Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Man darf es nicht persönlich nehmen“, sagt Jan Weiler.
+
„Man darf es nicht persönlich nehmen“, sagt Jan Weiler.

Erziehung

„Das Kümmern nimmt mitunter groteske Züge an“

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
    schließen

Schriftsteller Jan Weiler über die dunkle Seite der Elternliebe, nervige Diskussionen mit seinen fast erwachsenen Kindern – und warum es trotzdem weh tut, sie ziehen zu lassen.

Es ist das alte Lied: Wenn die pubertierenden Kinder nicht selbst irgendwo rumliegen, lassen sie eben irgendwas rumliegen. Sie sind einsilbig und halten ihre Eltern für einfältig. Wenn sie „gleich“ sagen, meinen sie: „Erinnere mich morgen noch mal dran …“ – Jan Weiler hat über sein Leben als Vater pubertierender Kinder unzählige Kolumnen und drei sehr erfolgreiche Bücher geschrieben. Sein „Pubertier“ ist heute ein geschützter Begriff, der aber bisher nur als Name für eine Knabberei zum Einsatz kam. Ansonsten will Weiler sein Pubertier nicht verramschen, sagt er beim Gespräch in Frankfurt. Sonst würde er ja nicht nur seine eigenen, sondern alle Kinder verkaufen. Sein älteres Pubertier ist inzwischen ausgezogen, das jüngere freut sich drauf. Im Herbst hat Weiler mit dem Büchlein „Die Ältern“ den vierten und vorerst letzten Teil des alten Liedes vom Elternsein vorgelegt: Wenn die Kinder aus dem Haus sind, wird es auf einmal ganz schön trist – und das ist auch wieder nicht recht.

Herr Weiler, abgesehen davon, dass viele derzeit nicht wissen, ob sie Weihnachten überhaupt im Kreise der Familie feiern können: Hat die Corona-Pandemie Eltern nicht von Anfang an mit besonderen Herausforderungen konfrontiert?

Unbedingt! Ich bin ja leider direkt im März an Covid-19 erkrankt, und da musste auch mein Sohn, mit dem ich zusammenlebe, in Quarantäne. Das war einerseits unheimlich intensiv, weil wir viel Zeit miteinander verbringen konnten. Andererseits hat ihm als damals 17-Jährigen diese Einschränkung sehr viel abverlangt. Er ist förmlich explodiert, als es draußen schöner wurde und er wieder seine Freunde sehen konnte.

Zur Person

Jan Weiler, Jahrgang 1967, ist Journalist und Schriftsteller. Er war viele Jahre Chefredakteur des SZ Magazins. Sein erster Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ gehört zu den erfolgreichsten Büchern der vergangenen Jahrzehnte. Seine „Pubertier“- Bücher, von denen das erste 2014 erschien, sind auch Bestseller. Jan Weiler lebt in München. boh

War die fehlende Leichtigkeit auch ein Thema, über das Sie gesprochen haben?

Die Herausforderung für unsere jugendlichen Kinder war ja in diesem Jahr vor allem, dass sie lernen mussten, Regeln nicht zu brechen, die sie eigentlich gut finden. Wir haben als Jugendliche immer Regeln gebrochen, die wir doof fanden. Das war leicht. Wenn wir in einen Schrebergarten eingebrochen sind und da Party gemacht haben, dann war das für die Besitzer ärgerlich – aber es hatte keine gesellschaftlichen Folgen. Heute hingegen hat es gleich eine gesellschaftliche Dimension, wenn wir oder unsere Kinder Regeln brechen. Und Corona hat außerdem gezeigt: Die jungen Leute müssen sich damit auseinandersetzen, dass die Welt wenig mit dem zu tun hat, was wir ihnen beigebracht haben, wenn wir damals Obstgarten gespielt haben. Das ist eine harte Landung. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch – ihnen unsere Wärme anbieten. Was wir ihnen nicht geben können, ist die Versicherung, dass alles gut wird.

Sagen Sie das mit Blick auf die mit Regenbogen verzierten „Alles wird gut“-Poster, die in den ersten Monaten der Pandemie in den Fenstern hingen?

