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Das Irren fand er menschlich

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Klaus Dörner, 2013 in seiner Hamburger Wohnung. imago images
Klaus Dörner, 2013 in seiner Hamburger Wohnung. imago images © Imago

Der Psychologe Klaus Dörner hat sich dafür starkgemacht, psychisch kranke Menschen nicht auszugrenzen. Ein Nachruf

Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Klaus Dörner hat diese Kierkegaard’sche Weisheit konsequent angewendet auf die Psychiatrie. Grundlegend ist seine Studie „Bürger und Irre“ von 1969, mit der zentralen Botschaft, dass die Kasernierung der „Unvernünftigen“, der „Irren“ und damit ihr Verschwinden aus dem gemeinschaftlichen Alltag gefährlich sei.

Mit Beginn seiner ärztlichen Tätigkeit 1968 in Hamburg traf er auf eine Psychiatrie, die ihre jüngere Geschichte verdrängt hatte. Allzu verstrickt waren die nach 1945 psychiatrisch Verantwortlichen in die Verbrechen der deutschen Psychiatrie zwischen 1933 und 1945. Es folgte ein jahrelanger zäher Kampf um die Rehabilitation der Opfer, denen allzu lange Anerkennung und Entschädigung verweigert wurden.

Hartnäckig und mit großem Engagement gelang es ihm, dass der Nürnberger Ärzteprozess von 1946/47 vollständig dokumentiert wurde und er 2001 – mit Angelika Ebbinghaus – den Sammelband „Vernichten und Heilen – Der Nürnberger Ärzteprozess und seine Folgen“ herausgeben konnte.

Diese Medizinverbrechen waren auch möglich, weil eine seelenlose Medizinbürokratie Zugriff auf die psychisch kranken Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten hatte. Diese historische Erfahrung hat Dörners tiefe Skepsis gegen die dauerhafte Unterbringung von chronisch psychisch Kranken begründet. Und so hat er in seiner Zeit als leitender Arzt der Westfälischen Klinik in Gütersloh zwischen 1980 und 1996 bewiesen, dass die Dauerhospitalisierung chronisch psychisch Kranker unsinnig und menschenfeindlich ist und sämtlichen sogenannten „Langzeitpatienten“ der Gütersloher Klinik ein freies Leben in ihrer Heimatgemeinde ermöglicht. In „Ende der Veranstaltung: Anfänge der Chronisch-Kranken-Psychiatrie“ kann man nachlesen, wie sich die Lebensqualität der sogenannten Langzeitpatient:innen entwickelt hat.

Von 1986 bis 1996 war Klaus Dörner der Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke. „Die Person ist das einzige Mittel in der Psychiatrie, das zählt“ – das war einer seiner Lehrsätze. Er hatte ein echtes Interesse für den anderen, den Fremden und ein feines Gespür für die Grenzen des Verstehens. Die Anleitungen für ein solches Psychiatrieverständnis sind in seinem mit Ursula Plog verfassten Lehrbuch „Irren ist menschlich“ überzeugend beschrieben.

Die wohl schwierigste Zeit seines Berufslebens hat Klaus Dörner 1990/91 erlebt. Er musste erfahren, dass ein Pfleger seiner Klinik Patient:innen getötet hatte. Dörner ist offen mit eigenen Fehlern umgegangen und hat seine Überlegungen dazu aufgeschrieben und in einem eindrücklichen Vortrag 1992 in Berlin referiert.

Klaus Dörner war nie Everybody's Darling. Er wurde in Hamburg als Chefarzt nicht gewollt. Sein konsequentes Eintreten für die Rechte psychisch kranker Menschen war keinesfalls unumstritten. Er sagte, was er dachte und tat, was er sagte. Die deutsche Psychiatrie hat eine prägende und inspirierende Persönlichkeit verloren. Am 25. September ist Klaus Dörner in Gütersloh gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.

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