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Das Gegenteil von Fürsorglichkeit: die „Rückführungspatenschaft“.
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Das Gegenteil von Fürsorglichkeit: die „Rückführungspatenschaft“.

Sprache

Wenn ein Unwort nicht mehr reicht

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
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  • Andreas Sieler
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„Rückführungspatenschaft“ und „Corona-Diktatur“ werden beide Unwort des Jahres. Immer wieder wird Sprache gezielt missbraucht. Zum ersten Mal wählt die Jury daher zwei Unwörter.

Was ich sehr gut finde, ist, dass niemand eine Bücherwand hinter sich hat“, stellt FR-Autor Stephan Hebel zu Beginn der Videoschalte fest. Hinter ihm lässt sich ein weißes Küchenregal ausmachen – auch die anderen Gesprächsteilnehmer haben die FR-Redaktion gegen ihre heimischen Arbeitsräume getauscht. Corona-Zeiten. Diese sind auch an der Wahl des „Unworts des Jahres“ nicht spurlos vorübergegangen, das Stephan Hebel am Wochenende gemeinsam mit den Jury-Kolleginnen und -Kollegen im 30. Jahr des Bestehens der sprachkritischen Aktion ausgewählt hat. So gibt es für 2020 erstmals zwei Unwörter: „Corona-Diktatur“ und „Rückführungspatenschaft“. Als Zuhörerin hat Katharina Kütemeyer, Ressortleiterin der FR-Politikredaktion, der Wahl beigewohnt – sie wird Hebel als festes Mitglied der Jury ablösen. Ein Gespräch über zwei Begriffe, die den gesellschaftlichen Diskurs 2020 geprägt haben.

Liebe Katharina, lieber Stephan, warum zwei Unwörter?

Stephan Hebel: Wir haben uns für zwei Unwörter entschieden, weil 2020 ein ganz besonderes Jahr war. Alle in der Jury waren der Meinung, dass wir nicht daran vorbeikommen, darauf einzugehen, dass es ein Corona-Jahr gewesen ist. Deshalb die Corona-Diktatur. Wir waren aber auch der Meinung, dass es ein Problem ist, wenn sich Diskurse so radikal auf ein Thema fokussieren, dass andere Themen, die ebenfalls wichtig, teilweise gar skandalös sind, untergehen. Daher haben wir gesagt, wir brauchen auch den Hinweis darauf, dass es einen verschleiernden und irreführenden Sprachgebrauch auch in anderen Themenbereichen wie zum Beispiel der Flüchtlingspolitik gibt. Deshalb die Rückführungspatenschaft, ein besonders perfides Unwort, wie ich finde.

Der Begriff Rückführungspatenschaft wurde 41 Mal vorgeschlagen – dabei hätte man vermuten können, dass er im täglichen Rauschen untergeht.

Katharina Kütemeyer: Ich glaube, das Wort ist noch sehr präsent, weil es erst im September aufgetaucht ist, als die EU damit einen neuen Mechanismus der Migrationspolitik benannt hatte. Zu diesem Zeitpunkt gab es eine kleine Empörungswelle, auch in den Medien. Da haben sich viele gefragt, was das für ein zynisches Wort ist, weil es versucht, einen unschönen Umstand nett zu verpacken. Da wird zum einen dieses Wort Rückführung anstelle von Abschiebung verwendet – und zum anderen die Patenschaft, ein ursprünglich christlicher, positiv geprägter Begriff. Dadurch klingt das eher nett und sehr human, bedeutet aber nur, dass Abschiebungen vorgenommen werden sollen. Daher denke ich, es ist als Unwort geradezu prädestiniert und eine gute Wahl der Jury.

Hebel: Das schönste Wort, das mir bei der Debatte um die Rückführungspatenschaft begegnet ist, lautet „fürsorglich“. Denn eine Patenschaft ist ja eigentlich etwas Fürsorgliches. Jemanden rauszuschmeißen ist aber das Gegenteil von Fürsorglichkeit.

Im Gegensatz dazu ist die Corona-Diktatur ein wenig verschleiernder Begriff.

Stephan Hebel: Ja, der Begriff Corona-Diktatur liegt auf der Hand. Natürlich ist das ein Unwort, schon weil es Verhältnisse beschreibt, die man zwar an vielen Stellen kritisieren kann, die aber beim besten Willen keine Diktatur darstellen. Es ist eine Verharmlosung von echten Diktaturen, in denen die Menschen, die auf die Straße gehen und Corona-Diktatur schreien, noch nicht einmal das Recht hätten, zu demonstrieren. In einer Diktatur hätten sie für das, was sie in unserem Land machen, ganz schön böse Folgen zu erwarten. Der Begriff macht auch sehr deutlich, welche unfassbaren Blüten die Debatten in der Corona-Krise inzwischen getrieben haben.

Habt ihr die Hoffnung, indem ihr diesen Begriff auseinandernehmt, dass manche, die Corona-Diktatur gebrüllt haben, nochmal darüber nachdenken?

