Die Elbe in Hamburg.
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Die Elbe in Hamburg.

Gerold-Stipendium

Das Leben, ein Fluss

  • vonBahareh Ebrahimi
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Von der Elbe hört unsere Autorin zum ersten Mal in einem Theaterstück im Iran – und ist fasziniert von der alten Frau, die den Fluss verkörpert. In einem Spätsommer reist sie die Elbe entlang. Und trifft drei Frauen, deren Geschichten sie hier erzählt.

Die Elbe mochte ich, bevor ich sie überhaupt gesehen habe. Ich wohnte noch im Iran, als ich das Theaterstück „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert auf einer Teheraner Bühne sah. Von keiner der Figuren war ich so begeistert wie von der Elbe. Ein Fluss in der Gestalt einer alten Frau, deren Rolle in der Teheraner Aufführung ein Mann spielte. Im Stück ist Beckmann, der Soldat, der nach dem Krieg nach Hause kommt, in den Fluss gesprungen, um sein Leben zu beenden. Er lernt die Elbe kennen, die sich ihm mit diesen Worten vorstellt: „Ich bin weder romantisch noch süßduftend. Ein anständiger Fluss stinkt. Jawohl. Nach Öl und Fisch.“

DRESDEN

Deutschland assoziiere ich seitdem mit der Elbe. Ich will sie kennenlernen, nicht durchs Reinspringen, sondern indem ich ältere Frauen, die an der Elbe wohnen, kennenlerne. Ich beginne die Reise in Dresden. In einem einfachen vierstöckigen Altbau. In der zweiten Etage öffnet mir eine schlanke, nicht so große Frau die Tür. Mit großen blauen Augen und sehr kurzem, weißem Pixieschnitt, einer Jeans und einem schwarzen T-Shirt. Sie begleitet mich in ein helles Wohnzimmer mit einem großen offenen Fenster mit Blick auf die Bäume. Und da fallen mir die Bücher auf. Überall Bücher in Bücherregalen.

Wir sitzen an einem runden Vierertisch, und als Allererstes kritisiert sie den Arbeitstitel meiner Reportage: „Deutschland ist das Zuhause einer Oma“. Dass man in der deutschen Sprache zu älteren Frauen abwertend Oma sagt, mag sie nicht. Sie möchte nicht auf eine Oma reduziert werden. Ich erzähle ihr, dass das, was mich inspiriert hat, gar nichts mit der deutschen Sprache zu tun hat. Es gab in den 80er und 90er Jahren ein iranisches Kinderprogramm, „Omas Zuhause“, das meine Kindheit prägte. Die Oma lebte mit ihrem Kater in einem Dorf. Eines Tages zog eine Hühnerfamilie ein und brachte das Leben des verwöhnten Katers ziemlich durcheinander.

Eine Puppenserie über die Kunst des Zusammenlebens? Sie scheint erleichtert, lacht, und ist bereit für das Gespräch. Sie spricht Hochdeutsch mit Dresdener Färbung, hat eine etwas tiefere Stimme und stellt sich so vor: „Mein Name ist bekannt, Christa Guse.“ Die heute 80-Jährige hat in der DDR 35 Jahre im Verlag der Kunst im Lektorat gearbeitet. Der Verlag wurde 1990 von der Treuhand aufgeteilt. „Es war schade, ich wäre garantiert bis zu meinem 60. Lebensjahr geblieben.“

Eine schöne Zeit im Verlag bedeutet für sie nicht gleichzeitig eine schöne Zeit in der DDR. „Wenn heute jemand sagt: ‚Ihr habt ja auch Spaß gehabt‘, sage ich: ‚Den haben wir uns aber selber gemacht.‘ Uns ist nichts passiert. Aber ich kenne so viele, die im Knast gelandet sind, wegen Republikflucht und was weiß ich nicht alles.“ Sie fand das Leben in der DDR schwer, „wenn man nicht so mitspielte, wie das gewünscht wurde, oder in keiner Partei war“.

