ihr eine Frau in den Arm und ruft laut „Maaaama!“. „Hey Lilly!“, sagt Rasche.

Wenig später spazieren sie durch eine ärmliche Siedlung an einem steilen Hang. Immer wieder treten Menschen an sie heran, erzählen von ihren Sorgen. Schließlich gelangen die beiden zu einem Haus ohne Tür. Dort leben vier minderjährige Waisen, die Rasche jetzt mit großen, leeren Augen ansehen. Der Vater ist lange fort, die Mutter kürzlich verstorben. Nachbarinnen und Nachbarn bringen ihnen etwas zu essen. „Ein Notfall“, sagt Rasche. „Aber das Jugendamt rührt sich nicht.“ Sie verspricht, Hilfe zu organisieren. Auf dem Weg zurück sagt sie zu ihrer Begleiterin: „Als ich das erste Mal hier war, wolltet ihr mich fortjagen, weißt du noch?“ „Ja“, antwortet die. „Wir wussten nicht, ob wir dir vertrauen können.“

Schritt für Schritt: In der Roma-Siedlung am Rande von Altâna hat sich einiges getan. Doch Jahrhunderte der Ausgrenzung haben die Roma gelehrt, Fremden zu misstrauen.

Dörfer in Rumänien unterliegen einer Apartheid, Roma werden symstematisch ausgeschlossen

In der Siedlung, die Rasche heute besucht, leben ausschließlich Roma. „Cyganien“ – „Zigeunersiedlungen“ nennt man diese kleinen Ansammlungen von Hütten und Verschlägen. Es gibt kein fließend Wasser, keine Kanalisation, keine Heizung, selten Strom. Die Menschen leben von einer mageren Sozialhilfe oder Almosen. Wer kann, arbeitet als Tagelöhner:in. Manche suchen ihr Glück als Erntehelfer:innen oder Bettler:in im EU-Ausland. Doch die Armut bleibt.

Und sie bleibt unsichtbar: Zwar findet man die Siedlungen überall in Rumänien. Aber kaum jemand hat sie je mit eigenen Augen gesehen. Außerhalb der Dörfer errichtet, sind sie wie ein Apartheids-System, das Roma systematisch ausgrenzt. Weil ihre Hütten ohne Baugenehmigung gebaut wurden, könnten sie theoretisch wieder abgerissen werden. Ihre Bewohnerinnen und Bewohner werden gewissermaßen nur geduldet. Kaum ein Kind, das hier groß wird, geht zur Schule. So wird das Elend an die nächste Generation vererbt.

Fordert und fördert: Jenny Rasche.

Ausgrenzung der Roma: Frauen in Rumänien haben gelernt, Fremden zu misstrauen

Als Jenny Rasche die Siedlung am Rand von Altâna 2012 erstmals betrat, wollten Lilly Petter und die anderen Frauen sie verjagen. Jahrhunderte der Ausgrenzung haben die Roma gelehrt, Fremden zu misstrauen. Wer Roma helfen will, gerät oft zunächst mit ihnen aneinander. Und Rasche? Hat sich erstmal eine Zigarette angezündet. „Und gewartet, bis die Damen fertig gekeift hatten.“

Dann kamen sie miteinander ins Gespräch: Die Roma von Altâna und die Frau aus Deutschland, die gekommen war, um ihr Leben zu verändern. Die Menschen erzählten ihr vom Regen, der in ihre Hütten tropft. Von der Kälte, die im Winter in ihre Häuser kriecht. Sie erzählten von Krankheiten und Hunger, unter denen vor allem ihre Kinder leiden. Rasche hörte zu.

Heute, acht Jahre später, ist der Wandel in der Siedlung von Altâna sichtbar. Zwischen brüchigen Hütten stehen stabile kleine Häuser aus Stein. Gerade errichten Zimmermänner einen weiteren Dachstuhl. Für den Nachmittag wird Nachschub erwartet: Ziegel und Mörtel für das neue Zuhause einer achtköpfigen Familie.

Roma-Siedlung in Rumänien: Vom Slum zum Wohnviertel

Der Umbau der Siedlung in Rumänien wird von Rasches Hilfsorganisation „Kinderhilfe für Siebenbürgen e.V.“ finanziert. Der Verein zahlt das Material, den Transport, einen Bauleiter und einen Maurer. Hilfsarbeiten müssen die Menschen selbst übernehmen. „Wer für sein Haus geschuftet hat, der wird es in Zukunft pflegen“, sagt Rasche.

Sie sollen es einmal besser haben: Bis aus dem Slum von Altâna ein richtiges Wohnviertel wird, ist noch viel zu tun.