Kütemeyer: Das ist schwierig einzuschätzen. Die Menschen, die auf die Straße gehen und sich auch als sogenannte Querdenker bezeichnen, waren bisher nur bedingt für einen Diskurs offen. Ob es nun um dieses Wort geht, oder um ihre generelle Haltung. Aber die Botschaft der Jury ist es ja auch, zu sensibilisieren: für den Umgang mit der Sprache und welche Bedeutung wir dabei einzelnen Worten zukommen lassen. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns als Gesamtbevölkerung bewusst machen, wie wir mit Sprache umgehen. Ob man damit alle Nischen erreicht, in denen dieses Wort verwendet wurde, da bin ich mir nicht so sicher.

Zur Person

Alexandra-Katharina Kütemeyer leitet das Politikressort der Frankfurter Rundschau. Zuvor arbeitete die Journalistin unter anderem als Dozentin und Beraterin für Social Media und digitale Transformation, sie war Mitglied der Chefredaktion des Bremer Weser-Kurier und Head of Social Media beim Stern.

Hebel: Es gibt in der Jury auch immer die Debatte: Wenn wir diese Dinge rügen, wen erreichen wir damit eigentlich? Das war auch für einige Jurymitglieder ein Grund, immer wieder zu fragen, ob es noch sinnvoll ist, auf die Verletzung eines Konsenses von Sprachgebrauch zu verweisen, den es gar nicht mehr zu geben scheint. Der Konsens, was sagbar ist und was nicht, ist offenbar sehr brüchig geworden. Da haben wir uns auch gefragt, springen wir jetzt nur noch über die Stöckchen der Rechten und greifen stets das auf, was die uns vorsetzen? Meine Antwort darauf lautet: Auch wenn wir die Hardliner auf der Straße oder sonstwo nicht erreichen, ist es sehr wichtig, durch die Wahl von Unwörtern und die Begründung, die wir mitliefern, auch bei denjenigen nochmals das Bewusstsein und die Argumentationsfähigkeit zu stärken, die es selbst ablehnen so zu sprechen. Vielleicht dient diese öffentliche Unterstützung auch als Argumentationshilfe, um besser mit solchen Auswüchsen umgehen zu können. Es geht also nicht nur darum, diejenigen direkt zu erreichen, die Unwörter gebrauchen, sondern auch darum, einen Anlass zur öffentlichen Diskussion über den Sprachgebrauch zu geben, der helfen kann, diese Auswüchse einzudämmen.

Wie ist der Prozess verlaufen, ist der Jury die Wahl leicht gefallen?

Kütemeyer: Wie die Jury-Vorsitzende Nina Janich es auch gesagt hat, war die Jury sich selten so einig. Bei der Rückführungspatenschaft hatten viele früh dafür votiert. Dann entstand eine Diskussion, da einerseits die Pandemie das Jahr sehr dominiert hatte, und es auf Unverständnis stoßen könnte, wenn kein Wort aus diesem Bereich gewählt würde. Und andererseits wurde argumentiert, dass die Rückführungspatenschaften eine derart wichtige Entwicklung bezeichnen, dass man das Wort nicht außen vor lassen könne – eben auch, weil es die Aufgabe der Unwort-Jury sei, auf Worte hinzuweisen, die ansonsten untergehen würden. So kam es zur Wahl des Unwort-Paares.

Ein weiterer häufig eingesandter Begriff war „Querdenken“ sowie „Querdenker“. Auch ein einst positives, nun von den Rechten auf perfide Weise gekapertes Wort. Perfide, da insbesondere zu Beginn der Querdenker-Demos viele Menschen dieser Bezeichnung auf den Leim gegangen sind. Warum hat sich der Begriff in der Jury nicht durchgesetzt?

Hebel: Aus meiner Sicht handelt es sich nicht um ein Unwort, wie ich es definiere. Aus folgendem Grund: Die Menschen, die diesen Begriff für ihren Schwachsinn, den sie erzählen, gekapert haben, gebrauchen ihn genau in dem Sinne der Bedeutung, die das Wort Querdenker auch hat. „Wir sind diejenigen, die Denkroutinen nicht einfach nur übernehmen, sondern sich querstellen und andere Perspektiven einnehmen.“ Deshalb geht es in diesem Fall nicht um das Wort, sondern darum, dass es von einer inhaltlichen Seite gekapert worden ist, die mir und wahrscheinlich allen in der Jury zutiefst zuwider ist. Unwörter zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie verschleiern und in die Irre führen. Mit den Querdenkern verhält es sich ein bisschen anders. Es gab auch Leute, die fanden die Politik von Angela Merkel ganz furchtbar. Dann haben sie das Unwort „Merkel“ vorgeschlagen. Aber dadurch, dass Merkel eine unmögliche Politik macht, wird das Wort Merkel nicht zum Unwort.

Zur Person

Stephan Hebel ist FR-Leitartikler und Autor seit 1986. Er diskutiert regelmäßig im Presseclub der ARD und war langjähriges Mitglied in der Jury für das Unwort des Jahres.

War die Jury willens, das Wort „Querdenken“ in seiner ursprünglichen Bedeutung zu retten, etwa durch eine lobende Erwähnung?

