Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Weideland und Videokameras: Rund 2000 Nashörner leben auf John Humes Farm. mark lewis
+
Weideland und Videokameras: Rund 2000 Nashörner leben auf John Humes Farm. mark lewis

Tierschutz

Das Horn-Dilemma

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
    schließen

John Hume betreibt in Südafrika die größte Nashorn-Farm der Welt – und ist überzeugt, dass Menschen wie er das Überleben der Tierart erst ermöglichen. Warum also sollte er nicht deren Horn verkaufen dürfen?

Nashörner sehen schlecht. Das wird ihnen oft zum Verhängnis, kann aber auch von Vorteil sein. Etwa im Fall der Nashörner von John Hume, der die Tiere auf seinem unspektakulären Landsitz hält, nur wenige Kilometer außerhalb des trostlosen südafrikanischen Minenstädtchens Klerksdorp. Die Dickhäuter nehmen ihre karge und fast baumlose Umgebung vermutlich nicht wahr – ebenso wenig, dass sie von einem über zwei Meter hohen Zaun mit Kameras umzingelt sind. Allerdings werden sie bemerkt haben, dass sie auf dem 8000 Hektar großen Grundstück nicht alleine sind. Sie müssen es vielmehr mit fast 2000 Artgenossen teilen. Hume besitzt die größte Rhinozeros-Farm der Welt. Der knapp 80-jährige Landwirt könnte 500-facher Dollar-Millionär sein.

Auch am Tor zur „Buffalo-Dream-Farm“ hängt eine Nachtsichtkamera: Nach kurzer optischer Inspektion des Besuchers zieht sich das Stahlgatter zurück. Zum Gutshaus seien es noch weitere drei Kilometer, krächzt es aus der Sprechanlage. Man solle den Beschilderungen folgen. Gleich hinter dem Tor ist die erste Nashornfamilie auszumachen, ihr werden im Abstand von wenigen Hundert Metern noch viele weitere folgen. Allen Rhinos ist gemein, dass sie statt eines langen Horns nur einen Stumpf auf ihrer Schnauze tragen.

Hinter einer Kurve tauchen zwei Geländewagen auf, die einem Nashorn nachjagen. Aus dem ersten Fahrzeug feuert eine junge Frau einen Schuss ab. Eine Spritze bohrt sich ins Hinterteil des Rhinozerosses. Das bleibt verdutzt stehen, schüttelt sich, zuckt mit den Beinen und sackt schließlich in sich zusammen.

Jetzt eilen aus dem zweiten Fahrzeug fünf Männer herbei und wuchten den kollabierten Koloss in eine halbwegs komfortable Lage. Einer misst die Länge seines Horns, ein anderer schiebt ihm ein Thermometer in den Po. Ein Dritter macht sich mit einer Stichsäge an seinem Horn zu schaffen, während ein Vierter Wasser auf den Nasenfortsatz spritzt, damit dieser nicht von der Sägehitze Flammen fängt. Unterdessen fängt ein Fünfter die herabfallenden Hornspäne in einem Döschen auf. Jedes Gramm Keratin des Nashorns ist mehr wert als Gold oder Kokain. Mit einem einzigen Kilogramm Horn könnte John Hume auf dem Schwarzmarkt 60 000 US-Dollar machen.

Als der Nasenfortsatz abgetrennt ist, wird er gewogen und mit roter Tinte markiert. Später bringt ihn ein bewaffneter Kurier zur Schatzkammer John Humes. An dem streng geheim gehaltenen Ort lagern angeblich schon Tausende an Hörnern mit einem Gewicht von insgesamt acht Tonnen.

Rein rechnerisch könnte der Farmer diese auf dem Schwarzmarkt in 480 Millionen US-Dollar verwandeln. Doch in Wirklichkeit ist der Schatz für Hume nicht mehr wert als eine Müllladung. Der Nashornfarmer darf seinen Lagerbestand nicht ins Ausland verkaufen, weil zumindest der internationale Handel mit Rhino-Horn seit mehr als vier Jahrzehnten verboten ist. Viel Geld wäre mit den verhärteten Nasenfortsätzen vor allem in China und Vietnam zu machen, dort gilt das Keratin als Wundermittel gegen Krebs, Epilepsie und Impotenz.