Nicht nur. Sie müssen auch erkennen, dass es nicht immer reicht, einen anderen Präsidenten zu wählen. Trump mag abgewählt sein, aber die Spaltung und die Zerrissenheit auf dem Planeten wird dadurch nicht weniger. Das ist der Riesenunterschied zu meiner Kindheit. Als ich jung war, da gab es noch so politische Feindbilder wie Strauß, Dregger und Albrecht, alles konservative, steinharte, von Zigarrenrauch umhüllte Opas. Aber die haben niemals den Staat an sich infrage gestellt. Die waren nur anderer Meinung. Heute haben wir es im Bundestag mit einer Partei zu tun, die den Staat an sich infrage stellt. Das ist was ganz anderes – und das verändert auch die Diskussion. Und am meisten irritiert mich, dass sich diese Veränderung der Diskussionskultur nicht nur im politischen, sondern auch im Privaten und zwischen den Generationen vollzieht.

Inwiefern irritiert Sie das?

Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen zu Hause ist, aber ich beobachte ein Zeitgeistphänomen, das mir Sorge bereitet. Und zwar dieses apodiktische Ablehnen anderer Meinungen. Ich war vor einer Weile bei „Hart aber fair“ und habe dort erklärt, warum ich das Gendern der Sprache ablehne. Meine Tochter – sie ist Anfang zwanzig – hat mich später darauf angesprochen und gesagt, das sei eine Scheißmeinung. Ohne sich meine Argumente bis zum Schluss angehört zu haben. Ich habe dann gesagt: „Das ist keine Scheißmeinung, das ist nur eine andere Meinung als die, die du hast. Aber wir können gerne darüber reden.“ Und sie sagte dann: „Nee, mit dir rede ich nicht da drüber.“

Was ihr ja freisteht …

Mag sein, aber diese Ablehnung gegenüber anderen, die vermeintlich auf der Seite des Bösen stehen, geht mir zu weit. Dass junge Leute dazu neigen, die Argumente der Älteren einfach so beiseitezuwischen, das ist für mich die Kehrseite der Gewissheit dieser Generation, für das zukünftige Leben auf unserem Planeten eine wichtige Rolle zu spielen. Diese Haltung gefällt mir nicht.

Möglicherweise auch, weil Sie zu den Älteren gehören?

Nein, der Grunddissens ist der, dass die jüngere Generation manche Begriffe miteinander verwechselt oder für das Gleiche hält. Zum Beispiel Verständnis und Einverständnis. Sie kapieren einfach nicht, wenn ich sage, ich habe Verständnis für alle Anliegen der neofeministischen Generation, aber ich bin nicht mit allen Methoden einverstanden, die sie anwendet! Oder wenn ich zu meinem Sohn sage: „Ich verstehe total, dass du gerne noch bis zwei Uhr an der Playstation sitzen willst, aber das heißt nicht, dass ich damit einverstanden bin. Also: ausmachen.“ Dann sagt er: „Moment, wenn du es verstehst – wo ist das Problem?“ – Das zieht sich durch alle Diskussionen, damit kann ich Regale füllen. Und ich hab’ eben das Gefühl, dass es ein Zeitgeistthema ist …

Könnte es nicht auch eine Phase sein, über die Sie in zwei Jahren gemeinsam lachen?

Bestimmt, aber für mich geht es dabei auch darum, mich nicht zu verleugnen. Es gibt Themen, da muss man den Kindern gegenüber eine klare Haltung einnehmen, weil sie selbst sonst keine entwickeln. Sie können ja eine andere Meinung haben, aber mir ist wichtig, dass sie reflektieren.

So wie Sie in Ihrem Buch „Die Ältern“ reflektieren, was Sie als Vater aushalten müssen, wenn die Kinder flügge werden?