Hebel: In der Jury fiel der Satz, als Begründung, es nicht zum Unwort zu wählen: „Ich möchte dieses Wort noch retten.“ Sozusagen als Begriff für die vernünftig Querdenkenden. Wir hatten auch darüber gesprochen, dies in der Begründung zu erwähnen, das ist aber dann nicht passiert. Konsens war, wir würden es gerne retten und wiedergewinnen für diejenigen, die es wert sind, so bezeichnet zu werden.

Aber ist dieses Wort ohne diesen Zusammenhang denn noch verwendbar?

Hebel: Wenn nicht, haben die anderen gewonnen.

Pünktlich zur Verkündung des Unwortes laufen die rechten Foren ja regelmäßig über mit Bemerkungen wie: „Da mischt sich eine selbsternannte linke Jury ein und tut so, als müsste sie die Sprache bewahren, dabei geht es nur um die Verteidigung der Migrationspolitik.“ Wie mürbe macht euch das, wenn man es im Grunde schon voraussehen kann?

Hebel: Mürbe kamen mir weder die Mitglieder noch die Jury-Sitzungen jemals vor. Ich habe das nun zehn Jahre durchgehend gemacht und die Jury-Diskussionen gehören für mich zu den schönsten Terminen. Aber tatsächlich ist diese Frage auch immer wieder ein Thema gewesen. Leute haben uns regelmäßig vorgeworfen, uns als linke Sprachpolizei aufzuspielen. Die haben aber den Unterschied zwischen Meinungskampf und -verbot nicht verstanden. Das sind oft Leute, die sich am Meinungskampf insofern beteiligen, als sie ihrerseits Begriffe zu prägen versuchen. Natürlich haben sie verstanden – aber sie wollten es nicht verstehen –, dass es tatsächlich zur Demokratie gehört, sich immer wieder öffentlich und streitig Gedanken darüber zu machen, wie wir eigentlich sprechen. Gibt es einen demokratischen Diskurs, der nicht diffamierend, diskreditierend, verschleiernd oder irreführend ist? Die Aktion Unwort des Jahres ist eine unabhängige Aktion, die ausschließlich davon lebt, dass sie öffentlich zur Kenntnis genommen wird. Sie verfügt über keinerlei Machtmittel. Diese Aktion hat sich immer wieder auch darüber verständigt, dass sie daran festhalten wird, die Hegemonie des sachlichen, faktenbezogenen Sprechens zu verteidigen. Und weil du die Migrationspolitik angesprochen hast: Was können wir eigentlich dafür, dass sich vor allem diejenigen, die eine bestimmte Politik machen, auch der meisten Unwörter bedienen? Das ist nicht unsere, sondern deren Schuld.

Wenn das Volk nicht spielen darf, dann herrscht die „Corona-Diktatur“.

Katharina, wie gehst du mit dem Wissen um diese immer wiederkehrende Kritik an die neue Aufgabe heran?

Kütemeyer: Zum einen freue ich mich auf die Aufgabe. Ich saß ja bei der Jurysitzung zum Unwort des Jahres 2020 als Zuhörerin dabei und habe selten einem interessanteren Austausch beigewohnt. Es ist sehr spannend und erhellend, sich in ganz differenzierten Facetten darüber zu unterhalten, was bestimmte Worte aussagen, welche Bedeutung ihnen zugesprochen wird und was dieser Sprachgebrauch mit unserer Gesellschaft macht. Für mich als Journalistin ist der Umgang mit Sprache seit jeher etwas, mit dem ich mich stark beschäftige. Nun zusammen mit Sprachwissenschaftlern ganz gezielt auf Worte zu schauen, die Menschen einreichen – es ist ja nicht so, dass die Jury die Auswahl bestimmt – und sich damit auseinanderzusetzen, eröffnet einen ganz neuen Blick auf unsere Gesellschaft. Und dann zur Entscheidung zu kommen: dieses eine Wort verdient es, Unwort des Jahres zu werden, und damit der Gesellschaft zu spiegeln, wie wir Sprache verwenden und was das mit uns macht. Das empfinde ich als etwas sehr Wichtiges.

Stephan, du verlässt die Jury nach zehn Jahren. Wirst du bei diesen Worten nicht etwas wehmütig?

Hebel: Ja, das ist mit Wehmut verbunden. Diese Wehmut hat sich nach der diesjährigen Jury-Diskussion nochmals gesteigert, weil wir mit der Publizistin Kübra Gümüsay eine ganz großartige Gastjurorin hatten. Sie hat sich auf eine wunderschöne Art und Weise an der Diskussion beteiligt. Ich erinnere mich auch an Diskussionen mit Georg Schramm, Ingo Schulze und Heiner Geißler damals, beim ersten Mal. Ich erinnere mich an den Charakter dieser Diskussionen, die mir auch wahnsinnig gut getan haben für meine journalistische Arbeit. Ich finde es aber absolut richtig, dass wir nun beschlossen haben, die Arbeit an jüngere Menschen weiterzureichen. Aber ja, da ist ein echter Abschiedsschmerz dabei. Kein kleiner.

Interview: Boris Halva und Andreas Sieler

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