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Wohlfühl-Tapete: Die bepflanzte Wand verbessert das Raumklima.

Cradle to Cradle

DDR-Plattenbau in Berlin wurde nachhaltig saniert: Die Öko-Platte

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In Berlin ist ein Wohnblock aus den Achtzigerjahren höchst innovativ saniert worden. Alle verbauten Teile und Stoffe lassen sich wieder verwerten oder zumindest recyceln. Dennoch begegnet mancher Handwerker diesem Prinzip mit Skepsis.

Ein DDR-Plattenbau wie viele, eintönig, hässlich. Mitten in Berlin, Landsberger Allee, verkehrsumtost, am Rand des Szene-Bezirks Prenzlauer Berg gelegen. Und das soll die ökologische Zukunft des Bauens sein? Von außen zeigt nur die frische Farbe an der Fassade des Erdgeschosses, dass sich hier etwas Besonderes tut. Innen drin jedoch, in den Räumen einer früheren Apotheke, hat sich die Avantgarde des nachhaltigen Sanierens von Altbauten ausgetobt: Vom Teppichboden über die Putze, Farben und Fenster bis zur Beleuchtung ist alles 100 Prozent öko, schadstofffrei und komplett wiederverwertbar. Praktisch nur der Beton, aus dem die vorgefertigten Platten-Wände des 1986 hochgezogenen Gebäudes bestehen, ist noch original. „Wir wollten beweisen, dass man selbst solche Häuser im Bestand zu absolut gesunden und umweltfreundlichen Gebäuden umgestalten kann“, sagt Tim Janßen, Co-Geschäftsführer des gemeinnützigen „Cradle to Cradle“-Vereins, der die Sanierung zur „Öko-Platte“ geplant und durchgeführt hat.

Der Umbau ist gerade erst fertig geworden, die letzten Türen kamen vor ein paar Tagen, die Farben sind fast noch feucht. „Riechen Sie mal“, fordert Janßen den Besucher auf. Aber: Man riecht nichts. Und das ist genau der Sinn der Sache. Wo sonst nach einer Renovierung die Innenraumluft wochenlang nach Chemie stinkt, weil Farben, Teppichböden, Montageschäume oder die neuen Möbel giftige oder erbgutverändernde Substanzen ausgasen, gibt es das hier nicht.

Teppiche können Feinstaub aus der Luft filtern

„Die Luft hier drin ist sogar besser als die in der Umgebung“, behauptet Janßen. Und erläutert: Die verwendeten Teppichböden sind so gewebt, dass sie Feinstäube, die vor allem an verkehrsbelasteten Straßen in hohen Konzentrationen zu finden sind, aus der Luft ausfiltern können – und beim Staubsaugen werden diese dann entsorgt. Als „Luftverbesserer“ dienen auch die bepflanzten Wände, die im größten Raum des sanierten Plattenbau-Geschosses installiert sind. Sie nehmen ebenfalls Staub aus der Luft auf, und sie liefern frischen Sauerstoff. Doch das ist nur ein Teil des Nachhaltigkeits-Konzepts, das hier als Pilotprojekt umgesetzt wird. Das Projekt firmiert als „C2C LAB“. C2C steht für „Cradle to Cradle“ (zu deutsch: von der Wiege zur Wiege).

Dabei handelt es sich um eine innovative Denk- und Designschule, die die Art, wie Produkte in den Industriegesellschaften hergestellt und genutzt werden, revolutionieren will. Das Ziel des Cradle to Cradle e.V. ist eine optimierte, weil praktisch völlig abfallfreie Kreislaufwirtschaft. Die Idee dahinter: Die für Produkte – egal, ob nun Baustein, Waschmaschine oder T-Shirt – eingesetzten Materialien werden so hergestellt, dass sie nach der Nutzungsphase entweder vollständig in den biologischen oder den technischen Kreislauf zurückkehren können.

Produkte aus Naturstoffen wie Pflanzenfasern oder Holz werden nach dem C2C-Konzept absolut schadstofffrei designed, so dass sie später biologisch abbaubar sind und kompostiert quasi zu „Nährstoffen“ für neue Pflanzen werden können. Für andere, technische Materialien ist das Ziel, dass sie ohne Qualitätsverlust immer wieder recycelt werden können. Sie werden nach der Nutzung in sortenreine Ausgangsstoffe zerlegt und wieder dem Kreislauf zugeführt. Das bisher übliche „Downcycling“ von Produkten, bei dem die Qualität ständig abnimmt, wird vermieden. Die Folge: Es gibt keinen Müll mehr. Abfallverbrennungsanlagen haben ausgedient, Müllhalden sind Geschichte, Bauschutt-Deponien ebenfalls.