Bis aus dem Slum von Altâna ein richtiges Wohnviertel wird, ist es noch ein weiter Weg. Es fehlen Wasserleitungen, die Rasche bei der Kommune beantragen wird. Und es fehlen Baugenehmigungen. „Die holen wir uns später“, sagt Rasche und schmunzelt. Wer den Teufelskreis von Ausgrenzung und Armut durchbrechen will, kann nicht immer Rücksicht auf jene Bürokratie nehmen, die ihn möglich gemacht hat. Jenny Rasche formuliert das so: „Diese Menschen brauchen ein Zuhause. Alles andere kann jetzt mal warten.“

In Europa leben zwölf Millionen Roma, knapp zwei Millionen von ihnen in Rumänien. Laut einer Studie der „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte“ sind Roma überall in Europa systematisch benachteiligt. Sie sind stärker von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen, haben größere gesundheitliche Probleme und verfügen über ein deutlich niedrigeres Bildungsniveau als der Durchschnitt der jeweiligen Bevölkerung. Daher ziehen viele Roma sich in familiäre Strukturen zurück.

Roma in Rumänien: Wer gegen die Apartheid kämpft, darf sich nicht einschüchtern lassen

Jenny Rasche engagiert sich seit 2003 für Roma in Siebenbürgen, 2005 gründet sie ihre Hilfsorganisation. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann Philipp, sechs eigenen Kindern sowie zwei Pflegekindern in Rumänien. 17 Jahre, in denen sie unzählige Kämpfe ausgefochten hat: gegen unwillige Behörden, feindselige Nachbarn – und gegen die Roma selbst. Denn Rasches Eingriffe in ihr Leben können tradierte, zumeist patriarchale Machtstrukturen in Frage stellen. Rasche sieht es gelassen. Wenn sie etwas gelernt hat in 17 Jahren Sozialarbeit in Rumänien: Wer die Mauern der Apartheid einreißen will, darf sich von niemandem einschüchtern lassen. Aber warum sucht sich eine junge Frau aus Deutschland diese Aufgabe?

Rasche, Jahrgang 1983, wächst in Stapelburg in Sachsen-Anhalt auf. Auf eine glückliche Kindheit folgt eine schwierige Jugend. Sie will nicht so sein wie die anderen – und wird ausgegrenzt. „Ich war eine Außenseiterin“, sagt sie heute. Sie macht eine Ausbildung zur Landwirtin, ist aber unzufrieden mit der Arbeit auf dem Bauernhof. Ihren Wunsch, Sozialpädagogik zu studieren, muss sie aufgeben, als ihr erster Sohn zur Welt kommt. Vielleicht liegt es daran, dass sie selbst eine Ausgegrenzte war: Jenny Rasche beschließt, sich für Menschen, die Hilfe brauchen, einsetzen zu wollen.

Jenny Rasche in Rumänien: Mit 20 Jahren packt sie bei Hilfsprojekten für Roma mit an

2003, da ist sie 20 Jahre alt, reist sie zum ersten Mal mit ihrem Mann Philipp und ihren damals zwei Kindern nach Siebenbürgen. Sie lernen Hilfsprojekte für Roma kennen, packen mit an. Und sie verlieben sich in Rumänien. „Wo nicht alles nach strengen Regeln läuft, wie in Deutschland“, sagt Rasche. In den Jahren, die dann folgen, zieht es sie immer wieder dorthin. Bald begreifen sie, warum die Hilfe für Roma so oft erfolglos bleibt: „Viele Hilfsorganisationen helfen nur punktuell“, sagt Rasche. Sie verfolgt von Anfang an einen anderen Ansatz: Ihr Ziel ist es, einzelne Roma-Slums langfristig aus der Armut zu holen.

Altâna in Rumänien.

Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel des Slums von Sura Mare. 2005 entdeckt Rasche zufällig eine Roma-Siedlung außerhalb der Ortschaft Sura Mare. Es regnet an jenem Abend, die Siedlung versinkt buchstäblich im Matsch. Das Elend, dem Rasche dort begegnet, macht sie sprachlos. „Das war die absolute Endzeitstimmung.“ Sie beschließt zu helfen, und schon wenige Monate später erreicht die erste Lieferung Lebensmittel und Hygieneartikel ihr Ziel. Als die erste Not gelindert ist, knüpft sie ihre Hilfe an Forderungen: Wer seine Kinder in die Schule schickt, erhält weiterhin Hilfslieferungen.

