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Das wird man ja wohl noch tragen dürfen

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Von: Boris Halva

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Lernt es sich im Jogger wirklich schlechter … imago images
Lernt es sich im Jogger wirklich schlechter … imago images © Imago Images

Warum ein Jogginghosenverbot an Schulen nicht nur gaga ist.

Kleider machen Leute. Dieser Ausspruch, der einer Erzählung des schweizer Dichters Gottfried Keller aus dem 19. Jahrhundert entstammen soll, hat sich im Laufe der letzten 150 Jahre zu einem Grundsatz gesellschaftlichen Lebens entwickelt. Und besagt: Wer sich anständig oder zumindest angemessen kleidet, weiß, was sich gehört.

So weit, so nachvollziehbar. Aber nicht nur mit Blick auf die aktuelle Debatte um das Verbot von Jogginghosen an der Sekundarschule im nordrhein-westfälischen Wermelskirchen wäre hier einzuwenden, dass ein allzu kleinkarierter Blick auf die Menschen und wie sie sich zu kleiden pflegen, nicht nur in der Schule problematisch sein kann. Oder wie war das mit dem Schein und dem Sein? Und was ist eigentlich mit dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, das ja auch und gerade jungen Menschen laut Grundgesetz zusteht?

Die Schulleitung in Wermelskirchen meint es sicher gut, wenn sie das Verbot von Jogginghosen und bauchfreien Oberteilen damit erklärt, dass die Schülerinnen und Schüler auf diese Weise dazu animiert werden sollen, „Kleidung zu tragen, die nicht zum Chillen verleite“. Es gehe darum, so zitiert die „Bild“-Zeitung die Schulleitung, die Jugendlichen „auf ein Leben in der Öffentlichkeit und im Arbeitsleben“ vorzubereiten. Sich angemessen zu kleiden, sei auch ein Zeichen des Respekts, nicht nur gegenüber Lehrkräften.

So ähnlich hat auch die Leiterin der Hermann-Butzer-Schule in Schwieberdingen bei Stuttgart das Verbot der Jogginghose begründet: „Die Schule ist keine Chillout-Zone“, sagte Ilse Riedl im Februar 2021 dem „Focus“, sondern eben der Arbeitsplatz der jungen Leute. Und wer in der Schule nicht lerne, dass die Jogginghose am Arbeitsplatz nicht angebracht ist, gehe damit dann zum Vorstellungsgespräch und sei erstaunt, wenn das mit dem Ausbildungsplatz nichts werde.

Die Deutsche-Knigge-Gesellschaft hat sich auch zu Wort gemeldet: „Schulzeit ist Arbeitszeit“, erklärte eine Sprecherin, „daher hat die Jogginghose dort keinen Platz.“ Zumal sich die Jogginghose im Alltag „nicht zu einer wertvollen Aufgabe zuordnen“ lasse.

Das mit der „wertvollen Aufgabe“ ist natürlich gewagt. Und auch ein bisschen respektlos. Wie sagte die 16-jährige Chiara von der Schule in Wermelskirchen dieser Tage dem „Focus“: „Kleidung hat nichts damit zu tun, wie gut man lernt.“ Recht hat sie, aber: Interessant ist schon, was Kleidung mit Leuten macht.

In der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ findet sich ein Artikel über die Psychologie der Kleidung, der sich mit ihrer Wirkung in beiden Richtungen befasst: Zum einen geht es um die Frage, was Kleidung mit denen macht, die sie tragen. In einem Experiment absolvierten die Testpersonen einen Intelligenztest in drei unterschiedlichen Outfits: in Straßenkleidung, einem Malerkittel und einem Businessanzug. Die besten Ergebnisse erzielten die Testpersonen im Malerkittel, woraus der Leiter der Studie den Schluss zog, dass Kleidung, die mit kreativer Arbeit assoziiert wird, einen offenbar auch kreativer macht. Das könnte man als Argument gegen die Jogginghose anführen, andererseits gibt es Menschen, die besser lernen, wenn sie entspannt sind. Könnten der Lehrkörper und die Schülerschaft mal drüber sprechen, oder?

Zum anderen zitiert der Artikel eine Studie von 1991, in deren Verlauf Lehrkräfte die Intelligenz und die schulische Leistung von Jugendlichen bewerten sollten. Dazu wurden ihnen Fotos vorgelegt von Schüler:innen im Straßen-Look, in einem lockeren, avantgardistischen Outfit, im Anzug und leger mit Jeans. Das Ergebnis: Die Lehrkräfte „schätzten die Leistungsfähigkeit der formell oder kreativ gekleideten Schüler etwas höher ein als deren in Freizeitkleidung – und deutlich höher als die im ‚Hood‘-Look mit zerschlissenen Jeans und nicht geschnürten Schuhen“. Ja, Kleider machen Leute.

Und jetzt? Jogginghose und bauchfreies Top gegen Anzug und Bluse tauschen und die Zukunft ist gerettet? Dann vielleicht doch lieber umsetzen, was der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann 2021 im „Focus“ vorgeschlagen hat: Klare Regeln einführen, die die Schüler:innen im besten Fall mit ausgehandelt haben, die sie nachvollziehen und mittragen können. „Das gibt Sicherheit, weil Gleichberechtigung herrscht.“

... als im feinen Zwirn? Oder glauben wir das bloß, weil Kleider angeblich Leute machen? imago images
... als im feinen Zwirn? Oder glauben wir das bloß, weil Kleider angeblich Leute machen? imago images © Imago Images

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