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Das große Bangen

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Von: Joachim Wille

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Trübe Aussichten trotz glänzendem Panzer? Der Rossmistkäfer, von Insektenfans liebevoll Geotrupes stercorarius genannt. F. Rahn/dpa
Trübe Aussichten trotz glänzendem Panzer? Der Rossmistkäfer, von Insektenfans liebevoll Geotrupes stercorarius genannt. F. Rahn/dpa © dpa

Es gibt zwar Arten, die sich erholt haben – aber die jüngste Rote Liste zeigt, dass bundesweit fast ein Drittel der Insektenarten im Bestand gefährdet ist

Bienen und Schmetterlinge zählen dazu, auch Laufkäfer, Köcherfliegen oder Ameisen. Für die Biodiversität sind die Insekten unersetzlich. Sie stellen 70 Prozent aller Tierarten. Doch auch hier grassiert der Artenschwund, und zwar weltweit. Eine neue Rote Liste des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) belegt das nun erneut auch für Deutschland.

Vor fünf Jahren kam das Thema Insektensterben hierzulande in die Schlagzeilen. Ehrenamtliche Insektenkundler:innen vom Entomologischen Verein Krefeld legten damals ihre Untersuchungen zu Fluginsekten vor. Es zeigte sich: Der Rückgang seit Beginn ihrer Erhebungen anno 1989 war zum Teil beträchtlich – mit Spitzenwert minus 82 Prozent. Nun hat das BfN seine offizielle Rote Liste zu den wirbellosen Tieren komplettiert. Fazit: Fast ein Drittel der untersuchten Arten ist im Bestand gefährdet.

Das Bundesamt hat die Insekten in drei Tranchen untersuchen lassen. In dem am Mittwoch vorgelegten dritten Teil geht es vor allem um Käfer, zum Beispiel Blattkäfer oder Rüsselkäfer, aber auch um Fliegen, darunter Libellen, Steinfliegen und Eintagsfliegen. Von den darin erfassten knapp 6750 in Deutschland lebenden Arten fallen 26,2 Prozent in die Kategorien „vom Aussterben bedroht“, „stark gefährdet“, „gefährdet“ oder „Gefährdung unbekannten Ausmaßes“. Nur bei einigen wenigen Insektenarten haben die Bestände laut BfN zugenommen, die Rückgänge überwögen deutlich. Trotz Erfolgen durch Naturschutzprojekten bleibt danach die Gefährdung besonders bei den Arten hoch, die an Gewässern leben.

Die Präsidentin des Bundesamtes, Sabine Riewenherm, kommentierte: „Die neue Rote Liste bestätigt den negativen Trend, der sich in den ersten beiden Bänden gezeigt hat.“ In den drei Bänden wurden insgesamt mehr als 15 000 wirbellose Arten untersucht, darunter 14 000 Insektenarten. Davon sind mehr als 4600 Arten oder 29,6 Prozent in ihrem Bestand gefährdet, also fast ein Drittel.

Die aktuelle Liste zeigt, dass die Gruppen der Steinfliegen und der Eintagsfliegen besonders stark betroffen sind, die Quoten liegen hier bei 46,4 respektive 40,5 Prozent. Und hier kommt der Gewässerschutz in Spiel. Das BfN erläutert: Viele dieser Arten bewohnen Binnengewässer, wobei sie naturnahe Gewässer und Uferbereiche bevorzugen.

Seit Beginn der Industrialisierung sind die Bestände aufgrund der Wasserverschmutzung zurückgegangen, und obwohl die Bäche, Flüsse und Seen in den letzten 25 Jahren sauberer wurden, haben sich viele noch nicht vollständig erholt. Hier gebe es „dringenden Handlungsbedarf“, meinte Riewenherm. Die Schadstoffbelastung der Gewässer müsse weiter verringert werden, zudem gelte es, Bäche, Flüsse und Seen wieder naturnäher zu gestalten sowie heute noch naturnahe Gewässer und ihre Uferbereiche zu erhalten.

Auch bei den Käfern ist laut BfN der Schwund naturnaher Lebensräume das Hauptproblem. Arten, die in offenen oder halboffenen Landschaften leben, sind danach vor allem durch die weiter fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft gefährdet. Auf Arten, die sich wie etwa Mistkäfer vom Dung anderer Tiere ernähren, wirkten sich die Aufgabe der Weidewirtschaft zugunsten von Stallhaltung und die Medikamentengabe in der Tierzucht, etwa von Antibiotika, negativ aus.

Die Bilanz zeigt erneut, dass eine Trendwende bei der Erhaltung der Artenvielfalt noch nicht erreicht ist. Ob die neue Bundesregierung sie schaffen kann, ist offen. Immerhin gibt es im Koalitionsvertrag der Ampel klare Bekenntnisse zum Schutz der Biodiversität, und wörtlich heißt es darin: „Wir setzen uns für konsequenten Insektenschutz ein, werden den Einsatz von Pestiziden deutlich verringern und die Entwicklung von natur- und umweltverträglichen Alternativen fördern.“ Ein Ziel ist zum Beispiel die Ausweitung des Ökolandbaus von derzeit rund zehn auf 30 Prozent bis 2030. Zum Thema Gewässer-Renaturierung hält der Ampel-Vertrag sich bedeckt, allerdings soll die Wasserqualität verbessert werden.

Wie prekär die Lage für Insekten weltweit ist, zeigte auch eine Untersuchung der Universität Sydney aus dem Jahr 2019, für die die Autor:innen 73 Langzeitstudien von allen Kontinenten ausgewertet hatten. Ergebnis: Rund 41 Prozent aller untersuchten Insektenarten waren im Rückgang, ein Anteil doppelt so hoch wie bei den Wirbeltieren. Jede dritte Insektenart sei vom Aussterben bedroht, und jedes Jahr komme ein Prozent aller Insektenarten dazu, hieß es darin.

Da auch der Mensch auf Insekten angewiesen ist, etwa als Blütenbestäuber für den Nutzpflanzenanbau, sollte ihn das nicht kalt lassen. Ein anderes Forschungsteam hat ausgerechnet, dass ein Zusammenbruch der Bestäubungsleistung in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie weltweit finanzielle Verluste von jährlich bis zu 577 Milliarden US-Dollar brächte.

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