John Hume sitzt in einem weiträumigen Büro seines mit unzähligen Nashorngemälden dekorierten Farmhauses und sticht mit seinem Jagdmesser auf den zum Tee gereichten Biskuit ein. „Heller Wahnsinn!“, schimpft der Farmer: „Wir retten eine der am schlimmsten bedrohten Tierarten der Welt vor dem Aussterben und werden dafür auch noch bestraft.“ Der ehemalige Minen-Konzessionär und Bauträger von Feriensiedlungen hat nach eigenen Worten sein gesamtes Vermögen in die Aufzucht der Nashörner investiert, viele Millionen US-Dollar. „Jetzt bin ich pleite“, klagt Hume – was in erster Linie den weltweiten „Bunny-Huggern“ zuzuschreiben sei. Sie hätten auf Leute wie ihn zur Jagd geblasen.

Bis vor gut zehn Jahren war wenigstens der Handel mit Nashorn innerhalb Südafrikas erlaubt, erklärt der Rhino-Farmer. Doch kurz vor der Fußball-WM in Südafrika verhängte der Umweltminister auch ein Moratorium über den inländischen Handel. Die Regierung habe für die WM einen guten Eindruck machen wollen, schimpft Hume. Er habe dabei jedoch die Falschen zu Sündenböcken gemacht: Vor allem privaten Wildtierfarmern sei es nämlich zu verdanken, dass sich die Zahl der südlichen Breitmaul-Nashörner von wenigen Hundert vor 50 Jahren heute wieder auf fast 20 000 Exemplare erholt hätten. Zwei Drittel von ihnen leben auf privaten Wildfarmen.

Wilde Tiere zu züchten, ist nur im südlichen Afrika möglich. Dort setzten weiße Rancher noch in der Kolonialzeit durch, dass wilde Tiere nicht dem Staat, sondern den Besitzerinnen und Besitzern des Grund und Bodens gehören, auf dem sie sich tummeln. An der Südspitze des Kontinents entwickelte sich deshalb ein reger Markt mit Wildtieren, die auf Auktionen ihre Besitzer:innen wechseln und mit Lastwagen oder gar Hubschraubern in ihre neue Heimat verfrachtet werden.

Vor der großen Wildereiwelle, die 2015 auf ihrem Höhepunkt anlangte, brachten Nashörner bei Auktionen bis zu 30 000 US-Dollar ein. Doch mit dem Moratorium brach der Markt ein, und die Wildereiwelle brachte ihn vollends zum Stillstand. Unter den gegenwärtigen Umständen will keiner mehr ein Rhino, weil die nötigen Maßnahmen für seinen Schutz vor Wilderern viel zu teuer sind.

John Hume gab die Hoffnung trotzdem nicht auf. Er klagte gemeinsam mit einem anderen Nashornfarmer gegen das Moratorium – und siegte. Vor vier Jahren musste der inländische Handel wieder zugelassen werden. Das Gerichtsurteil ermutigte Hume, auch auf die Wiederaufnahme des internationalen Handels zu setzen. Die Regierung schürte solche Hoffnungen noch. Bei jeder Konferenz des Washingtoner Artenschutzübereinkommens „Cites“ stellte Südafrika gemeinsam mit seinen Nachbarn den Antrag, den Handel mit Nashorn und Elfenbein zumindest vorübergehend zu erlauben – um den Farmern den Verkauf ihrer Bestände zu ermöglichen, mit denen sie dann ihren Einsatz zum Schutz der Dickhäuter weiter finanzieren könnten.

Auf diese Weise werde auch den Wilderern das Wasser abgegraben, meint Hume. Weil sich Kundinnen und Kunden aus China und Vietnam dann auf dem legalen Markt bedienen könnten und nicht auf den Schwarzmarkt ausweichen müssten. „Eine Win-win-win-Situation“, sagt Nashornfarmer Hume. Für alle sei es ein Sieg: für die Tiere, für die, die sie züchten, und für die Konsument:innen.