Cradle-to-Cradle-Idee: von der Wiege zur Wiege

Die Cradle-to-Cradle-Idee, in den 1990er Jahren von dem deutschen Chemieprofessor und Verfahrenstechniker Michael Braungart sowie dem US-Architekten William McDonough entwickelt, hat besonders im letzten Jahrzehnt Fahrt aufgenommen. Produkte mit dem C2C-Siegel gibt es inzwischen Hunderte – von der kompostierbaren Jeans über das voll abbaubare Waschmittel bis zum komplett recyclebaren Bürostuhl. Große Unternehmen wie die Bekleidungskette C&A und demnächst der Discounter Lidl bieten in Testläufen C2C-Waren an. Als Vorzeigeprojekt im Baubereich gilt das nach den Öko-Kriterien gebaute Rathaus der niederländischen Großstadt Venlo, das 2016 eröffnet wurde und Platz für 900 Mitarbeiter bietet.

Doch das Berliner Projekt ist das erste, in dem in einem Altbau so konsequent saniert wurde. Warum das ein entscheidender Schritt sein könnte? „Weil rund die Hälfte der Abfallmengen in Deutschland aus dem Bausektor kommen“, erläutert die Co-Geschäftsführerin des Berliner Cradle to Cradle-Vereins, Nora Sopie Griefahn. Häuser, die nach C2C gebaut oder modernisiert werden, wären künftig kein Müll mehr, sondern quasi „Materialbanken“, aus denen spätere Generationen sich wieder bedienen können. So zumindest die Vision.

Beim Venloer Rathaus ist der Wiedernutzungs-Gedanke so weit getrieben worden, dass sogar die Wände dereinst ohne Zerstörung zu demontieren sind. Sie bestehen zum Teil aus neuartigen Bausteinen, die sich wie Lego-Steine ohne Mörtel zusammenfügen und auch wieder trennen lassen („Click-Brick“). „Bei der Sanierung von Altbauten kann man so etwas natürlich nicht nachrüsten“, sagt Griefahn, „der Kern der Wände – aus DDR-Beton – ist geblieben, wie er war.“ Doch praktisch alles andere wurde mit Bauteilen und -materialien modernisiert, die nach C2C-Standard zertifiziert sind oder ihm nahekommen. Und diese wurden so verarbeitet, dass sie nach der üblichen Lebensdauer leicht demontiert und zur Wiederverwertung gebracht werden können.

Ein Traum ohne Schaum: Türen und Fenster sind mit Schrauben fixiert, der Boden lässt sich wieder rausnehmen, Leitungen liegen auf der Wand.

Beispiele aus dem C2C LAB, das dem Verein mit seinem 18-köpfigen Team nun als neue Geschäftsstelle, Bildungszentrum, Veranstaltungsort und „Reallabor“ dient: Parkett, Teppichboden-Fliesen und Kunststoff-Böden wurden schwimmend verlegt, damit man sie leicht wieder herausnehmen kann. Die Teppichböden nimmt der Hersteller, Desso aus den Niederlanden, bei Bedarf nach fünf Jahren zurück, bereitet sie auf und liefert Neuware aus Recyclingmaterial. Die Aluminium-Fenster wiederum wurden eingeschraubt und nicht mit Polyurethan-Schaum eingeschäumt, wie sonst heute üblich. Sogar die Fliesen in den Toiletten sind mit einem Lehmkleber angebracht, so dass sie wieder ablösbar sind, ohne die Platten zu zerstören. Die Stromkabel liegen auf Putz in Metallhüllen, damit man sie bei einer Demontage leicht entfernen kann und nicht mühsam aus den Wänden herausreißen muss. Hinzu kommt: Digitale Materialpässe, die im Internet auf einer speziellen Plattform („Digital Material Scout“) gespeichert sind, stellen sicher, dass auch in Jahrzehnten bei einem Umbau oder Abriss noch aktenkundig ist, was wo verbaut worden ist. „Das ist eine wichtige Voraussetzung, um zu einem echten Kreislauf zu kommen“, erläutert Griefahn.

Die rund 40 Pionier-Unternehmen, die die C2C-Produkte herstellen, darunter renommierte Unternehmen wie die Fenster- und Fassadenfirma Schüco oder der Bodenhersteller Tarkett, haben das neue Zentrum kostenlos ausgestattet. Und auch die auf nachhaltiges Bauen spezialisierten Planer und Architekten arbeiteten für das Projekt kostenlos. „Es ist für sie alle eine Chance, die Cradle-to-Cradle-Idee bekannter zu machen“, sagt Tim Janßen. Trotzdem hat der Verein für Sanierung und Umbau der 400 Quadratmeter großen Plattenbau-Fläche noch rund 100 000 Euro für die Arbeit aufwenden und die Planer einiges an Nerven investieren müssen. Denn so manche der angesprochenen Handwerker waren nicht bereit, sich auf die Vorgaben der C2C-Planung einzulassen.

