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Frontline Workers
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Frontline Workers

Steve Derrick

Spuren im Gesicht

  • vonGerd Schild
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Sie sind übermüdet und ausgelaugt, Masken und Schutzbrillen drücken sich in die Haut: Menschen, die weltweit in Krankenhäusern gegen Covid 19 kämpfen, hat der US-Künstler Steve Derrick nach Fotos gemalt.

Mister Derrick, Sie malen Porträts von erschöpften Krankenschwestern und Ärzten, die gegen Covid-19 kämpfen. Warum?

Meine Frau bekam im März Covid-19. Zum Glück hat sie es gut überstanden und nur gelegentlich ein paar Nebenwirkungen. Aber Covid-19 hatte verheerende Auswirkungen auf unser Leben, besonders für die Menschen in New York City. Ich selbst bin ein Mensch, der gerne Kontakt zu echten Menschen hat, und so haben mich der Lockdown und die Arbeit von zu Hause aus, zusammen mit der allgemeinen Nervosität, fast verrückt gemacht. Ich habe früher Kunst studiert, und ich male, um mich zu entspannen. Also begann ich, in meiner Freizeit zu malen, anstatt nur fernzusehen oder Netflix zu schauen. Ich malte Leute, die ich von Facebook kannte – aber es war wirklich langweilig, es hat mich einfach nicht berührt, nicht inspiriert.

Und dann kam Ihnen die Idee, medizinisches Personal zu malen ...

Ich sah auf Instagram, dass das „Time Magazine“ medizinisches Personal kollektiv zur Person des Jahres erklärt hatte, Leute, die an der Covid-19-Front waren. Und sie hatten all die Spuren im Gesicht von den Masken und Schutzbrillen, waren übermüdet, erschöpft, einfach fertig. Und doch hatten sie auch alle so etwas in den Augen, einen Glanz. Das hat mich wirklich, wirklich berührt. Und ich dachte, wow, das ist Hingabe in diesen erschöpften Gesichtern. Das ist unglaublich. Ich habe noch am selben Tag angefangen und die ersten Bilder gepostet. Dann fing ich an, mehr und mehr zu malen. Und es wurde eine Leidenschaft.

Die Zeichnungen von Steve Derrick

Frontline Workers
Frontline Workers © Steve Derrick
Frontline Workers
Frontline Workers © Steve Derrick
Frontline Workers
Frontline Workers © Steve Derrick
Frontline Workers
Frontline Workers © Steve Derrick
Frontline Workers
Frontline Workers © Steve Derrick
Frontline Workers
Frontline Workers © Steve Derrick
Frontline Workers
Frontline Workers © Steve Derrick
Frontline Workers
Frontline Workers © Steve Derrick
Frontline Workers
Frontline Workers © Steve Derrick

Sie haben die Bilder der Porträts online gestellt, die Originale schickten Sie in die ganze Welt zu den porträtierten Menschen.

Ich habe sie an diejenigen geschickt, die mir ihre Adresse gegeben haben. Und als sie Post bekamen, waren sie sehr gerührt. Bald kamen auch Leute auf mich zu, haben mich auf Fotos aufmerksam gemacht und mich gebeten, diese Menschen zu malen.

Wie waren die Rückmeldungen?

Ich bekomme viele erstaunliche Antworten. Diese eine Krankenschwester, Rebekah, sagte: „Das ist das Netteste, was je jemand für mich getan hat.“

Was macht so eine Nachricht mit Ihnen?

Es ist ein gutes Gefühl, etwas zurückgeben zu können, wenn man zu Hause sitzt, während diese Leute jeden Tag bis zur Erschöpfung im Krankenhaus arbeiten.

Steve Derrick, 55, ist ausgebildeter Künstler, lebt in Clifton Park im US-Bundesstaat New York und arbeitet in der Videospiel-Industrie. Als das Corona-Virus ihn zur Heimarbeit zwang, malte er zur Entspannung. Als er Fotos von erschöpften Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften aus Krankenhäusern sah, hatte er sein Thema gefunden. Bis heute hat er mehr als 200 Porträts dieser „Frontline workers“ gemalt und sie an die Porträtierten verschickt. Einblicke gibt es auf seiner Instagram-Seite.

Am Anfang der Pandemie haben Sie viele Porträts nach Italien geschickt. Wie kam es dazu?