Christa Guse ist geschieden, hat einen Sohn, den sie allein erzogen hat. Über die Beziehung erzählt sie nicht viel. Sie waren kurz nach der Geburt des Kindes getrennt. Sie hat immer in Dresden gewohnt. In dieser Zweizimmerwohnung lebten mal drei Generationen zusammen. Eigentlich gehörte die Wohnung den Großeltern. 1945 war sie fünf Jahre alt. „Der ganze Angriff auf Dresden, das sehe ich noch vor mir, wie die Bomben fielen und wie alles brannte“, erzählt sie. 1947 ist sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder hierhergezogen. Sie kennt die Nachkriegszeit noch sehr gut. „Da gab es ja noch so Klopfstangen, um die Teppiche zu klopfen, und diese bestand aus Holz. Die hat meine Mutter bei Nacht und Nebel reingeholt und ins Schlafzimmer gebracht, hat sie zersägt, um auch das zu verbrennen, damit wir ein bisschen Wärme hatten. Da war die DDR noch rosig im Verhältnis.“

Nach einer Stunde macht sie eine Rauchpause. Wir essen frische Erdbeeren, die sie noch in der Frühe besorgt hat. Sie erzählt von drei außergewöhnlichen Reisen, die sie zu DDR-Zeiten machte. „Wir konnten nach Ungarn, in die Tschechei, nach Bulgarien, nach Jugoslawien schon nicht, nach Russland auch schwer.“

In Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ stellt sich die Elbe als „weder romantisch noch süßduftend“ vor. Sie sagt: „Ein anständiger Fluss stinkt. Jawohl. Nach Öl und Fisch.“

Sie war 50, als die Mauer fiel. „Das war ein beschissenes Alter, ich bin eben nicht mehr richtig auf die Beine gekommen.“ Sie arbeitete mal hier, mal da, fuhr Taxi. Den Führerschein hat sie erst 1991 bekommen. Vom privaten Verdienen und vom Arbeitslosengeld lebt sie heute. Ihren Alltag versucht sie noch so kulturell wie möglich zu gestalten. Sie geht oft in Ausstellungseröffnungen, weil sie da keinen Eintritt bezahlen muss. Theater oder Konzerte kann sie sich nicht leisten, auch keine Zeitung. Die „Dresdner Neuesten Nachrichten“ bekommt sie manchmal von Nachbarn. Sie kann nicht mehr so gut lesen, möchte aber informiert sein, daher sieht sie viel fern. Einmal oder zweimal im Monat geht sie in die Buchhandlungen, kauft nichts, aber schaut, was es an neuen Büchern gibt.

Nach der Wende sei sie erbost gewesen: „Als ich zum Arbeitsamt gegangen bin, da saßen mir gegenüber dieselben Leute, die früher bei der Polizei waren. Da dachte ich, das kann nicht wahr sein, für die geht das Leben ohne irgendeinen Bruch weiter.“ Heute genießt sie ihre Freiheit. „Ich war ein Leben lang gewöhnt, mit wenig auszukommen, und insofern war ich nicht neidisch.“

Am Ende des Gesprächs zeigt sie mir noch ihre Bücher, vieles ist aus einem Antiquariat in Bautzen, aus dem sie früher immer mit Kisten voll verbotener Bücher und alter Reiseführer rausgegangen war. Ein Buch heißt: „Wie man reich wird.“ „Davon träume ich“, lacht sie, „das hat mir mal jemand geschenkt, als Spaß“. Die Dresdner Bücherliebhaberin verlasse ich an einem sonnigen Nachmittag. Die Elbe ruft.

MAGDEBURG

Meine Gesprächspartnerin hatte mir telefonisch gesagt, dass sie mich abholen wolle. So erscheint Brigitte Gröschner am Magdeburger Hauptbahnhof – eine 83-jährige, mittelgroße Frau, kurzärmelige weiße Bluse mit bunten Mustern, orangefarbene Hose, blaue Augen und Bob-Frisur. Die Haare sind dunkelrot gefärbt, und sie trägt ein weißes breites Haarband.

