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Trauernde in Soma
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Trauernde beten an den Gräbern der bei einer Explosion in der Kohlegrube im türkischen Soma getöteten Bergleute.

Explosion in russischer Kohlegrube

Tragödie in Russland: 51 Tote bei Kohlegruben-Unglück – „Alle haben auf diese Explosion gewartet“

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Bei einer Explosion in einer sibirischen Kohlegrube sterben 51 Menschen. Zum Verhängnis wurde ihnen offenbar die Ignoranz ihrer Vorgesetzten.

Kusbass – Es war ein vergeblicher Wettlauf mit dem Tod. Eine zehnköpfige Brigade musste bis zum Haupttransportschacht zu Fuß mehrere Kilometer durch die Stollen vor Rauch und Gas fliehen. Die Bergleute trugen sogenannte „Selbstretter“, Atemschutzmasken mit einer Sauerstoffreserve für zwei Stunden. Die Rettungskräfte vermuten, die Männer hätten bei einer kurzen Rast versucht, ohne Maske zu atmen, dabei das Bewusstsein verloren und sich mit Kohlendioxid vergiftet.

Am Mittwoch (24.11.2021) sind im Bergwerk „Listwaschnaja“ in der sibirischen Kohleregion Kemerowo 51 Menschen – 46 Kumpel und fünf Retter – ums Leben gekommen. 64 Personen wurden verletzt. Es war die schwerste Grubenkatastrophe in Russland seit elf Jahren, verursacht durch hundertfache Verstöße gegen die Sicherheitsregeln, vor allem durch die anhaltende Ignoranz gegenüber einem überhöhten Gasgehalt unter Tage. „Alle haben auf diese Explosion gewartet“, sagte ein ehemaliger Kumpel der Zeche dem Portal meduza.io.

Russland: Tragisches Unglück in Kohlegrube – 51 Menschen sterben

Die Frühschicht ging gerade zu Ende, als es gegen 9.50 Uhr Ortszeit in einer Lüftungsstrecke in 250 Meter Tiefe knallte. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war dort ein Gemisch aus Gas und Luft explodiert. Einige der Opfer seien von der Druckwell getroffen worden. Aber es wurde auch Kohlenstaub in die Luft gewirbelt und entzündet, noch nicht abtransportierte Kohlehaufen gerieten in Brand, das Ventilationssystem blies dann den giftigen Rauch in andere Stollen und Streben.

Laut RIA Nowosti soll es noch eine zweite Explosion gegeben haben, die mehrere Mitglieder der Rettungsmannschaften tötete. Die Grubenleitung dementiert das. Unter Tage befanden sich insgesamt 285 Menschen, 239 entkamen dem Tod. Als letzter tauchte gestern Morgen ein bereits totgeglaubter Rettungssanitäter lebend auf. Nach Angaben eines Arztes könne er sich selbst nicht daran erinnern, wie er sich gerettet habe.

Bis zum späten Mittwochabend gab es die Hoffnung, 35 vermisste Bergleute seien noch zu retten. Aber der Chef der Rettungsmannschaften, Juri Sche, sagte gestern: „Es ist unmöglich, sich vorzustellen, dass in der Gasatmosphäre, die im Unglücksabschnitt herrscht, jemand überlebt hat.“ Und die meisten der Todesopfer konnten wegen der enormen Gaskonzentration in der Grube bisher noch nicht geborgen werden.

Kohlegruben-Unfall in Russland: Arbeit hätte vor Tage gestoppt werden müssen

Untertage habe es schon lange nach Gas gerochen, schreibt die „Komsomlskaja Prawda“ und zitiert einen anonymen Kumpel: „Dass Gas drin war, wussten alle, natürlich auch die Chefetage.“ Aber die habe die Belegschaft gezwungen einzufahren: „Arbeitet oder kündigt!“. Denis Timochin, der dreieinhalb Jahre dort malochte, sagt, es habe dort praktisch kein Sicherheitssystem gegeben. „Bei einem gemessenen Methangehalt von 1,5 Prozent hätte man alle Arbeiten stoppen müssen, bei zwei Prozent hätten sich die Fördergeräte automatisch abschalten müssen, aber man hat die Regler überbrückt.“ Er habe bei vier Prozent Gas bis zum Schlechtwerden gearbeitet. Die Frau eines toten Bergmanns sagte der BBC, am 15. November habe es schon einen Brand in der Grube gegeben, den die Belegschaft aber selbst löschen konnte.

Polizisten am Kohlebergwerk „Listwjaschnaja“.

Das Bergwerk ist 65 Jahre alt und besitzt eine jährliche Förderkapazität von 5,2 Millionen Tonnen, es gehört dem Kemerower Konzern SDS Ugol. Laut dessen Webseite erfüllt die Grube alle Umweltschutz- und Sicherheitsanforderungen, verwendet modernes Gerät und Gaskontrollsysteme. Aber offenbar arbeiten diese nicht einwandfrei. Nach Angaben der Aufsichtsbehörde Rostechnadsor wurde „Listwjaschnaja“ dieses Jahr 127 Mal überprüft. Dabei habe man 914 Verstöße entdeckt, das Bergwerk neunmal angehalten und Bußgelder von insgesamt umgerechnet 47,000 Euro eingezogen.

Ermittlung wegen fahrlässiger Tötung: Gruben-Management erwartet Strafverfahren

Es wurden zwei Strafverfahren eröffnet, eine gegen das Management der Grube wegen fahrlässiger Tötung, eine andere gegen zwei Inspektoren von Rostechnadsor, die die Grube erst vor einer Woche überprüft hatten.

Direktor Sergei Machrakow gewann noch im August einen regionalen Wettbewerb als bester Zechenchef im Kusbass, wie es auf dem Konzernportal heißt. „Man kann viel über Errungenschaften reden“, erklärte er damals. „Aber ich weiß genau, das Interessanteste liegt noch vor uns.“ Machrakow, sein Vize und der zuständige Abteilungsleiter, wurden noch am Donnerstag festgenommen.

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