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Rosa kostet: Für Kosmetikprodukte oder Dienstleistungen wie Friseur und Reinigung müssen Frauen in der Regel mehr zahlen als Männer. Dieses Gender Pricing will die Antidiskriminierungsstelle des Bundes abschaffen.

Gender Pricing

Die Dauerwelle geht, doch ihr Preis bleibt

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Bei Dienstleistungen wie Friseur und Reinigung sind die Unterschiede besonders eklatant ? doch auch anderswo müssen Frauen häufig tiefer in die Tasche greifen, wie eine aktuelle Studie belegt.

Die beiden Packungen sehen fast gleich aus, wäre da nicht die Farbe. Und die Ansprache: Die eine Schachtel pink mit der Aufschrift „For Women“, auf der anderen, türkisfarbenen steht „For Men“. Der Inhalt unterscheidet sich nicht: Vier Rasierklingen befinden sich in der Verpackung, die man bei Aldi kaufen kann. Aber beim Preis gibt es einen eklatanten Unterschied: Die für Frauen vorgesehenen Klingen kosten 4,49 Euro, die für Männer 3,89 Euro. 

Die gute Nachricht: Solche Beispiele gibt es relativ selten. Die neue Studie „Preisdifferenzierung nach Geschlecht“ der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat von 1682 ermittelten Produkten 62 Fälle gefunden, die gezielt Männer oder Frauen ansprechen und weitgehend identische Eigenschaften besitzen – und für die jeweils ein anderer Preis aufgerufen wird.

Für Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, ist das ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das eine Benachteiligung aus Gründen des Geschlechts verbietet. „So ein Preisunterschied lässt sich nicht rechtfertigen“, sagte sie. Erfreulicherweise sei das aber im Produktbereich nur selten der Fall und kein Flächenphänomen. In 96 Prozent der Fälle wurden die Produktvarianten für Männer und Frauen demnach zum gleichen Preis angeboten.

Friseure verweisen auf höheren Arbeitsaufwand bei Frauen

Ganz anderes sieht es aber im Bereich Dienstleistungen aus. Die Autoren der Studie des IF! Instituts für sozioökonomische Forschung der 2HM & Associates GmbH kommen zu dem Schluss, dass bei den 381 ermittelten Dienstleistungen knapp sechs von zehn (59 Prozent) der untersuchten Angebote unterschiedliche Preise für Frauen und Männer aufrufen. Vor allem die Bereiche Frisier- und Reinigungsgewerbe sind von der Preisdifferenz betroffen: Bei einem Kurzhaarschnitt zahlen Frauen im Durchschnitt 12,50 Euro mehr.

89 Prozent der untersuchten Friseure bieten Standardkurzhaarfrisuren mit unterschiedlichen Preisen je nach Geschlecht an. Dies komme aus einer alten Tradition heraus, wo Frauen aufwendigere Dauerwellen wollten und alle Männer im Grunde eine Einheitsfrisur trugen. „Diese Zeiten sind längst vorbei“, sagte Christine Lüders weiter.

Die Argumentation der Betriebe, dass bei Frauen ein höherer Arbeitsaufwand bestünde, könne zwar in der Tendenz teilweise bestätigt werden, schreiben die Autorinnen Iris an der Heide und Maria Wersig. In der Regel planen die Friseurbetriebe 45 Minuten für Frauen und 30 Minuten für Männer ein. Diese Pauschalität müsse aber hinterfragt werden, weil zum Beispiel eine Frau, die einen Männerschnitt mit wenig Aufwand wünscht, keine Option hat. „Wenn eine Person allein wegen ihres Geschlechts mehr zahlen muss, dann verstößt das im Grundsatz gegen das Diskriminierungsverbot“, erklärte Lüders. 

Regelmäßiges Monitoring nötig

Ähnlich sieht es bei der Reinigung aus. Hier zahlen Frauen durchschnittlich 1,80 Euro mehr für ihre Bluse als Männer, die ihr Oberhemd reinigen lassen möchten. Das Argument: Blusen werden stets von Hand gebügelt, wohingegen Hemden meist automatisiert gebügelt werden können. Für die Autorinnen ist das nicht nachzuvollziehen: Sie recherchierten und kamen zu dem Ergebnis, dass auch Blusen automatisiert gebügelt werden könnten. Auch kritisieren sie die Pauschalität, mit der der Preis unabhängig von Größe und Ausgestaltung der Blusen oder eben der Hemden festgesetzt wird.

Es sind übrigens nicht immer nur die Frauen, die mehr zahlen müssen. Männer müssen zum Beispiel in Sportvereinen, Datingportalen oder Diskotheken tiefer in die Tasche greifen – oder aber beim Waxing oder auch für Inkontinenzhilfen. „Unzulässig sind Gründe, die allein auf das Geschlecht Bezug nehmen, sich Stereotypen bedienen oder die Preisbereitschaft von Frauen oder Männern ausschöpfen“, sagte auch Autorin Maria Wersig. Man könne den Preis am Aufwand bemessen, aber nicht allein am Geschlecht.

Christine Lüders empfiehlt die Branchenverbänden zu Selbstverpflichtungen und verweist auf Österreich: „Dort hat die Frieseurinnung gemeinsam mit der Gleichbehandlungsanwaltschaft ein Muster zu geschlechtsneutralen Preislisten erarbeitet – ein gutes Beispiel.“ Zahlreiche Betriebe hätte daraufhin ihre Preisgestaltung umgestellt. Jahrzehntelang gab es hier flächendeckende geschlechtsspezifische Unterschiede: Der klassische Herrenhaarschnitt war über viele Jahrzehnte an den staatlich regulierten Brotpreis gebunden.

Zudem fordert Lüders ein regelmäßiges Monitoring mit Hinblick auf geschlechtsspezifische Preisdifferenzierung, das beispielsweise beim Ministerium für Justiz und für Verbraucherschutz angesiedelt sein könnte.

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