Die Pandemie hat den Norden Italiens ja sehr früh und sehr hart getroffen. Und ich habe früher in Europa gelebt, ich habe überall in Norditalien gelebt, in Turin, Mailand, Verona, Südtirol und in der kleinen Stadt Görz. Ich habe also einige Verbindungen zu dieser Region. Und dann ging es von Italien nach Großbritannien und dann nach Spanien und dann nach New York. Meine Malerei folgte sozusagen den Hotspots.

Seit dem Frühjahr haben Sie mehr als 200 Bilder von Menschen gemalt, die in Krankenhäusern gegen die Folgen von Covid-19 arbeiten. Haben sich Ihre Bilder seit Beginn der Pandemie verändert?

Meine aktuellen Bilder sind realistischer, als es die ersten waren. Man braucht also etwas nur 200 Mal machen, und schon wird man besser (lacht). Aber im Ernst: Ich wollte schon immer besser darin werden, Menschen zu zeichnen.

Gegen das Virus zu arbeiten, ist aufreibend. Wie fühlt es sich an, Menschen zu malen, die bis zur Erschöpfung arbeiten?

In gewisser Weise ist es auch stressig, weil man sicherstellen will, dass man den Menschen gerecht wird, dass man einen guten Job macht. Jedes Bild ist wichtig für diese Person. Und auch wenn es das hundertsiebzigste Bild meiner Serie ist und ich an dem Tag nicht die größte Energie habe, muss ich alles dafür geben, diesen Menschen so gut zu malen, wie ich es kann.

Wie lange brauchen Sie für ein Bild?

Im Moment schaffe ich ein Bild pro Tag. Es dauert etwa drei Stunden, je nachdem, wie schwierig es ist, einige der Bilder sind sehr detailreich. Ich male morgens vor der Arbeit oder am Abend. Am Anfang waren es manchmal drei Bilder pro Tag. Und etwa 100 stehen noch auf der Liste der Bilder, die ich noch malen möchte.

Was glauben Sie: Werden Sie bis zum Ende der Pandemie malen?

Ich werde so lange weitermachen, wie ich die Energie dazu habe. Ich hätte nicht gedacht, dass ich bis 100 gehen würde. Und jetzt bin ich schon bei mehr als 200. Was mich weitermachen lässt, sind die Rückmeldungen, die ich von den Leuten bekomme, und die Geschichten, die ich höre – zuletzt einige rührende, aber eben auch traurige, zuletzt aus Brasilien. Und das weckt in mir den Wunsch, diesen Menschen etwas zurückzugeben. Und angesichts der Ereignisse in den USA im Zusammenhang mit der Wahl male ich auch, um zu beruhigen.

Mit all diesen Geschichten, die Sie gehört, und all den Bildern, die Sie gesehen haben: Blicken Sie eher pessimistisch auf die kommenden Monate?

Ich glaube, meine Frau und ich haben durch die Pandemie sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Sie arbeitet im Einzelhandel und hat täglich mit Menschen zu tun, die ihre Frustration manchmal auf die Menschen in den Geschäften übertragen. Ihre Erfahrung ist also ganz anders als meine, die sehr optimistisch und positiv ist. Ich denke: Wir können das schaffen, im Amerikanischen sagt man: „We’re in it to win it“. Und wir können die Krise überwinden. Und so fühlen sich auch viele der Krankenschwestern und Ärzte. Covid wird irgendwann enden, und wir werden darauf als etwas zurückblicken, das wir überwunden und besiegt haben. In der Zwischenzeit gibt es eine Menge Tragödien. Aber wir werden es schaffen.

Wenn das vorbei ist, was werden Sie dann malen?

Ich würde gerne etwas finden, das mir die gleiche Leidenschaft verleiht, aber ich weiß nicht, was das ist. Hoffentlich ist es keine Tragödie (lacht). Mir wäre es lieber, es wäre etwas Positiveres.

Wie, glauben Sie, verändert die Pandemie die Kunst, ist sie dunkler geworden?

Es gibt beides. Es gibt eine Kunst, die dunkel ist. Aber die meisten Kunstwerke, die ich gesehen habe, sind positiv. Es ist alles inspirierend und drückt ein Gefühl der Hoffnung aus.

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