Wir gehen zu Fuß zu ihr nach Hause und sie zeigt mir die Stadt. Sie ist 1937 in Magdeburg geboren, ist verheiratet, hat zwei Töchter, zwei Enkelsöhne und zwei Urenkel. Mit ihrem Mann wohnt sie seit 1975 im höchsten Wohnhaus Magdeburgs nahe an der Elbe. In der elften Etage befindet sich ihre Dreizimmerwohnung mit drei Balkonen mit dem Blick auf den Fluss. Wir gehen ins Wohnzimmer, eingerichtet überwiegend mit DDR-Möbeln. Es gibt viele Blumen im Zimmer. „Mein Mann schenkt mir jede Woche Blumen“, sagt Brigitte Gröschner mit ihrer hellen, klaren Stimme.

Bei Kaffee und Kuchen begleitet uns ihr Mann. Sie sind beide gleich alt. Er ist Erfurter und hat in der DDR beim Forschungsinstitut für die Kühl- und Gefrierwirtschaft gearbeitet. Bis 1991. „Ich war der Letzte, der das Licht ausgemacht hat“, sagt Herr Gröschner. Nach der Wende hat er keinen Job mehr gefunden, seine Frau schon.

Brigitte Gröschner ist Kriegskind gewesen, ausgebombt in Magdeburg. Sie wurden aufs Land gebracht. „Wir als Kinder fanden es auf dem Dorf wunderschön, konnten auf Bäume klettern, haben überhaupt nicht die Stadt vermisst, während meine Mutter mit sieben Kindern und einer Wasserpumpe auf dem Hof der Stadt nachgetrauert hat“, erzählt sie. 1949 sind sie wieder nach Magdeburg zurückgekommen, und sie ist zur Schule gegangen.

Bis 1964 hat sie als Laborantin gearbeitet. Als das erste Kind geboren wurde, hat sie mit der Arbeit aufgehört. Drei Jahre später kam das zweite Kind. „Ich war sechs Jahre zu Hause. Das war eine relativ lange Zeit für DDR-Verhältnisse. Aber ich bin zur Volkshochschule gegangen und habe Steno und Schreibmaschine gelernt.“ Für eine Weile arbeitete sie als Sekretärin bei der Arbeitshygiene. Irgendwann machte ihre Schwägerin mit deren Mann ein kleines Café auf, und Brigitte Gröschner begann, mit ihnen im Café zu arbeiten. Zehn Jahre lang. Von dieser Zeit hat sie viel zu erzählen. Die Café-Kultur war für sie etwas Besonderes, so dass sie diese nach der Wende als allererstes auch im Westen erleben wollte.

Kurz nach der Grenzöffnung ist sie mit ihrem Mann nach „drüben“ gefahren. „Alle haben sich gleich was gekauft, aber mein Mann und ich sind sofort in ein Café gegangen, um zu sehen, wie man da Kaffee trinkt“, lächelt sie. Das war enttäuschend. „Im Westen waren alle so übersättigt.“ Jahre später, als sie mit ihrer Tochter nach New York reiste, war sie wieder enttäuscht: „Wie die Menschen dort mit ihrem heißen Kaffee durch die Gegend liefen! Für mich war Kaffeetrinken immer mit Ruhe verbunden, Zigarette rauchen, sitzen, Kaffee trinken.“

Karl-Gerold-Stiftung

Dieser Text entstand mit Unterstützung eines Reisestipendiums der Karl-Gerold-Stiftung. Die Karl-Gerold-Stiftung ist Mitbesitzerin der FR. Sie hilft Studierenden und jungen Journalistinnen und Journalisten. Die Stiftung orientiert sich bei dem Reisestipendium an ihrem Stifter Karl Gerold, der aus eigener Erfahrung stets die Bedeutung von Reisen junger Menschen zum Erwerb von Welterfahrung und Weltzugewandtheit betonte.

Dabei geht es ausdrücklich nicht alleine um das Abarbeiten konkreter, vor Reisebeginn durchgeplanter Recherchen, sondern stets auch um Offenheit für neue, womöglich unerwartete Eindrücke und deren journalistische Aufarbeitung.

FR-Chefredakteur und Herausgeber Karl Gerold hat die Stiftungsverfassung noch zu seinen Lebzeiten festgelegt. Die Stiftung wurde nach seinem Ableben aufgrund seiner testamentarischen Verfügung errichtet. In diese Stiftung haben Karl Gerold und seine Ehefrau Elsy Gerold-Lang wesentliche Teile ihres Vermögens eingebracht.

In dem besagten Café verwirklichte sie einen ihrer großen Träume. Das Autofahren. „Zu DDR-Zeiten hatten wir die besten Beziehungen, weil alle Leute, die ins Café kamen, hatten ja auch ein Gewerbe.“ Ein Stammkunde war zum Beispiel ein Fahrschullehrer. „Da musste man sich lange anmelden, vielleicht zwei Jahre, bis man drankam. Ich kam da natürlich sofort dran.“ Brigitte Gröschner hat dann sehr schnell die Fahrerlaubnis gemacht, aber sie hatten kein Auto. „Mein Mann war immer Autogegner. Nicht wie heute wegen der Umwelt und so, sondern er ist einfach nicht gerne Auto gefahren.“ Im Café lernte sie wieder jemanden kennen, der seinen Trabant verkaufen wollte. „Ich bin dann zur Sparkasse gegangen, habe unser ganzes Geld abgeholt, das Auto gekauft und bin nach Hause gekommen“, erzählt sie und lacht herzlich. „Meine Töchter fanden das unheimlich toll, dass ich mich getraut habe. Aber mein Mann hat gesagt: ‚Da fahre ich nie mit.‘“

Nach zehn Jahren hörte sie im Café auf und fand bei der „Liberal-Demokratischen Zeitung“ („LDZ“) eine Stelle als Sekretärin. Auch dieser vierte Job habe ihr Spaß gemacht, „weil das eben auch liberal war. Das war nicht die SED-Zeitung das ‚Neue Deutschland‘“, betont sie. So hat Brigitte Gröschner die letzten Jahre der DDR bei der Zeitung erlebt. Dann kam die Wende. Über einen Bekannten fand sie einen Job als Sekretärin. Zuerst bei der Magdeburger Pferderennbahn, dann in einem Steuerbüro und danach bei der Landespressekonferenz Sachsen-Anhalt. Sie hat bis zum 65. Lebensjahr gearbeitet.

Mit ihrem Mann ist sie im Förderverein vom Theater, sie gehen alle zwei oder drei Monate in eine Opernpremiere und ins Kammerkonzert, auch Hörspiele hört sie sich gerne an. Die Zeitung „Die Volksstimme“ und auch eine Rundfunkzeitung werden bei ihnen gelesen. „Aber wir haben nie Geld für eine ‚BILD‘-Zeitung ausgegeben“, sagt sie und lacht.

Die DDR war für sie nicht „grau in grau“: „Wir haben immer sehr intensiv gelebt. Wir haben die Möglichkeiten, die sich hier boten, alle genutzt. Man konnte zum Sport gehen, es hat ja nichts gekostet. Für 80 Pfennig sind wir ins Kino gegangen. Wir sind sehr viel verreist. Also alles, was sich anbot: CSSR, Polen, Ungarn, Bulgarien, Sowjetunion. Wenn mein Mann Dienstreise hatte, da bin ich dann mitgefahren.“ Besonders wichtig war für sie: „Wir waren alle so auf einem Level.“

HAMBURG

Die Elbe bringt mich weiter nach Hamburg, zu einem alten dreistöckigen Backsteinbau mit einem kleinen Vorgarten. Die großen Fenster der Erdgeschoss-Wohnung haben keine Vorhänge. Ich sehe schon von der Straße aus das Profil einer Frau mit weißen Haaren am Fenster: Heike Freiburg. Ich bin etwas zu früh da. Heike Freiburg ist gerade dabei, sich ein Auto in Dublin zu mieten, wo sie bald eine Woche Urlaub macht. Die irische Firma hat jedoch verweigert. „Sie sagen, ich sei zu alt“, erzählt sie mit feinem Sarkasmus. Sie ist 79, hat ein zartes Gesicht, mittellange, glatte, weiße Haare mit Pony, trägt eine runde Brille mit rotem Rahmen, dazu einen hellblauen Pullover und eine schwarze Hose.