Von der heute im Bauwesen üblichen „Schaum-Kultur“ abzulassen, sei für viele ein Hinderungsgrund gewesen, bei dem Projekt mitzumachen, wird berichtet. Das Problem: Bauschaum und Acrylmasse zu nutzen, um Fenster, Türen und andere Bauteile zu fixieren und abzudichten, ist zwar bequem und geht schnell, verhindert aber später eine sortenreine Demontage. „Zum Glück haben wir aber doch genügend Handwerker gefunden, die unsere Vorgaben umsetzen wollten“, berichtet Griefahn. Einen Altbau zu ökologisieren, sei zwar aufwändiger als einen Neubau gleich so zu konzipieren, aber durchaus machbar – so ihr Fazit.

Bauen oder sanieren nach dem Cradle-to-Cradle-Konzept

Trotzdem ist das Bauen oder Sanieren nach Cradle to Cradle-Konzept noch längst kein Selbstläufer. Bei den beiden Veranstaltungen, die zur Eröffnung des LAB ausgerichtet wurden, gab es zwar allseits Lob. Die Berliner Umweltsenatorin Regine Günther etwa sprach von einer „beispielhaften Bestandssanierung“ und einem „Leuchtturm, der weit über Berlin hinausstrahlen wird“. Und der Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Florian Pronold, lobte ganz grundsätzlich den Kreislaufgedanken, der hier in perfekter Weise umgesetzt werde: „Es ist zwingend nötig, dass man sich schon beim Design überlegt, was mit dem Produkt geschieht, nachdem es Abfall geworden ist.“ Die Berliner Bausenatorin Katrin Lompscher allerdings machte klar, dass es noch viel Detailarbeit braucht, bis der „Von der Wiege zur Wiege“-Gedanke im Bauwesen zum Standard werden kann. Es müsse einfacher werden, Bestandssanierungen nach Cradle to Cradle-Prinzipen durchzuführen“, sagte sie. Heißt konkret: „Die technischen Bauvorschriften müssen angepasst werden.“

Ein weiteres Problem: Die Kostenfrage ist noch nicht gelöst. So verwies Christoph Deimel von der Berliner Architektenkammer jüngst mit Blick auf das Nachhaltigkeits-LAB auf das Problem, dass bisher bei den meisten Bauprojekten die Abriss- und Deponiekosten in den Kostenbetrachtungen ausgeklammert würden. Daher seien nachhaltige Lösungen wie die von Cradle to Cradle noch nicht wettbewerbsfähig. Das müsse sich ändern. Und gerade deswegen brauche es solche „Leuchtturmprojekte“ wie in Berlin, die zeigten, dass das neue Bauen funktioniert.

Übrigens wird man demnächst auch von außen besser sehen können, dass die „Öko-Platte“ im Berliner Zentrum etwas besonders ist. Das Erdgeschoss solle eine „Show-Fassade“ bekommen, die mit wechselnden Bauelementen bestückt wird. Zum Beispiel besonders wärmedämmend aus Holz, mit Pflanzen begrünt zur Luftreinigung, feuerverzinkt, um besondere Haltbarkeit zu ermöglichen. Oder, ganz innovativ, ausgestaltet als Reinigungsanlage für das „graue Abwasser“ aus dem Haus, das dann für Toilettenspülung oder Bewässerung genutzt werden kann.

Preis für Braungart

Der Chemiker Michael Braungart ist mit dem ältesten deutschen Umweltschutzpreis, der „Goldene Blume von Rheydt“ ausgezeichnet worden. Er erhielt die Auszeichnung für seinen Einsatz im Bereich Ökologie und Nachhaltigkeit, und hier besonders für das von ihm mitentwickelte „Cradle to Cradle“-Prinzip für ein nachhaltiges Produktdesign. Dessen Ziel ist es, alle Materialien als Nährstoffe in geschlossenen Kreisläufen zu halten.

Michael Braungart.

Braungart ist Professor für Cradle to Cradle-Design, Ökodesign und Ökoeffektivität an der Leuphana Universität in Lüneburg. Von 2009 bis 2017 hatte er an der Erasmus Universität in Rotterdam den Lehrstuhl für Cradle to Cradle inne. Der Chemiker startete seine Karriere in den 1980er Jahren bei der Umweltorganisation Greenpeace, später gründete er das Hamburger Umweltinstituts und das EPEA-Institut. Er wurde unter anderem mit dem „Hero of the Planet-Award“ des Time-Magazine ausgezeichnet.

Der Stadt Mönchengladbach, zu der Rheydt gehört, bot Braungart in seiner Dankesrede zur Preisverleihung an, in den nächsten zwölf Monaten ehrenamtlich zur Verfügung zu stehen, um sie auf dem Weg zur „Cradle-to-Cradle“-Großstadt zu begleiten. Der geplante Rathaus-Neubau in Mönchengladbach soll nach diesem Prinzip errichtet werden. Die Stadt ist zudem im grenzüberschreitenden „Healthy Building Network“ (HBN) aktiv. Das Innovationsnetzwerk ist eine Wissensplattform, die auf gesundes Bauen spezialisiert ist und mit einer Kreislaufwirtschaft eine effiziente Nutzung von Rohstoffen möglich machen soll.

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