Roma-Siedlung in Rumänien: Schule für die Kinder, Häuser für die Familien

Der Plan geht auf. Wenig später gehen alle Kinder aus der Siedlung in die Dorfschule von Sura Mare. Dort steht man schnell vor einem Problem: 40 neue Schülerinnen und Schüler, die meisten davon Analphabeten – darauf ist das Lehrpersonal nicht vorbereitet – und protestiert. Also schlägt Jenny Rasche vor, den Förderunterricht für die Kinder pro Kopf zu bezahlen. Ein Angebot, das die schlecht bezahlten Lehrer:innen nicht ausschlagen können. „Plötzlich waren die Lehrer total begeistert davon, dass so viele Kinder von Roma zur Schule kamen“, sagt Rasche und schmunzelt. „Ich glaube, das Gute ist im Menschen angelegt. Aber manchmal muss man ihm ein wenig auf die Sprünge helfen.“

Als die Kinder von Sura Mare zur Schule gingen, begann der Verein mit dem Bau von Häusern. Holzöfen ersetzten die offenen Feuer in den Hütten, Stromleitungen wurden verlegt, Elektroherde installiert. Die Kommune ließ Wasserleitungen bauen, die Familien erhielten aus Spenden finanzierte Waschmaschinen. „Ohne ein Zuhause und ein sauberes Hemd bekommt man keine Arbeit“, sagt Rasche.

Roma in Rumänien: Kinderhilfe durch regelmäßige Spenden möglich

Ihr nächster Schritt richtete sich an die Frauen. Sie erläuterte ihnen, wie Familienplanung und Verhütung funktionieren – ein Tabubruch für viele traditionell denkende Roma. Es gab Streit, Jenny Rasche ließ nicht locker. „Ich hatte einfach keine Lust mehr, hier lauter schlecht versorgte Kinder rumlaufen zu sehen“, sagt sie. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass die Frauen ihr eigentlich dankbar waren. Die Tradition der vielen Kinder war gebrochen, zumindest in Sura Mare.

Heute ist das, was einst der Slum von Sura Mare war, eine idyllische kleine Siedlung. Auf den Dächern steigt Rauch aus Ofenrohren auf. In den Vorgärten hängt Wäsche zum Trocknen auf Leinen. Viele Jugendliche sind in Ausbildung, viele Erwachsene haben eine einfache Arbeit gefunden. Beides war früher undenkbar. Mit Geduld und Hartnäckigkeit haben Jenny Rasche und ihr Team den Roma von Sura Mare den Weg zur gesellschaftlichen Mitte aufgezeigt. Ein Anfang ist gemacht.

Die Arbeit der Kinderhilfe ist möglich, weil treue Spender:innen Jenny Rasche regelmäßig Geld schicken. Im Gegenzug versorgt sie sie über soziale Medien mit Informationen. Welches Projekt wurde angestoßen, welche Familie hat ein neues Haus bezogen: Der Verein dokumentiert die eigene Arbeit minutiös. Spendensammlungen, Patenschaften und Sponsoringverträge für Unternehmen werden von Rasches Schwester Susanne Knappe in Stapelburg organisiert. Auch Rasches Eltern engagieren sich im Ruhestand ehrenamtlich – und fast in Vollzeit – für den Verein, der monatlich Spendengelder in Höhe von rund 60.000 Euro umsetzt, zwölf Mitarbeiter:innen beschäftigt und rund 800 Menschen in drei Roma-Siedlungen rund um Sibiu unterstützt. Zudem betreibt der Verein zwei Häuser, in denen Kinder aus problematischen Elternhäusern Schutz finden.

Corona-Pandemie in Rumännien: Für Sozialarbeit bei den Roma keine Zeit

Wie verwundbar die Roma sind, zeigte sich in der Corona-Pandemie. Die Frauen und Männer aus den Roma-Siedlungen, die als Tagelöhner:innen arbeiteten, verloren Job und Einkünfte. Die Siedlung am Rande von Altâna wurde unter Quarantäne gestellt. Zehn Wochen waren Rasche und ihr Team fast ausnahmslos damit beschäftigt, rund 800 Menschen in drei Siedlungen mit Lebensmitteln zu versorgen. Für Sozialarbeit, ihre eigentliche Aufgabe, war keine Zeit.

In Sura Mare ist die Arbeit der Kinderhilfe für Siebenbürgen fast abgeschlossen. Seit einer Weile wenden sich Rasche und ihr Team deshalb einer Roma-Siedlung am Rande der Ortschaft Saros zu. Bei einem ihrer ersten Besuche zogen sie mit Stift und Papier von Tür zu Tür und notierten Namen und Alter der Menschen. Nach einer Stunde war die Liste vollständig: 88 Hütten, rund 400 Bewohner:innen. „Jetzt wissen wir mehr als der Bürgermeister“, sagt Jenny Rasche. Das Elend vermessen. Den Menschen zuhören. Damit fängt es an. (Brüggemann und Montag)

Rubriklistenbild: © Sascha Montag/Zeitenspiegel

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