Die Wohnung ist groß, der Holzboden knarrt, wenn man darüber läuft. Es hängen abstrakte Gemälde an der Wand im Wohnzimmer, ihre eigenen Werke. Am anderen Ende der Wohnung liegt ihr Atelier mit bodentiefen Fenstern. Heike Freiburg ist die Eigentümerin der Wohnung, sie ist geschieden, hat eine Tochter und einen Enkel. Ihr früherer Mann lebt nicht mehr. Während wir im Garten essen, stellt sie erst mal einige Fragen über den Iran. Das Gespräch über sie führen wir dann im Wohnzimmer weiter. Sie spricht langsam und deutlich, hat eine trainierte Erzählsprache und lässt sich beim Antworten Zeit.

Heike Freiburg ist 1941 mitten im Krieg in Hamburg geboren. Ihr Vater war Großhandelskaufmann in der Hansestadt. Die Mutter kam aus Westfalen. Einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester hat sie. Der Vater war von 1939 bis 1945 Soldat bei der Marine, danach zwei Jahre in englischer Kriegsgefangenschaft. Es gibt stapelweise Briefe der Eltern. „Ich habe die alle gelesen“, sagt sie, „man merkt, wessen Geistes Kind meine Eltern waren und dass sie sich vom Faschismus in keiner Weise distanziert haben.“ Sie erzählt von einem Bilderbuch, das ihr Vater für ihren noch kleinen Bruder gemacht hat. In dem waren Kriegshandlungen abgebildet. Der Vater habe dazu geschrieben: „Wenn du groß bist, dann machst du das auch und schießt den Tommy kaputt.“ „Der Tommy“ war der Engländer. „Mein Bruder hat trotzdem England sehr geliebt und dort seine Frau kennengelernt“, lacht sie.

1956, als sie in der 10. Klasse war, haben die Eltern sie in den Ferien nach England geschickt, um dort Englisch zu lernen. Da lernte Heike Freiburg eine jüdische Frau kennen. „Sie erzählte mir, dass sie für sich und ihre Kinder Gift im Haus hatte, und wenn die Deutschen wirklich nach England gekommen wären, hätte sie sich und die Kinder getötet“, erzählt Freiburg mit Tränen in Augen, macht kurz Pause, und spricht dann weiter: „Und da sitze ich mit meinen merkwürdigen 16 Jahren und höre mir das an. Das ist schon ganz schön hart.“ Als sie nach Hause kam, war sie wütend auf die Eltern: „Wie könnt ihr mich ins Ausland schicken, so ahnungslos?“

Im Laufe der Zeit hat sie sich entschieden, auf Distanz zu gehen zu der Familie und besonders zum Vater. „Das machte mich auf eine Weise auch zufrieden“, sagt sie. Sie hat als Einzige in ihrer Familie Abitur gemacht, später Kunst und Deutsch studiert, 1968 fing sie mit ihrem Referendariat an und wurde Lehrerin. Das Jahr 1968 bezeichnet sie als „eine lustige Zeit“. In diesem Jahr hat sie einen Kunstmaler geheiratet. „Das war unsere Verabredung: Ich verdiene das Geld, er ist das Genie.“

Durch einen Freund ihres Mannes, der im SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) war, ist das Paar in die 68er-Bewegung „auch noch reingerutscht“. Der Mann hat für den SDS und Asta Plakate gemacht. „Ich habe nachts immer mitgedruckt und morgens bin ich in die Schule und dann war ich immer so müüüüde. Aber es war eine tolle, sehr bewegte Zeit.“

1971 ist ihre Tochter geboren. Sie war 30 und wurde schnell fast alleinerziehend. Sie habe die ganzen 70er Jahre gebraucht, sagt sie, um das alte Frauenbild in ihrem Kopf umzupolen. Das konnte sie erst nach der Trennung von ihrem Mann. Und da spielte Alice Schwarzer mit ihrem Buch „Der kleine Unterschied“ eine große Rolle, auch der selbst gegründete Kinderladen. Die Studentenbewegung hatte auch die Zweierbeziehung infrage gestellt. Der Mann wollte nicht mehr in einer Zweierbeziehung leben. Sie hat sich 1975 von ihm getrennt.

Nach der Scheidung wollte sie nicht mehr heiraten. Sie hatte mehrere kürzere Beziehungen. Als sie 44 Jahre alt war, hat sie die große Liebe ihres Lebens gefunden. Doch nach einem halben Jahr führte die Beziehung zu einem „Liebesdebakel“, wie sie es nennt. Trotzdem ist für sie das erste halbe Jahr dieser Liebe „das glücklichste halbe Jahr“ ihres Lebens gewesen. „Ich konnte einfach sein, wie ich bin. Und das war ich in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen.“ Später hat Heike Freiburg aus dieser Krise heraus angefangen zu malen. Vor drei Jahren hatte sie eine eigene Ausstellung.

Sie hat bis 63 gearbeitet, „fast bis Ende“. Als Lehrerin in Deutsch, Kunst und Theater. „Also man muss sich oft auf eine Weise verstellen. Ich war im sozialen Brennpunkt zwanzig Jahre Lehrerin.“ Aber auch sehr schön und interessant sei die Arbeit gewesen. Jetzt, im Ruhestand, kann sie wieder mehr sie selbst sein, sagt Heike Freiburg. „Außer dass ich keine Sexualität lebe. Aber ich kann machen, was ich will. Und das ist eine großartige Lebensphase.“ Einmal in der Woche geht sie zu einer Frauentheatergruppe. Freitags kommt eine Freundin in ihr Atelier und sie machen zusammen Kunst. Sie schreibt, singt, meditiert. Zeitungen liest sie auch: „Zeit“ und „taz“ hat sie abonniert. Eine kleine Wohnung hat sie auf dem Land, bei einer Freundin an der Schlei, vor der dänischen Grenze. Dort ist sie oft. Mit ihrer finanziellen Lage ist sie sehr zufrieden. „Aber darauf kann ich überhaupt nicht stolz sein, weil das bei Beamten einfach ein unglaubliches Privileg ist.“

Wenn wir über Träume und Ängste sprechen, ist sie noch nachdenklicher als zuvor. Die blauen Augen kneift sie beim Nachdenken gelegentlich langsam zusammen. Sie habe immer den Traum gehabt, mit anderen zusammenzuwohnen. Ein Mann an ihrer Seite wäre auch ein schöner Traum, meint sie.

Sie hat schöne Reisen gemacht, findet jedoch Hamburg eine gute Stadt zum Leben. Und die Elbe an sich sei für sie eine Art Heimat: „Früher hat sie auch gestunken, aber sie war mir nicht verleidet, obgleich sie stank.“ Wollte Heike Freiburg aber mal woanders wohnen? „Nee, das muss nicht sein“, sagt sie, aber nach etwas Nachdenken fügt sie noch hinzu, „also wenn jemand mir jetzt in Blankenese ein Haus anbieten würde mit Elbblick, und ich müsste mich dafür nicht total verschulden, das wäre noch was. Ideal mit Elbblick und mit Freunden oder Freundinnen zusammen. Ja, das wäre der Traum.“

Nach dem langen Gespräch fahren wir nach Blankenese. Es gibt mehrere Pontons im Wasser mit Restaurants darauf. Wir essen Fischsuppe. Der Wind stöhnt. Die Elbe schwappt gegen die Pontons. Es ist Abend. So schreibt es Borchert.

Die Reise endet dort, wo die Geschichte von Borchert beginnt, am Ufer der Elbe in Blankenese. Wo die Elbe Beckmann zurückweist: „Hallo, Jungens!“, ruft sie, „Werft diesen Kleinen hier bei Blankenese wieder auf den Sand! Er will es noch mal versuchen.“

Bahareh Ebrahimi hat Kunstwissenschaften studiert und einen Master in Kulturjournalismus. Sie ist Feuilleton-Redakteurin bei der Zeitung „Neues Deutschland“.

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