Trotzdem wurden die Anträge aus dem südlichen Afrika bei den „Cites“-Konferenzen regelmäßig abgeschmettert. Man verwies auf negative Erfahrungen bei vorübergehenden Aufhebungen des Handelsverbots. Gleich zweimal habe die Legalisierung zu einer Zunahme der Wilderei geführt. Statt den Schwarzmarkt zu fluten, wurden ihm offenbar Flügel verliehen. Er glaube nicht an diese Zahlen, sagt John Hume: „Das sind Gerüchte, die die spendenfetten Nichtregierungsorganisationen streuen.“

Nachdem der Farmer den dritten Biskuit mit seinem Messer erlegt hat, kommt er auf sein ökologisches Glaubensbekenntnis zu sprechen: „Only what pays stays“ – nur was sich auszahlt, bleibt erhalten. Wenn der Schutz von Tieren keinen wirtschaftlichen Erfolg bringe, sei auch ihre Erhaltung ausgeschlossen. Kaum überraschend wird dieses Credo von so gut wie allen privaten Wildfarmern geteilt. Überraschenderweise bekannte sich jedoch auch die vom Afrikanischen Nationalkongress (ANC) geführte Regierung dazu. Sie schaute viele Jahre lang selbst dem Treiben auf den rund 350 südafrikanischen Löwenfarmen tatenlos zu, wo mehr als 8000 Könige der Tiere von ihren Züchter:innen wie Schlachtvieh behandelt werden. Als Babys werden sie gut bezahlenden Touristinnen und Touristen zum Kuscheln zugeführt, kaum erwachsen geworden, werden sie noch viel besser bezahlenden „Großwildjägern“ aus Übersee vor die Flinte gelotst.

Nach dem Abknallen dürfen die mutigen Waidmänner den Löwenkopf mitsamt Fell als Trophäe behalten, während der Farmer den Rest für sich behält. Er trennt die Löwenknochen vom Fleisch ab, lässt sie trocknen, zu Pulver mahlen und nach Fernost verschicken. Dort wird es in heißem Wasser aufgelöst als Kräftetee getrunken, der für Potenz und Muskelmasse sorgen soll.

Bis vor kurzem war das alles legal. Trotz jahrelanger Proteste internationaler Tierschutzorganisationen stellte sich die fast ausschließlich schwarze ANC-Regierung den fast ausschließlich weißen Löwenschänder:innen nicht in den Weg. Wenn es ums Geldverdienen geht, ziehen die ungleichen Parteien am selben Strang – zumindest war das bis Ende vergangenen Monats so.

Dann aber stellte Barbara Creesy, Südafrikas Ministerin für Forstwesen, Fischerei und Naturschutz, der Öffentlichkeit einen fast 600-seitigen Bericht vor, den eine 25-köpfige Kommission in den vergangenen zwei Jahren ausgearbeitet hatte. Ihr Auftrag: den sachgemäßen Umgang mit vier der prominentesten südafrikanischen Wildtierarten zu regeln – Elefanten, Löwen, Nashörnern und Leoparden.

Das Resümee der mit Wissenschaftler:innen, Naturschützer:innen, Regierungsbeamt:innen, Farmer:innen und Vertreter:innen der in der Nachbarschaft von Naturschutzgebieten lebenden Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner besetzten Kommission fiel überraschend und überraschend einmütig aus: Fast alle Kommissarinnen und Kommissare sprachen sich für ein Verbot der Löwenfarmen, gegen die Legalisierung des Nashornhandels und einer Neuausrichtung des offiziellen Tierschutzes aus – weg von ökonomischen und hin zu ökologischen Gesichtspunkten. „Wir werden bei Cites nicht mehr auf eine Liberalisierung des Handels mit Rhino-Horn drängen“, kündigte Barbara Creezy an.

Auf John Humes Nashornfarm schlug der Kurswechsel wie eine Bombe ein. Zwar hat der Gutsherr den 600-seitigen Berichtswälzer noch nicht gelesen und will deshalb keinen detaillierten Kommentar abgeben, aber zumindest so viel steht fest: „Ich werde Buffalo Dream entweder verkaufen oder einen zweiten Investor finden müssen.“ Ausgeschlossen ist dagegen, die weltgrößte Rhino-Farm einfach dichtzumachen: „Was soll dann aus den Tieren werden?“ Die Frage stellt sich allerdings in jedem Fall.

Rettung und Rendite: Für Farmer John Hume zählt beides. mark lewis
Schützen und sägen: Humes Mitarbeiter trennen ein Horn ab. mark lewis
Messen und markieren: Ein Kilo Keratin ist 60 000 Dollar wert. mark lewis

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare