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Das Plätzchentausch-Schicksal

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Von: Friederike Meier

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Wie eine Idee aus Lockdown-Zeiten zum jährlichen Event wird: Plätzchentausch im Freundeskreis.

Es ist November 2020. Nach einem vergleichsweise entspannten Sommer und Herbstanfang tritt Anfang des Monats der nächste „Teil-Lockdown“ in Kraft. Die Gastronomie schließt. Es gibt keine Kultur und keine Sportangebote mehr. Das graue Wetter trägt auch nicht dazu bei, dass sich meine Stimmung aufhellt? Was tun?

Plätzchenbacken! Und am liebsten auch mit anderen zusammen essen. Bloß wie? Inspiriert von einem Onlineforum schicke ich an meine Freund:innen und Bekannten einen Aufruf zum Plätzchentausch. Das Prinzip: Jeder oder jede backt Plätzchen und schickt sie an zwei andere Personen. So bekommen dann auch alle zwei Päckchen mit Plätzchen.

Die Eingeladenen sind begeistert, fünfzehn Leute machen mit, aus verschiedenen Städten und Freundeskreisen. Nach einigen Wochen treffen bei mir die Päckchen mit den Plätzchen ein. Schoko-Orangen-Plätzchen, Zimtsterne, Spitzbuben und viele mehr. Zusammen mit denen, die ich selbst gebacken habe, habe ich nun über zehn verschiedene Sorten!

Damit wir die Plätzchen nun auch wirklich zusammen essen können, treffen wir uns Mitte Dezember in einer Onlinekonferenz. Aber nicht auf Zoom oder Skype, sondern auf der Plattform „gather.town“, wo jede:r mit einem kleinen Avatar herumlaufen kann. Man hört und sieht dann nur die Menschen per Videochat, die auch in der Nähe sind. Dort richten wir uns eine lange Tafel ein, das Bild von einem Adventskranz laden wir selbst hoch, vorgefertigte Weihnachtsdeko wie Geschenke und Bäume verteilen wir im ganzen Raum. Damit sich die Gruppe ein bisschen durchmischt, wie bei einer richtigen Party, beschließen wir, mit unserem Avatar in die virtuelle Küche zu gehen, wenn wir das auch in echt tun.

Und es funktioniert! Die meisten sitzen am Tisch, aber nach einer Weile finden sich in den unterschiedlichen virtuellen Räumen kleine Grüppchen zusammen – denn Unterhaltungen mit mehr als fünf Leuten funktionieren online einfach noch schlechter als in echt.

Wir können also tatsächlich zusammen essen, Tee trinken und reden! Fast zwanzig Leute kommen, lernen sich gegenseitig kennen („Ach DU bist der mit den leckeren Spitzbuben! Danke!“) und tauschen Rezepte aus. Insgesamt verbringe ich dort an dem Tag um die fünf Stunden.

Der Plätzchentausch lebt auch nach Ende der meisten Pandemieregeln weiter: Auch im vergangenen und in diesem Jahr wurden und werden wieder Vanillekipferl, Lebkuchen und Rumkugeln verschickt. Der Adventstee wird vermutlich wegen der vielen Konkurrenzveranstaltungen ein bisschen weniger gut besucht sein – aber Plätzchen backen, verschicken, bekommen und essen, das wollen alle Teilnehmenden trotzdem noch.

Wer wem Plätzchen schickt, wird übrigens ausgelost. Es war also wirklich reiner Zufall, dass im Jahr 2020 Freundin F. für Freund N. Plätzchen backte, den sie ohnehin gerne näher kennenlernen wollte. „Da habe ich mir beim Backen natürlich ganz besonders viel Mühe gegeben“, erzählt sie rückblickend. Und auf dem Adventstee verbrachten die beiden auffällig viel Zeit zu zweit im Wohnzimmer rechts oben in der Ecke. Irgendwann trafen sich die beiden dann auch mal in echt – und sind bis heute ein Paar, zusammengebracht durch das „Plätzchentausch-Schicksal“, wie F. es nennt.

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