Man darf es vor allem nicht persönlich nehmen. Es gibt eben diesen Moment, in dem wir in den Augen unserer Kinder von Eltern zu Ältern werden. Wir gehören noch zu ihrem Leben, aber wir sind nicht mehr verantwortlich. Da müssen wir dann durch, wenn wir sagen: „Hey, ich bin im Zug und so gegen 20 Uhr daheim, dann können wir noch einen Film anschauen, wenn du magst.“ Und unser Kind sagt: „Ich weiß nicht, ob ich dann überhaupt zu Hause bin …“ Sie wollen uns ja nicht aus ihrem Leben rausdrängen, sie wollen es in die Hand nehmen und selbst gestalten. Und damit habe ich manchmal eine ziemliche Not, denn vieles von dem, was wir früher zusammen gemacht haben, hat mir irre viel bedeutet. Ich bin früher wahnsinnig gerne mit meinem Sohn Minigolf spielen gegangen.

Und Ihr Sohn auch mit Ihnen?

Ja, das war für ihn ein Riesending! Heute macht er es eher, um mir eine Freude zu machen. So wie er die letzten Jahre nur gefrühstückt hat, damit ich Toast und Eier nicht umsonst gemacht habe.

Das schafft auch für Sie neue Freiräume. Endlich wieder ausschlafen …

Ich kann nicht mehr lang schlafen.

Jan Weiler: Die Ältern. Piper Verlag, München 2020, 160 Seiten, 15 Euro.

Dann eben um 7 Uhr am Schreibtisch sitzen.

Das nun auch nicht … ( lacht ) Aber im Ernst: Ich habe noch keine richtige Lösung gefunden, wie ich damit umgehe. Ich könnte theoretisch immer bis um zehn im Bett bleiben. Ich könnte jetzt auch in den Urlaub fahren und weiß, er würde klarkommen. Vor einer Weile war ich zwei Wochen für das neue Buch unterwegs, da haben wir vorher eingekauft – und als ich zurückkam und gefragt habe, ob er mich vermisst hat, da hat er so geguckt und überlegt …

Also eher nicht vermisst?

Er sagte: „Nach Hause zu kommen, und niemand ist da, das ist schon doof.“ Aber im Großen und Ganzen fand er es super.

Wohl auch, weil er nachts nicht über den Unterschied von Verständnis und Einverständnis diskutieren musste …

Klar, aber das zeigt ja, dass er von jetzt an für sich selbst einstehen kann. Was auch für mich eine Riesenerleichterung ist. Er ist gerade volljährig geworden, und ich habe ihm gesagt, dass er künftig bitte selbst mit seinen Lehrern sprechen soll. Ich werde keine Fünfen mehr zu Vieren reden oder sonstwie für ihn werben. Ich würde auch nicht beim Dozenten meiner Tochter anrufen und fragen, warum er ihr bestimmte Dinge erzählt. Dieses Kümmern nimmt ja mitunter groteske Züge an. Ich hab kürzlich gehört, dass eine Freiburger Uni eine Tribüne im Fußballstadion angemietet hat, um dort eine Infoveranstaltung für Eltern von Erstsemestern abzuhalten.

Sie selbst geben ja auch zu, nur schwer loslassen zu können …

Natürlich, aber vor allem sollten wir als Eltern doch schauen, dass unsere Kinder integer sind und Empathie für ihre Mitmenschen entwickeln. Dass sie ihre Talente entdecken, rausfinden, was zu ihnen passt – und das dann fördern. Ansonsten müssen wir die Kraft finden, sie einfach zu lassen. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als sein 35-jähriges Kind ins Möbelhaus zu begleiten, um eine Couch auszusuchen. Oder sich in die Partnerwahl reinzuhängen. Ich habe zu meiner Tochter manchmal zwei oder drei Wochen keinen Kontakt. Am Anfang hat mich das irre gekränkt. Sie hat sogar die blauen Häkchen bei Whatsapp ausgestellt, ich kann also nicht mal sehen, ob sie meine Nachrichten gelesen hat. Aber ich muss das umdeuten: Es geht ja nicht darum, dass ich abgehängt werden soll, sondern darum, dass sie jetzt ihr Leben gestaltet.

Interview: Boris Halva

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare